Kraftwerk - Tour de France soundtracks

Kraftwerk- Tour de France soundtracks

Kraftwerk / Kling Klang / EMI
VÖ: 04.08.2003

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Etappensieg

Kraftwerk. Da war doch mal was. Irgendwann in der Steinzeit, als man sich noch fast ausschließlich von Neonröhren und 5¼"-Disketten ernährte. Einem gewissen Benjamin von Stuckrad-Barre zufolge sollen echte Kraftwerk-Fans in den Achtziger Jahren einmal Industriegebiete entworfen haben und inzwischen längst ausgestorben sein. Irgendwann im letzten Jahrhundert also avancierten die Mensch-Maschinen aus dem Rheinland zur international bekanntesten, erfolgreichsten und überhaupt einflußreichsten Band aus Deutschland (Scorpions? Nena? Rammstein? Nicht einmal ansatzweise!). Pioniere des Krautrock, Erfinder des Synthpop, Urahnen von Techno und House. "Autobahn", "Das Model", "Die Roboter" - beinahe jeder Track ein Bit, äh, Hit. Doch nach dem '86er Album "Electric cafe" schien den Schaltkreisen der Düsseldorfer ein wenig das Silizium ausgegangen zu sein. Ein zwiespältiges Remixalbum hier, ein paar verlorene Livegigs dort und zwischendurch auch mal ein maues Expo-Jingle. "Musique non stop" geht anders. Ganz anders.

Tour de France. Da war doch auch was. Neulich erst jeden Tag stundenlang im Fernsehen. Nicht ganz zweihundert Leute auf Fahrrädern, die durch tropische Hitze rollten, absurd hohe Berge nachgerade hoch flogen und immer mal wieder über den Boden rutschten. Bis ganz zum Schluß wurde gehofft und gebangt, und nach 3427,5 Kilometern trennten den Ersten und den Zweiten gerade mal mickrige 61 Sekunden. Die diesjährige Frankreich-Rundfahrt erwies sich dem einhundertjährigen Jubiläum in Sachen Spannung absolut würdig.

Angemessen spektakulär sollte denn auch die eigens für dieses Ereignis endlich Realität gewordene Rückkehr von Kraftwerk sein. So besteht "Tour de France soundtracks" denn auch nicht wie vielleicht befürchtet aus einem Dutzend Remixes des Klassikers "Tour de France", sondern bietet tatsächlich neues Material. Zumindest überwiegend. Denn auch nach den drei namentlichen Varianten des runderneuerten Titeltracks tauchen immer wieder Versatzstücke, Themen und Motive auf, die sich aus der damaligen Sampleorgie oder der heutigen Rematerialisation speisen. Nie aufdringlich und für radiokompatiblen Technopop unerwartet subtil.

Selbst wenn sich die Streckenführung der einzelnen Etappen bisweilen ähnelt, setzen Kraftwerk mit ihrem Heer aus Vocodern, Synthesizern, MIDI-Controllern, Samplern und Oszillatoren nicht auf Angriff. Die schnurgerade Beständigkeit des Zeitfahrens statt des schnellen Kicks der Sprinter. Schwebende Flächen, gemächliche Melodiebögen, populäre bis populistische Rhythmen jenseits von Hektik. Ohne sonderlich gehaltvolle Texte, aber dafür mit durchdachten Texturen. Das Gesamtkunstwerk Kling Klang zeigt sich, wenn schon nicht auf der Höhe der Zeit, so doch als noch immer meisterliche Vertretung einer völlig nostalgischen Elektronik-Variante, die den eigenen Anspruch beinahe erfüllt: "Perfection mékanik."

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Tour de France Étape 1
  • Aéro dynamik
  • Elektro kardiogramm
  • Tour de France

Tracklist

  1. Tour de France Étape 1
  2. Tour de France Étape 2
  3. Tour de France Étape 3
  4. Chrono
  5. Vitamin
  6. Aéro dynamik
  7. Titanium
  8. Elektro kardiogramm
  9. La forme
  10. Régéneration
  11. Tour de France

Gesamtspielzeit: 55:59 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Krietscher Komfort
2017-07-19 20:19:46 Uhr
Geiles Album
Bonzo
2010-11-25 10:56:42 Uhr
Jepp, ich finds auch sehr stark.
Besonders live ist es klasse.
Kolle 7/
2010-11-25 10:18:03 Uhr
Was ist Hulle 8)?
Watchful_Eye
2010-11-24 20:43:46 Uhr
Hab seit kurzem das Kraftwerk-Boxset.. "Tour de France" hätt ich mir als Einzel-Album wohl nie geholt, weil ich mir nichts besonderes erwartet hätte.. aber falsch gedacht, das Album zählt zu den besten von Kraftwerk.

Natürlich konnte im Jahre 2003 die elektronische Musik nicht nochmal neu erfunden werden, aber wie auch zuvor sind Kraftwerk nicht stehengeblieben und haben ihren Stil mit modernen Einflüssen vermischt, ohne dabei primitiv oder kommerziell zu klingen.

Das Album groovt wie Hulle 8)
marc engelhard
2005-08-24 23:51:18 Uhr
Neuestes Beispiel für Kraftwerk-Einfluss: Coldplay!
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