Ariel Pink - Ariel archives – Cycle 1

Ariel Pink- Ariel archives – Cycle 1

Mexican Summer / Al!ve
VÖ: 25.10.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 1/10

binsch voll de crazy hottie

Irre ist er, politisch vollkommen inkorrekt und auch sonst nicht wirklich ohne Macken. Was Ariel Pink sagt, darf man wohl grundsätzlich nicht allzu ernst nehmen, und selbst wenn er es mal ernst meinen sollte, glaubt ihm das (besser) eh kein Mensch. Aber auch vor diesem Hintergrund des bekannten Megatroll-Daseins ist es nicht immer ganz einfach bei so mancher Aussage Pinks einfach wegzuhören. Kurz gesagt: Im Plattentests.de-Forum hätte Ariel Pink wahrscheinlich fünf verschiedene Nicks, die sich gegenseitig immer und immer wieder der Nazi-Zugehörigkeit bezichtigen würden. Anstrengend ist das. Und letzten Endes sicher auch ausschlaggebend dafür, dass der Mann nicht unbedingt zu den beliebtesten Gesellen der Musiklandschaft gehört. 2014 bezeichnete ihn MySpace gar als "the most hated man in indie rock." MySpace, liebe jungen Leser, war ein soziales Netzwerk, auf dem sich Künstler und Kunde über Musik austauschen konnten und Letztere für gewöhnlich Stunden damit zubrachten, ihre Profile auf Vordermann zu bringen und die Freundeslisten zu sortieren.

Nun war MySpace schon 2014 längst nicht mehr wichtig genug, als dass es irgendjemanden gejuckt hätte, was die da so sagen, selbst wenn es etwas Negatives über jemanden ist, über den man gerne Negatives sagt. Ariel Pink jedoch war schon 2014 weit länger als Musiker tätig, als man so annehmen würde. Dessen 1999 in Eigenregie veröffentlichtes Debüt "Underground" wird nun gemeinsam mit dem drei Jahre später erschienenen "Loverboy" sowie der quasi brandneuen Compilation "Odditties sodomies vol. 2" als erste Folge der "Ariel archives" neu auf den Markt geworfen. Weil es das unbedingt braucht? Sicher nicht. Weil die Nachfrage danach so groß war? Vielleicht. Weil es Spaß macht? Wahrscheinlich. Drei Alben auf drei Scheiben, und wie immer bei Pink mit vielen überraschend guten Stücken und immer wieder mit ein paar Tracks, bei denen man sich fragt, wer die so denn nur bestellt haben könnte. Alles in allem also typisch für den mittlerweile 41-Jährigen aus Kalifornien. Und ein bisschen macht ihn dieses Wahnsinnige und Unberechenbare ja auch aus.

Disc eins verbirgt an dieser Stelle also das unter Ariel Pink's Haunted Graffiti veröffentlichte "Loverboy" in liebevoller Demo-Qualität, tatsächlich klingen diverse Tracks wie etwa das kitschige "Jonathan's halo" oder die durch Mark und Bein dröhnende Psychedelic-Pop-Nummer "Poultry head" fast so, als wären sie mit einem Dosen-Telefon aufgenommen worden, bei dem die Schnur noch dazu einen guten Meter zu lang war. Qualitativ hochwertiges Material darf man hier also nicht erwarten, eine Ansammlung größtenteils gute Laune machender kleiner Perlen jedoch allemal. Allen voran das mindestens amüsante und ebenso trotzige "She's my girl" mit ordentlich Achtzigerjahre-Schmalz sowie das textlich fast unverständliche "Let's get married tonite". Derweil geben das vollkommen durchgedrehte "Ghosts" oder auch die Abschluss-Schmonzette "The birds sing in you" einen kleinen Hinweis darauf, in welche Richtung sich Ariel Pink nur wenige Jahre später entwickeln würde.

