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Xylouris White - The Sisypheans

Xylouris White- The Sisypheans

Drag City / H'Art
VÖ: 08.11.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Einen Steinmenschen rollen

"Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen", schrieb Albert Camus 1942. Die gemeinhin bekannte Strafe des mythischen Königs deutet der französische Philosoph als Glück um – schließlich findet Sisyphos im ewigen Steinrollen seine Bestimmung, ist ganz und gar Herr seiner Handlungen und hält mit deren Fortlaufen auch seine eigene Existenz aufrecht. Schaut man sich das fidele Pixelmännchen an, das auf dem Cover von Xylouris Whites viertem Album "The Sisypheans" den Brocken wie ein Kuschelkissen an die Brust drückt, scheint an Camus' These etwas dran zu sein. Gewissermaßen findet sich der Mythos auch in den Künstlern selbst wieder, diesem pragmatisch benannten Duo, das Dirty-Three-Drummer Jim White 2013 mit dem kretischen Lautenspieler und Sänger Giorgos Xylouris gründete. Zwar kultivierten sie einen höchst eigenen Sound zwischen Jazz-Rock und griechischer Volksmusik, doch sahen sie sich in den engen Grenzen ihrer Ästhetik schnell mit der Sisyphos-Aufgabe eines eher variationsarmen Musikschaffens konfrontiert. Natürlich fanden diese zwei hochtalentierten Musiker trotzdem Ansätze einer Entwicklung, die auf "The Sisypheans" ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Ihr Stein ist ein lebendiges Wesen, dessen Form bei jeder Bergfahrt neue Nuancen offenbart.

Schon die vorigen Alben der Band begannen balladesk, doch "Tree song" treibt die Reduktion an die Spitze. Abgesehen von ein paar zärtlichen Streichlern überlässt White seinem Kollegen ganz die Bühne, dessen sehnsuchtsvolle Stimme im Zentrum dieses siebenminütigen Kleinods steht. Trotz der englischen Tracktitel singt Xylouris ausschließlich in seiner Muttersprache, doch auch ohne jegliche Griechisch-Kenntnisse begreift man die Epik und die Wahrung einer Tradition, die sich bis zu antiken Wandersängern zurückführen lässt. Es ist ein faszinierender, aber auch nicht einfacher Startpunkt, der vom folgenden "Goat hair bow" zusätzlich erschwert wird, einem strukturlosen Instrumental voll von Dissonanzen und zitternder Percussion. Erst das von Frauengesang und Cello unterstützte "Heart's eyes" baut auf einen zugänglichen Rhythmus, unterstreicht mit seiner Gemütlichkeit aber die Sonderstellung von "The Sisypheans" als Xylouris Whites ruhigste Platte bisher. Der Grieche und der Australier haben über die Jahre ein solches Selbstverständnis miteinander gewonnen, dass sie sich nicht mehr zu wahnsinnigen Impro-Leistungen pushen, sondern ihr Zusammenspiel fein austarieren und dem anderen mehr Raum zum Atmen lassen.

Dass der neue Ansatz keineswegs der gewohnten Dringlichkeit widerspricht, zeigt das Duo spätestens ab dem zweiten Albumdrittel. Die akustische Blues-Hypnose von "Telephone song" leitet in "Black sea" über, das einen mythischen Sturm auf hoher See zu imitieren scheint: Die Instrumente brodeln und brausen auf, im Hintergrund dröhnt ein unheilvolles Cello wie ein grummelndes Seeungeheuer, und Xylouris' Gesang beweist seine unerbittliche Standfestigkeit. Kurz darauf landen wir wieder im "Inland", in dem uns der bärtige Kapitän mit seinem virtuosesten Lautenspiel und seinen besten Melodien begrüßt. Nach dem erneut zurückgenommenen "Wedding song", das laut Übersetzung von einem Mann und seinem Pferd erzählt, liefert der Closer "Ascension" die intensiv und polyrhythmisch polternden Drums, die White bisher schuldig geblieben ist. Für die erste Plattentests.de-Rezension von Xylouris White eignet sich "The Sisypheans" nur bedingt, weil es kein ideales Einstiegsalbum ist (an dieser Stelle sei der grandiose Vorgänger "Mother" empfohlen). Doch wer mit ihrem Sound schon grundsätzlich etwas anfangen kann, hört hier eine hochinteressante Weiterführung, die sich mit weniger Tempo, aber genauso viel Spannung, musikalischer Klasse und vor allem Spielfreude wie früher gestaltet. Sisyphos? Wir müssen uns Giorgos Xylouris und Jim White als glückliche Menschen vorstellen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Telephone song
  • Inland
  • Ascension

Tracklist

  1. Tree song
  2. Goat hair bow
  3. Heart's eyes
  4. Telephone song
  5. Black sea
  6. Inland
  7. Wedding song
  8. Ascension

Gesamtspielzeit: 39:57 min.

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User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18872

Registriert seit 08.01.2012

2019-12-20 19:23:50 Uhr
Danke, wird gleich gesammelt korrigiert.

Klaus

Postings: 1989

Registriert seit 22.08.2019

2019-12-20 00:20:03 Uhr
Auch hier. Falscher Link.

Underground

Postings: 1614

Registriert seit 11.03.2015

2019-12-20 00:02:22 Uhr
Würde die gern mal wieder live sehen...

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18872

Registriert seit 08.01.2012

2019-12-19 21:47:42 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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