Apocalyptica - Cell-0

Apocalyptica- Cell-0

Silver Lining / Warner
VÖ: 10.01.2020

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Bogen raus

Aus der Gefühlswelt eines Rezensenten: "Okay, wenn ich den Kalauer jetzt bringe, zerfetzen mich die Kollegen der Schlussredaktion in der Luft. Wenn nicht, platze ich." Aber wenn eine Band diese Steilvorlage auf dem Silbertablett serviert? Nun gut: Irgendwann haben es Apocalyptica wohl selbst eingesehen, dass sie mit ihrer enttäuschenden letzten Platte "Shadowmaker" den Bogen eindeutig überspannt haben. (Merkt Ihr, oder? Bogen, Cello, überspannt, wissenschon? Ha! Haha! Bwahaha!) Also, im Ernst jetzt: Man musste schon sehr euphorischer Freund der Finnen sein, um eben jenem Album aus dem Jahr 2015 allzu viel Positives abgewinnen zu können. Denn das Experiment mit einem großspurig als festes Bandmitglied angeheuerten Sänger entpuppte sich als Rohrkrepierer vom Feinsten und als weitgehend inspirationsloser Alternative Metal mit äußerst mäßigem Einfallsreichtum.

Da sich noch nicht einmal die so offensichtlich angepeilten amerikanischen Charts ernsthaft beeindruckt zeigten, war ziemlich klar, dass erneute Korrekturen Not taten. Und die damit einhergehende Symbolik ist schon fast des Guten zu viel, wenn man auf den Albumtitel schaut. Doch hinter der Zelle Null verbirgt sich tatsächlich der Schritt zurück zur Ursuppe, nämlich das erste rein instrumentale Album seit "Reflections" aus dem Jahr 2003. Und "Cell-0" beginnt stark mit dem episch-theatralischen "Ashes of the modern world", das sehr ruhig anhebt, als wolle es die Hörer langsam auf das vorzubereiten, was da noch kommen mag, nur um dann umso fulminanter wie in einer klassischen Ouvertüre dramatisch auszuklingen. Klar, Eicca Toppinen und seine Kollegen sind bekanntermaßen klassisch ausgebildete Komponisten, aber so nah an einem Streichquartett waren Apocalyptica in der jüngeren Vergangenheit selten. Nur halt mit deftig verzerrten Celli.

Dass mit einem vermeintlichen Schritt zurück auch Experimentierfreude verbunden sein kann, zeigt der folgende Titeltrack, der mit knapp zehn Minuten Spielzeit der längste in der Bandgeschichte ist – und als klassisch ausformulierte Sonate wirklich beeindruckt. Genau die hinreißende Ballade "Rise", die sich – und da dürfen Apocalyptica endlich einmal ein Klischee ihrer Herkunft bedienen – wunderbar schwermütig gibt, bevor "En route to mayhem" seinen sinistren Spannungsbogen entfalten darf. Auch wenn hier ein paar kleine Stellen aufblitzen, an denen Gesang noch das I-Tüpfelchen wäre. In der Güteklasse von Katatonias Jonas Renkse, wohlgemerkt, nicht etwa das unmotivierte Gebrüll von Franky Perez auf "Shadowmaker".

Selbst die eher mittelspannenden Momente – und davon schleichen sich im Mittelteil einige wenige ein – sind immer noch deutlich fesselnder als alles, was die Finnen in den letzten Jahren so veröffentlicht haben. Endlich findet Toppinen als Hauptkomponist den Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen und die überragende Musikalität der Bandmitglieder in spannende Klanglandschaften zu verwandeln. Als wollten die Skandinavier sich von einer Entwicklungsphase abnabeln, ziehen sie die Hörerschaft aus dem (ehrlicherweise nie wirklich gut gefüllten) Moshpit und stülpen ihnen den Kopfhörer über. Endlich lohnt es sich wieder, auf akustische Entdeckungsreise zu gehen, statt sich von zweitklassigem Alternative Metal in den Schlaf fiedeln zu lassen. Vielleicht ist noch nicht alles so, wie es sein kann, doch "Cell-0" ist mit Sicherheit die mutigste Apocalyptica-Platte seit vielen Jahren. Und ja, möglicherweise sogar, seitdem vier Musikstudenten überlegten, wie cool es doch wäre, Metallica-Songs mit Celli zu covern.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Cell-0
  • En route to mayhem
  • Beyond the stars

Tracklist

  1. Ashes of the modern world
  2. Cell-0
  3. Rise
  4. En route to mayhem
  5. Call my name
  6. Fire ice
  7. Scream for the silent
  8. Catharsis
  9. Beyond the stars

Gesamtspielzeit: 53:40 min.

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Armin

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2020-01-03 21:24:35 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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