Camila Cabello - Romance

Camila Cabello- Romance

Syco / Epic / Sony
VÖ: 06.12.2019

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Love hurts

Braucht die Musikwelt noch Popstars wie Camila Cabello? Die vergangene Dekade brachte eine Reihe wagemutiger, eigensinniger Pop-Künstlerinnen hervor, deren jüngste Vertreterin Billie Eilish auch die kommerzielle Überdimensionalität der neuen Genre-Dompteurinnen bewies. Cabello, die ihre ersten Schritte in der bei "X-Factor" zusammengecasteten Girlgroup Fifth Harmony ging, wirkt dazu fast wie eine Antithese. Es ist kein grundsätzliches Problem, wenn 33 Writer und 15 Produzenten-Teams an einem Album beteiligt sind, aber wenn dabei so eine generische und größtenteils substanzlose Suppe wie "Romance" herauskommt, steht schon die Frage im Raum, was zur Hölle sie alle gemacht haben. Natürlich darf man sich im Zeitalter der großen Ambitionen auch nicht mehr mit einem banalen Album über die Liebe zeigen, weswegen die 22-Jährige das Konzept ihrer zweiten Platte im Vorfeld künstlich überhöhte: Moodboards im Studio, kitschige Instagram-Visuals und eine Spotify-Playlist mit obskuren Spoken-Word-Tracks, geformt zum ultimativen Fremdscham-Mosaik.

Zumindest eine clevere Verbindung zwischen Kunst und realem Leben gelingt mit Cabellos Beziehung zu "Señorita"-Duettpartner Shawn Mendes und den damit einhergehenden Irrungen des Boulevards nach echter Liebe oder PR-Aktion. Die Musik macht das nicht besser, besagter Song steht sinnbildlich für das gesamte Album. Von der Luftigkeit des hübschen Debüts "Camila" und seines überspielten, aber tollen Welthits "Havana" ist nicht mehr viel übrig. "Romance" überzieht alles mit einem extra schmierigen Flüssigkleber. Die Latin-Einflüsse sind weniger Ehrung der kubanischen Wurzeln und mehr unangenehm exotisierender Fetisch. Hier ein bisschen Santana-Gegniedel in "Should've said it", da ein paar Kastagnetten und Flamenco-Akzente in "Feel it twice". "Liar" hält es derweil allen Ernstes für eine gute Idee, Mariachi-Bläser mit einem Cover von Ace Of Bases "All that she wants" zu kreuzen. Die Beteiligung eigentlich talentierter Leute wie Charli XCX hört man nicht einmal mit Fantasie heraus.

Produktionstechnisch probiert "Romance" viel mit durchwachsenen Ergebnissen. Der vergleichsweise reduzierte Retro-R'n'B von "This love" geht voll in Ordnung, aber "Bad kind of butterflies" klingt eher wie die gruselig-schlechte Einlaufmusik einer bösen Disney-Fee. "Living proof" irritiert mit seinem Gestampfe, bildet damit aber eigentlich perfekt die Stumpfheit ungelenk-unerotischer Zeilen wie "When you touch me, paint me like a Van Gogh" ab. Ebenfalls fragwürdig ist das ständige Zukleistern von Cabellos eigentlich großartiger Stimme mit Autotune – dass Kanye West der Welt zeigte, wie man den Effekt als atmosphärisch und ästhetisch durchdachtes Instrument einsetzen kann, ist auch schon zwölf Jahre her. Eine sonst makellose Ballade wie "Dream of you" erhält dadurch Kratzer, bei "Easy" zeigt der Daumen aber trotzdem nach oben. Nicht nur die Komposition ist stark, der Song gewinnt auch eine zusätzliche Humor-Ebene mit dem Wissen, dass es sich bei dem hier gescholtenen Ex um einen unerträglichen "Frauenversteher"-Youtuber handelt.

Es gibt auch noch weitere positive Momente, die einen Totalausfall verhindern. Der unter Spannung stehende Opener "Shameless" beginnt mit einem New-Wave-artigen Bass-Riff und verweigert sich dem Ausbruch, den er immer wieder andeutet. "My oh my" zieht mit dem talentierten Rapper DaBaby eine trashig-spaßige Horrorshow auf, die Trennungs-Hymne "Cry for me" glitzert als kleines Pop-Juwel. Am Schluss löst die aufs Nötigste herunter gebrochene Klavierballade "First man" doch noch die großen emotionalen Versprechen von "Romance" ein – keine Beziehungs-Geplänkel oder aufgesetzte Sinnlichkeit mehr, sondern ein aufrichtiges, zärtliches Statement der Vaterliebe: "You held me so tight, now someone else can / But you were the first man that really loved me." Es könnte so schön und schmerzlos sein. Doch solange Cabello ihr zweifelsfrei vorhandenes Potenzial zugunsten überholter Radio-Formeln unterdrücken lässt, muss man die Eingangsfrage leider noch verneinen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Shameless
  • Cry for me
  • First man

Tracklist

  1. Shameless
  2. Living proof
  3. Should've said it
  4. My oh my (feat. DaBaby)
  5. Señorita (with Shawn Mendes)
  6. Liar
  7. Bad kind of butterflies
  8. Easy
  9. Feel it twice
  10. Dream of you
  11. Cry for me
  12. This love
  13. Used to this
  14. First man

Gesamtspielzeit: 43:50 min.

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User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18587

Registriert seit 08.01.2012

2020-01-03 21:25:20 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

whitenoise

Postings: 396

Registriert seit 17.06.2013

2019-12-06 23:18:08 Uhr
Ist leider nicht mehr so gut, wie der Vorgänger. Auch der war sicher keine Offenbarung aber gut gemachter Latin Pop/R&B. Das Album ist noch hörbar, hat aber keine echten Highlights mehr.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

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Registriert seit 26.02.2016

2019-11-18 11:05:19 Uhr - Newsbeitrag

Felix H

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2019-10-14 09:24:48 Uhr - Newsbeitrag

Felix H

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Registriert seit 26.02.2016

2019-10-07 09:06:53 Uhr - Newsbeitrag
Neues Album kommt, aber noch keine Info wann.

Es gab schon drei Singles:





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