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Jeff Tweedy - Warmer

Jeff Tweedy- Warmer

dBpm / Rykodisc / Warner
VÖ: 13.04.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Topfschlagen für Fortgeschrittene

Kalt, kälter, lauwarm, warm, wärmer ... ob Jeff Tweedy je den Löffel auf den Topf bekommen wird? Auf seinen Soloalben scheint jedoch sowieso die Suche selbst das Ziel zu sein, nach sich, nach dem Sinn, nach der Liebe. "Warm" geriet bereits entzückend, voller Kleinode ganz nahe an den Ursprüngen Tweedys, als seine Bands noch das Label "Alternative Country" trugen. Der sinnig betitelte Nachfolger "Warmer" ist aus dem gleichen Holz geschnitzt, speist er sich doch aus denselben Sessions. Zum Record Store Day wurde die Platte zunächst exklusiv veröffentlicht, bevor es – wie mittlerweile üblich – später für alle nachgereicht wurde. Und war schon "Warm" sehr intim in Sound und Texten, ist "Warmer" dementsprechend noch näher am Protagonisten und am Hörer. Die Songs sind noch reduzierter, oft leiser, schon kleine Ausbrüche wirken darin wie eine Eruption. Die Gitarre strummt mitten im Ohr, das Schlagzeug wird höchst behutsam getroffen, Tweedy singt halb flüsternd. Einschläfernd ist "Warmer" dennoch lange nicht.

Dafür sorgen Mini-Hits wie "Family ghost", das neben seinem beschwingten Groove seufzende Synth-Einschübe als Widerhaken platziert. Auch wie "Empty head" zwischen motorischer Stoik und einem – zumindest vergleichsweise – energischen Refrain wechselt, überzeugt. Manchmal braucht es all das nicht mal: Der Closer "Drawing from memory (Charlie)", welcher der aktuellen Edition nachträglich angefügt wurde, kommt allein mit der Sechssaitigen und Tweedys Vocals aus. "Why sing in tune when it all ends so soon?", fragt er verschmitzt. Anderswo wird es ergreifender. "Sick server" erzählt von seinen Trips als reisender Musiker und der schmerzenden Distanz zu den Liebsten: "I call from overseas / And I call from the Midwest / And I call from New York City / And you say 'Get some rest'." Bei "...and then you cut it in half" deutet der Titel bereits eine schwierige Trennung an, der Song findet trotz all der Trauer auf großartige Weise noch zu einem piepsig-lärmigen Solo.

Dabei geht es auch optimistischer. "We've been through a lot, me and you / Hospitals and bars", stellt Tweedy im herrlich einlullenden "Guaranteed" fest, bevor er beobachtet: "When things go wrong / Our love gets stronger." Aber eben auch: "Tragedy is guaranteed." Vor fast zwei Jahrzehnten sang er im großartigen "Radio cure" die Zeile "All distance has no way of making love understandable" und sein Sentiment hat sich seitdem nicht verändert. Gleichwohl ist "Warmer" ebenso wie "Warm" eher in der stilistischen Nähe der letzten Wilco-Alben zu sehen und kein Abenteuer-Ausflug mehr, welche es die Hauptband um die Jahrtausendwende herum meherfach probte. Dennoch bilden die beiden Geschwisteralben eine tolle Introspektive in Tweedys Seelenleben. Immer herzlich, immer rührend, immer warm. Für diesen Topf voll Gold muss man nicht wie blöde vorher auf dem Fußboden rumklopfen.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Family ghost
  • ...and then you cut it in half
  • Sick server
  • Guaranteed

Tracklist

  1. Orphan
  2. Family ghost
  3. ...and then you cut it in half
  4. Ten sentences
  5. Sick server
  6. Empty head
  7. Landscape
  8. Ultra orange room
  9. Evergreen
  10. Guaranteed
  11. Drawing from memory (Charlie)

Gesamtspielzeit: 34:21 min.

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User Beitrag

Zappyesque

Postings: 407

Registriert seit 22.01.2014

2020-01-05 18:58:21 Uhr
Tolle Platte. Wie schon der Vorgänger mit sehr intime Songs versehen, die in ihrer simplen Beschaffenheit sehr besondere Momente verstecken. Darüber hinaus finde ich Warm und Warmer klanglich unheimlich angenehm. So gut klang die akustische Gitarre bei Wilco noch nie, wenngleich YHF und einige der darauffolgenden Alben dahingehend schon tolle Vorreiter waren.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18878

Registriert seit 08.01.2012

2020-01-03 21:24:16 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Als "Vergessene Perle 2019".

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