Bohren & Der Club Of Gore - Patchouli blue

Bohren & Der Club Of Gore- Patchouli blue

PIAS / Rough Trade
VÖ: 24.01.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die große Schlagernacht

Zugegeben, was will man auch tun? Wenn die eigene Musik so abstrakt, so wortlos, so außerweltlich ist? Bohren & Der Club Of Gore stehen ja mithin unter Verdacht, ihren Jazz Noir so gut wie gar nicht weiterzuentwickeln. Das stimmt zwar in dieser Deutlichkeit nicht, aber wer einen so singulären Sound erschafft, erschwert es dem Hörer, graduelle Veränderungen wahrnehmbar zu machen. Muss eben die Tracklist herhalten. Die durchlief eine beeindruckende Evolution: Von trashigen B-Movie-Einfällen – "Dangerflirt mit der Schlägerbitch" ist womöglich einer der besten Songnamen aller Zeiten – über die Verweigerung jeglicher Benennung der Stücke auf "Midnight radio" bis zu geschmackssicheren englischen Titeln in der Hochphase. Meist mit "night" oder gar "midnight". Irgendwann konnte man die Sache an einer Hand abzählen. Seit "Piano nights" sind die Mülheimer aber in ganz anderen Gefilden unterwegs und ihr achtes Album "Patchouli blue" setzt den Weg fort. "Verwirrung am Strand", "Sollen es doch alle wissen", "Zwei Herzen aus Gold".

Bis auf den Titeltrack könnte die Songtitel auch einfach der neuen Andrea-Berg-Platte entliehen oder geradewegs von den Buchrücken der Groschenromanabteilung im Bahnhofsladen abgeschrieben sein. Und eine gewisse Schmierigkeit kann man diesen elf saxofonischen Etüden durchaus nicht absprechen. Telenovela statt Badalamenti? Wo sich die Schlager-Protagonistin in der opulenten, aber einsamen Villa am Strand nach einer romantischen Nacht vielleicht nur sentimental fragt, warum sie nicht Nein gesagt hat, liegt sie in der Welt von Bohren & Der Club Of Gore am nächsten Morgen leblos mit Würgemalen im Kingsize-Bett, während die frühe Sonne das Zimmer ausleuchtet. Auch "Patchouli blue" ist so etwas wie der Predator des Easy Listening: Auf leisen Sohlen bewegt er sich, kann unsichtbar in den Hintergrund schlüpfen, um von hinten die Klaue um den Hals zu legen. Ob das gruseliger ist als die Schreibweise von "Kusine", muss noch diskutiert werden.

Klar ist: Bohren & Der Club Of Gore bleiben unbeirrt bei ihren Leisten, und wer mit den Vorgängerplatten warm wurde, wird mit "Patchouli blue" auch keine Probleme haben. Von den langen Eskapaden zum Anfang des Albums über ein paar erstaunlich kurze Motiv-Variationen hin zum Chor aus Saxofonen im bezeichnend benannten "Meine Welt ist schön". Überhaupt ist das Blasinstrument noch einen Tick präsenter als sonst, ein Stück wie "Sollen es doch alle wissen" ist beinahe eine Solovorstellung für das eine Markenzeichen unter vielen. Eine leichte Schaurigkeit intensiviert sich, je näher man hinhört. Percussion kommt und geht ganz im Fluss, der Bass spielt stoisch im Takt. Auch wenn "Patchouli blue" wie schon das vor exakt sechs Jahren veröffentlichte "Piano nights" ein wenig unverbindlicher operiert: Wer ominöse Dunkelheit liebt, darf sich aber immer noch das Blut anfrösteln lassen, wenn die Hand wieder an der Kehle zu spüren ist. Atemlos durch die Nacht.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Verwirrung am Strand
  • Glaub mir kein Wort
  • Vergessen & vorbei

Tracklist

  1. Total falsch
  2. Verwirrung am Strand
  3. Glaub mir kein Wort
  4. Patchouli blue
  5. Deine Kusine
  6. Vergessen & vorbei
  7. Sollen es doch alle wissen
  8. Tief gesunken
  9. Zwei Herzen aus Gold
  10. Sag mir, wie lang
  11. Meine Welt ist schön

Gesamtspielzeit: 59:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

VelvetCell

Postings: 1828

Registriert seit 14.06.2013

2020-02-09 13:02:49 Uhr
Das neue Album unterscheidet sich aber schon recht deutlich von Piano Nights. Sicher: Nur innerhalb des festgesteckten Rahmens. Aber Patchouli Blue ist luftiger und verspielter als der Vorgänger.

carpi

Postings: 675

Registriert seit 26.06.2013

2020-02-09 12:59:39 Uhr
Finde auch, dass das Gesamwerk sehr homogen ist, wer sich im Bohren-Kosmos aus Schwerelosigkeit und Melancholie verlieren möchte, kann jedes Werk aus dem Regal ziehen.
Trotzdem ist es immer wieder schön, ein neues Werk kennenzulernen.

Dumbsick

Postings: 66

Registriert seit 31.07.2017

2020-02-09 06:15:04 Uhr
@analog kid: dem kann ich zustimmen, die ersten beiden Alben sind auch nicht meins. Das einzige Album, was danach in meinem Ranking etwas abfällt, ist Dolores.

Analog Kid

Postings: 601

Registriert seit 27.06.2013

2020-02-08 22:55:36 Uhr
Ja, ist wieder gut geworden.

Aber ehrlich, hab bei der Gelegenheit nochmal die Piano Nights gleichmal hinterdrein gehört, und so ein Gefälle in der Wertung seh ich hier echt nicht. Ist schon einfach auch wieder sehr same procedure as every 5 years oder so. Wenn ich Bock drauf hab, kann ich mir eigentlich jedes Bohren Album geben (bis auf die ersten beiden vielleicht, da zu sehr anders im Stil) das sind doch wirklich nur marginale Unterschiede imo.

carpi

Postings: 675

Registriert seit 26.06.2013

2020-02-08 22:05:15 Uhr
Der Club spielt mal wieder prächtig auf, vor allem auf dem Titeltrack, Tief gesunken und noch einigen anderen, bei rym verdientermaßen in den Top 10 für 2020, immerhin ist schon Februar:). Und 747 Bewertungen in einem Monat schaffen auch nicht mehr viele deutsche Acts.
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