Samy Deluxe - Hochkultur

Samy Deluxe- Hochkultur

Vertigo / Universal
VÖ: 20.12.2019

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Bitte nicht lächeln

"Steckt den Stecker wieder rein, startet die Stromzufuhr / Samy ist zurück und bringt Euch Bitches Hochkultur." Eine warme Frauenstimme singt von Neubeginn und man glaubt es kaum. Hat Herr Deluxe nach all den Jahren doch noch die Selbstironie-Kirsche geschluckt und anschließend aus dem Witzbrunnen getrunken? Über Nacht kündigt der deutsche Rap-Routiner sein Comeback an und zieht, zumindest was die promotionslose Veröffentlichungspolitik betrifft, mit US-Größen wie Jay-Z, Kanye oder Kendrick gleich. In Sachen kritischem Storytelling und Rapstar-probater Protz-Unterhaltung herrscht leider weiterhin Nachholbedarf. Wer nach den Eingangszeilen aus dem Intro einen launigen Ausgleich von Slang- und (vermeintlich) höherer Kunstsprache erwartet hat, wird herbe auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Denn "Mentor" Samy meint es wieder einmal ernst: "Hinter den Kulissen / Wer vermittelt all das Wissen / Das wir brauchen, ohne dass es von den Medien gefiltert wird", fragt er und bringt sich dafür selbst in Stellung. Blöd nur, dass die Diskrepanz zwischen Anspruch und vorhandener Kreativleistung kaum größer und die geäußerte Kritik kaum plumper sein könnte. Blöd auch, dass das Intro diesbezüglich für den Rest des Albums Pate steht.

Womit Samy nämlich in erster Linie zu hadern scheint, ist sein Positionsverlust in der deutschen Musiklandschaft. Soziale Missstände müssen sich da trotz selbstauferlegtem Bildungsauftrag hinten anstellen. Der Hamburger tritt als zäher Einzelkämpfer auf. Thematisch völlig inkohärent gibt es dann noch ein paar Zeilen Gesellschaftskritik oben drauf. Die können aber gar nicht anders, als im Seichten zu schwimmen. So kommt es, dass "Privilegiert" zumindest den eigenen Minderheitenstatus in kontrastloser Rhetorik zur Superkraft erklärt. Der "Wickeda MC" hat es schließlich bis nach oben geschafft. Andere existieren zwar auch noch irgendwo – "Jetzt gibt es viele, die sich ausgeschlossen fühlen / Weil sie nicht darüber reden können, dass sie sich ausgeschlossen fühlen" – für den Track ist das aber nur am Rande von Bedeutung. Wo andere Rapper Beobachtungs- und Abstraktionsgabe nutzen, katapultiert Samy sich lieber in ein relativ eng abgestecktes Paralleluniversum. Dort sitzt er immerhin noch fest auf dem HipHop-Thron.

Mehrmals führt Herr Sorge genau jene Untugenden vor, die er an anderer Stelle aus den Rapperkreisen verbannen möchte. In "Muttersprache" spöttelt er gegen starre Männlichkeitsklischees und scheint dabei kaum zu merken, dass er sie in mehr als einem Track selbst bedient. Die Kapitalismuskritik in "Suppengabel" verläuft ebenso rasch im Sand. Zum Glück, muss man sagen, denn wer diese Hook übersteht, hat wohl auch mit einer Kreissäge vor dem Schlafzimmerfenster kein Problem. Unfreiwillig komisch ruft "Gewinne" ein paar Minuten zuvor noch zur Instandhaltung des eigenen Vitrinenschranks auf: "Anspruch Dich zu bessern und das Wachstum ist unmessbar / Bist Du nicht Nummer eins, dann sieh zu, dass Du was änderst." So weit weg dürfte das vom Kollegah Alpha-Mentoring nun nicht mehr sein. Der philosophische Rat folgt hinterher. Immer nach vorne blicken, denn: "Jeder definiert Gewinn nach seinen eigenen Maßstäben." Danke dafür. Zusammengehalten wird "Hochkultur" von seinen wirklich erstklassigen Instrumentals. Besonders das überdreht schrille Beatbeast namens "Requiem" hat es in sich. Inhaltlich dominiert die humorlose Selbstbeweihräucherung aber dermaßen, dass sie den ganzen Rest gleich mitüberschattet. Da können die durchaus variantenreichen Flows bloß im Teich baden. Zwar zeigt sich Samy im Outrotrack "Hochmut" demütig, nur ist es dann irgendwie auch schon zu spät. "Verehrtes Publikum, Sie waren Zeuge von Hochkultur." Applaus, Applaus.

(Katharina Bruckschwaiger)

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Highlights

  • Requiem
  • Maskenball

Tracklist

  1. Intro
  2. Requiem
  3. Abendlicht
  4. (Ein)Wanderer (feat. Max Raabe)
  5. Privilegiert
  6. Autopilot
  7. Championsound
  8. Gewinne
  9. Suppengabel
  10. Digame
  11. Ziffernblatt (Skit)
  12. Back2Basics
  13. Muttersprache
  14. Maskenball
  15. Fame (Das Music-Kill)
  16. Hochmut

Gesamtspielzeit: 60:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

emc

Postings: 1

Registriert seit 18.04.2020

2020-04-18 19:58:24 Uhr
4 von 10? nö... 9 von 10 schon eher... Vermutlich hat Samy den Geschmack der Rezensierenden nicht getroffen... Hochkultur ist ein rundes Album, welches man wunderbar durchhören kann. Ja, die Instrumentals sind wirklich erstklassig produziert, doch auch lyrisch ist das Album top. Das Level der Flowvariationen ist höher als bei den meisten... Ausserdem versteht man selbst bei schnelleren Passagen noch jedes Wort. Weiterhin sollte man nicht vergessen: Samy kann als einer der wenigen derartige Passagen auch live wunderbar umsetzen. Ich finde, Samy hat sich mit dem SamTV unplugged und dem darauf folgenden Album den Thron wirklich verdient. Man kann sich ja mal anschauen, wieviel Plays andere Rapper mit ihrer Müllmusik generieren. Ich verstehe da ganz genau wie der Song "Muttersprache" gemeint ist und da stehe ich hinter! Ich habe nämlich noch nie viel davon gehalten, junge pubertierende Kinder mit möglichst schockierenden Aussagen zu beeindrucken, sodass diese die laut aufgedrehte Musik als Rebellion gegen die Gesellschaft nutzen. Hauptsache die Platten verkaufen sich, der Rest ist ja egal... Aber nun muss ich die neue Platte von R.A. The Rugged Man weiter hören... die ist nämlich ebenfalls sehr zu empfehlen...

Matti

Postings: 2

Registriert seit 11.09.2019

2020-01-17 14:45:52 Uhr
Hätte mehr erwartet. Das Album gibt Anlass zur Sorge!

Peacetrail

Postings: 1737

Registriert seit 21.07.2019

2020-01-13 07:11:42 Uhr
Wer beim Tauschkonzert mitmacht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18609

Registriert seit 08.01.2012

2020-01-12 22:49:53 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
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