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Sigur Rós - Variations on darkness

Sigur Rós- Variations on darkness

Krunk
VÖ: 13.04.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Tanz auf dem Vulkan

Schon seltsam, dass Sigur Rós nun aktuell nur noch aus Jónsi Birgisson und Georg Holm bestehen. Drummer Orri Páll Dýrason verließ 2018 vor dem Hintergrund der Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs die damals schon zum Trio geschrumpfte Band, die sich ohnehin mit mittlerweile entkräfteten Vorwürfen der Steuerhinterziehung herumschlagen musste. Nicht ganz verwunderlich, dass ein reguläres Studioalbum seit nunmehr sechs Jahren auf sich warten lässt. Sigur Rós konzentrieren sich stattdessen in jüngerer Zeit vermehrt auf Ambient-Projekte wie "Route one", das eine 24-stündige Rundfahrt auf Island vertont, oder die "Liminal"-Reihe. In diese Kategorie fallen auch die Geschwisteralben "22° lunar halo" und "Variations on darkness". Beide bestehen aus je zwei Kompositionen mit mehr als 20 Minuten Spielzeit und länglichen Titeln, beide sind Soundtracks für Tanz- und Kunstinstallationen, die erst auf Vinyl zum Record Store Day 2019 und anschließend digital erschienen, und beide sind sowohl aus unveröffentlichten als auch aus bereits bekannten Soundspuren des Bandoutputs zusammengestellt. Man könnte sie im weiteren Sinne als Remixalben sehen.

"22° lunar halo" arbeitet mit vergleichsweise klar erkennbaren Versatzstücken. So hört man gleich zu Beginn Auszüge des Horrortrips "Sigur Rós", seinerzeit anno 1997 Opener des Debütalbums "Von", am Ende des ersten Stücks "With arms and legs moving, the tale tells" erklingt kaum verändert ein Teil aus "Fjögur píanó" von "Valtari". Das Problem dieser Platte: Es mag sich kein richtiges Gefühl der Einheit und des Mehrwerts einstellen. Zwar hat sie von beiden Werken eindeutig das ästhetischere Cover, der musikalische Anreiz zum Wiederhören bleibt jedoch anhand des meist sehr abstrakten und für sich stehenden Waberns und Brummens gering. Genau das bekommt das Gegenstück "Variations on darkness" sehr viel besser hin.

Auch hier schält sich in beiden Tracks nur langsam der Kompositionskern heraus, tatsächlich bieten aber sowohl "The hungry ghosts, we live in an old chaos of the sun" als auch "The silence of animals, the truth is it wanted to cave in" so etwas wie eine zentrale Idee, einen Fixpunkt, auf den sie hinarbeiten. Das erste Stück morpht sich von einem entfernten Säuseln stetig näher ans Ohr heran, Jónsis verzerrte Vocals buddeln sich immer mehr aus dem Dickicht empor. Schließlich beißt und zerrt der Sound überraschend aggressiv, in Schüben werden die Attacken über das Trommelfell hinweggespült. Vokalfetzen umkreisen sich und legen sich übereinander auf eine funkelnde Glitch-Oberfläche. Stellenweise erinnert das an die Schroffheit des letzten Studioalbums "Kveikur", wenn auch mit anderen, elektronischen Mitteln umgesetzt.

Die zweite Hälfte von "Variations on darkness" mit dem Titel "The silence of animals, the truth is it wanted to cave in" lässt sehr, sehr dezent die Melodie von "Varúð" an verschiedenen Stellen durchklingen, um ein Vielfaches verlangsamt jedoch. Spaciges Wabern und knurriges Bassbrummen bilden das Fundament für Jónsis Gesang nach rund neun Minuten. Ab hier nimmt das Ding Fahrt auf, an seinem Höhepunkt erinnert es an die wuchtigen Goth-Trance-Ballerhymnen von Blanck Mass, verheiratet mit der rhythmischen Komplexität klassischer Aphex-Twin-Tracks – und ist dementsprechend ziemlich neu für die Band. "Variations on darkness" mag unterm Strich kein Ersatz für eine neue reguläre Sigur-Rós-Platte sein, aber ein spannendes Experiment ist es allemal. Auch wenn die Frage weiter im Raum stehen bleibt, wie es denn von jetzt an mit der Band weitergeht.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • The hungry ghosts, we live in an old chaos of the sun

Tracklist

  1. The hungry ghosts, we live in an old chaos of the sun
  2. The silence of animals, the truth is it wanted to cave in

Gesamtspielzeit: 43:44 min.

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Armin

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2020-01-03 21:23:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Als "Vergessene Perle 2019".

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