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The Faint - Egowerk

The Faint- Egowerk

Saddle Creek / Rough Trade
VÖ: 15.03.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Lügen, pöbeln und verpissen

Sex. Arbeit. Paranoia. Ideale Themen, um unter flackernden Neonröhren zu greller elektronischer Musik zu tanzen und sich dabei einzureden, in den Achtzigern sei alles besser gewesen. Ideale Themen auch für The Faint aus Omaha, die diese Bereiche seit rund 20 Jahren erschöpfend beackern. Auf dem schwanzgesteuerten "Blank-wave arcade", dem dystopischen "Danse macabre" oder dem politisch aufgeladenen "Wet from birth" – womit die Band um Todd Fink Electroclash, Post-Punk-Revival und Nu Rave so ungerührt und effektiv plattgesessen hatte, dass auch die folgenden, vergleichsweise matten Alben nicht weiter ins Gewicht fielen. Drei Jahre nach der Werkschau "Capsule: 1999 – 2016" sind The Faint zu ihrem Heimat-Label Saddle Creek zurückgekehrt – und irgendwie auch wieder zum Anfang.

Das 1998 ebenda erschienene Debüt, das eine Art Selbstfindungsphase von Fink und Kollegen dokumentierte, hieß nämlich "Media" – setzt man ein "social" vor diesen Titel, sind wir bereits dort angelangt, wo "Egowerk" seinen malmenden Maschinenpark in Stellung bringt. Lügen, pöbeln und verpissen – die Mängelliste der (Schein-)Identitäten, die sich hier bei Facebook und anderen Netzwerken unerkannt die "Chameleon nights" um die Ohren hauen, ist lang. Vielleicht ein Grund, warum dieses Album wie ein Aufputschmittel für chronisch Übermüdete wirkt – mit dem Unterschied, dass die zuweilen ungeschlachte Stakkato-Energie des Vorgängers "Doom abuse" einer pointierten elektronischen Leichtigkeit gewichen ist, mit der sich The Faint deutlicher denn je auf dem Tanzboden positionieren. Und wenn es nur derjenige der Tatsachen ist.

Das gilt nicht nur für den erwähnten Track, bei dem Fink vor dem Bildschirm über das virtuelle Gegenüber schäumt: "Unfriend, unplug, there's a world outside / There's a place we see eye to eye." Auch spitze Sequenzen und emulierte Percussions laufen bei dieser zähneknirschenden Drohung schon heiß, und Orenda Fink, Azure-Ray-Sängerin und Finks Angetraute, staunt nicht schlecht, was ihre bessere Hälfte an rigider Elektro-Power aus dem von ihr mitgeschriebenen Stück herausholt. Auch der hyperaktiv durchdrehende Opener "Child asleep" ist alles andere als ein sanftes Ruhekissen, wenn das Synthie-Fett heiß aus den Boxen spritzt und die Effekte wie qualmende Reifen auf den Club-Bodenplatten quietschen. Und ganz ohne Holzhammer-Beatboxen fangen The Faint plötzlich zwischen DFA-Punk und Electronic Body Music an zu swingen.

Zum Glück hat sich der Frontmann ein dickes Fell in Sachen Daseinsbewältigung zugelegt und reibt es sich besonders in New-Wave-orientierten Songs wie "Life's a joke" oder dem bereits auf "Capsule: 1999 – 2016" vertretenen "Young & realistic" genüsslich an der knorrigen Eiche der Existenz. Klingt desolat, doch kommt vor allem ab der zweiten Hälfte vorzüglich zusammen. Etwa im wie ein Gummiball um Finks gekippten Gesang herumhüpfenden "Source of the sun" oder beim hervorragenden "Quench the flame", das allerlei rhythmische Feinheiten in eine Hook aus besten Tubeway-Army-Tagen überführt. Keine sanfte Retrofizierung, sondern ein verchromter Vergangenheitsschlauch, in dem jeder, der nicht zuckt, tot sein muss. Und auch wenn früher nicht alles besser gewesen sein sollte: Diese Ich-Maschine läuft wie geschmiert. Gefällt uns immer noch.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Child asleep
  • Chameleon nights
  • Source of the sun
  • Quench the flame

Tracklist

  1. Child asleep
  2. Chameleon nights
  3. Life's a joke
  4. Alien angel
  5. Egowerk
  6. Own my eyes
  7. Source of the sun
  8. Another world
  9. Quench the flame
  10. Young & realistic
  11. Automaton

Gesamtspielzeit: 46:30 min.

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Armin

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2020-01-03 21:22:07 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Als "Vergessene Perle 2019".

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