"Underground" befindet sich auf der zweiten Platte, erschienen genau 20 Jahre vor der Veröffentlichung der "Ariel archives" und mutmaßlich ursprünglich über den eigenen Kofferraum auf abschüssigen Parkplätzen vertickt. Jeder fängt mal klein an! Tatsächlich wirkt der grob abgemischte Opener "My Molly" fast noch etwas harmlos für einen Wirr- bzw. Irrkopf wie Ariel Pink, der sich mit Anfang 20 offenbar noch etwas zurückzuhalten wusste. Reduziert gibt er sich im trotzdem im alles andere als ruhigen "Auto vanity", während "Rock play" ein waschechter Garagen-Ausräumer ist, bei dem der Dreck noch ein paar Tage später unter den Fingernägeln bleibt. Das traditionelle Liebeslied für alle, die die Liebe irgendwie auch ein bisschen hassen, gibt es mit dem gewöhnungsbedürftigen Romantik-Western "I love her still, I always will", und wer auch immer jene "Michelle" ist, der hier ein nuscheliges Ständchen gewidmet wird, hat sich von dieser zweifelhaften Ehre mittlerweile hoffentlich erholt. Mit dem mitten ins Herz stechenden Dreizack aus "Stop grazing my heart", "Let's stay in the past" und "You're too late" gibt es drei der besten Stücke des Albums – von insgesamt 22 – wohlverpackt als Bestes zum Schluss.

Eine Compilation auf der Compilation ist "Odditties sodomies vol. 2" und damit eine Ansammlung von ausgewählten (!) Outtakes und Non-Album-Tracks. Anders ausgedrückt heißt das: Auch hier gibt es nix Neues, aber immerhin auch für Ariel-Pink-Fans nicht ausschließlich Bekanntes. Und mit dem Anfangssong "Something about Michael Landon" sogar ein richtig tolles Instrumental, das fast zu schön zu sein scheint, um wirklich wahr zu sein. Überhaupt weiß das gute Teil zu überraschen, sei es mit der Mischung aus New-Wave und Classic-Rock in "House of yesterday", mit dem hauchzart-verhuschten "The world is yours" und seiner Pseudo-Erotik oder dem verstromt-bizarren "Driving to the grave". Lupenreinen Pop liefern hingegen "Bolivian soldier" oder auch "Party zone world" und damit auch tatsächlich einen der interessantesten Augenblicke beim Hören dieser Archivsammlung, denn: Der musikalische Werdegang von Ariel Pink war sicher nicht immer der reibungsloseste oder sympathischste, aber immerhin stets faszinierend. "The most hated man in indie rock"? Ganz vielleicht nur. Einer der spannenderen Köpfe der letzten Jahrzehnte? Unbedingt.

(Jennifer Depner)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Jonathan's halo
  • Ghosts
  • The birds sing in you
  • Stop grazing my heart
  • Let's stay in the past
  • You're too late
  • Something about Michael Landon
  • House of yesterday
  • Party zone world

Tracklist

  • CD 1
    1. Don't talk to strangers
    2. Didn't it click
    3. She's my girl
    4. Poultry head
    5. Older than her years
    6. So glad
    7. Want me
    8. Loverboy
    9. Jonathan's halo
    10. Hobbies galore
    11. I don't need enemies
    12. Let's get married tonite
    13. Ghosts
    14. Phoebus palast
    15. Doggone (Shegone)
    16. Blew straus
    17. The birds sing in you
  • CD 2
    1. My Molly
    2. Jack-off
    3. Auto vanity
    4. Spires in the snow
    5. Crash crash on the drummer
    6. Bobby's on the phone
    7. Ghost town
    8. Rock play
    9. Tractor man
    10. Crusades
    11. I love her still, I always will
    12. Underground
    13. Michelle
    14. Damage done
    15. Something in your eye
    16. Don't turn back / 2008
    17. Nana
    18. Sensitive man
    19. Depends on everything
    20. Stop grazing my heart
    21. Let's stay in the past
    22. You're too late
  • CD 3
    1. Something about Michael Landon
    2. Stray here with you
    3. Bolivian soldier
    4. Gates of Xiong
    5. Unwritten law
    6. House of yesterday
    7. The world is yours
    8. This night has opened my eyes
    9. Go go X2
    10. Chart-beep
    11. The law
    12. Driving to the grave
    13. Party zone world

Gesamtspielzeit: 165:53 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 16794

Registriert seit 08.01.2012

2019-12-19 21:44:43 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum