Mint Mind - Thoughtsicles

Mint Mind- Thoughtsicles

Upper Room / Broken Silence
VÖ: 10.01.2020

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Frischer Atem, froher Noise

Während Dirk von Lowtzow im vergangenen Jahr sein erstes Buch "Aus dem Dachsbau" veröffentlichte, Jan Müller seinen recht erfolgreichen Pop-Podcast "Reflektor" an den Start brachte und Arne Zank sicherlich auch irgendwo irgendwas künstlerisch Wertvolles veranstaltete, zog sich Rick McPhail, der vierte Tocotronic-Boy im Bunde, mit seinem Nebenprojekt Mint Mind zurück und bastelte an einer Platte. "Thoughtsicles" ist die zweite Veröffentlichung des knarzigen Indierock-Trios, das mit Tocotronic erfrischend wenig gemein hat. McPhail singt sich hier leicht nölend durch zwölf rauschgetränkte Songs, die dem Hörer entweder innerhalb von zwei Minuten die Kauleiste polieren oder sich auf zehneinhalb Minuten ausdehnen und psychedelische Mantras durchdeklinieren.

Freilich, das kann man alles so machen. Sympathisch ist "Thoughtsicles" sowieso: Das Album hat eine Bierfahne, Dreck unter den Fingernägeln und Verschleißlöcher in den abgewetzen Kleidern, ist ergo kein durchgestyltes Hochglanzprodukt, sondern genau die Hobbyraum-Platte, die man im Jahr 2020 nicht wirklich erwarten würde. Von niemandem. Gebraucht hat diese zwölf Stücke wohl auch keiner, was die Erwartungshaltung also auf ein gesundes Maß schraubt. Mint Mind schrubben sich durch einen erratischen Stilmix aus scharfkantigem Indierock, bockigem Noise-Punk, schlingernder Psychedelia und kauzigen Kraut-Ausflügen, da ist dann natürlich für jeden etwas dabei. Außer Ohrwürmer oder Hits, die müssen draußen bleiben!

Besonderen Einfluss auf Mint Mind hatten alte Platten aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, McPhail soll im Vorfeld zum Beispiel eine Menge Mudhoney und Love And Rockets gehört haben. Und ja, das kommt hin: Im Opener "Alcoholicity" knarzt sich das Trio durch einen tollwütigen Fuzz-Rock-Song, der besonders gerne die spitzen Ellbogen ausfährt. "A road best traveled" erinnert in der Gitarrenarbeit dann doch ein wenig an den Sound, den McPhail bei Tocotronic etabliert hat: zärtlicher, zuneigungsvoller Lärm, der sich mit Nachdruck über die Melodien legt. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass Mint Mind auf erlösende Refrains und griffige Slogans verzichten. Schicht um Schicht wird hier Noise aufgetürmt, bis die Verstärkerboxen bedenklich fiepen.

Im zehnminütigen Titeltrack nehmen Mint Mind dann das Tempo und die Punk-Attitüde raus, hier spielen sie sich in einen be(un)ruhigenden, beinahe schon außerweltlichen Rausch. Spannungsbögen oder besonders unerwartete Entwicklungen gibt es zwar nicht, dafür einen Strudel aus Distortion und polternder Rhythmik, mit dem man sich mal richtig schön die Ohrmuscheln ausspülen kann. Griffiger rumpelt sich dann das folgende "Objects are closer than appearance" ins Ziel: Mit etwas mehr Wums hätte dieser Song auch ein Werk Josh Hommes sein können, hinzu kommen leichte Kraut-Spurenelemente. Besonders schön ist letztlich die als Bonus-Track vorliegende Coverversion von Billy Braggs Klassiker "A new England" aus dem Jahr 1983: Mint Mind lassen hier ausnahmsweise die Melodie regieren. Und sind in diesem Moment sogar am überzeugendsten.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • I love a good queue
  • Objects are closer than appearance
  • A new England (Bonus)

Tracklist

  1. Alcoholicity
  2. A road best traveled
  3. I love a good queue
  4. Brother, you're not my brother
  5. The hassle from the man
  6. Everyone is someone
  7. Thoughtsicles
  8. Objects are closer than appearance
  9. Sleepyhead pt. 1 (Pt. 3 of the leisure)
  10. Sleepyhead pt. 2 (Pt. 3 of the leisure)
  11. A new England (Bonus)
  12. Chosen time (Bonus)

Gesamtspielzeit: 44:25 min.

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Armin

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2020-01-12 22:51:02 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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