Burial - Tunes 2011-2019

Burial- Tunes 2011-2019

Hyperdub / Cargo
VÖ: 06.12.2019

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Vom Ein- und Abtauchen

Ein Dutzend Jahre ist es her, dass zuletzt eine Burial-Rezension auf Plattentests.de erschien. Damals war George W. Bush noch US-Präsident, der VfB Stuttgart war amtierender Deutscher Meister und Angela Merkel war ... wie auch immer. Andere Zeiten! Dass so lange nichts zu lesen war, lag nicht daran, dass William Bevan abgetaucht wäre, sondern dass er sich nur mit EPs, Singles und One-Off-Kollaborationen über Wasser hielt. Eine Follow-Up-LP zum wegweisenden "Untrue" und somit ein drittes Burial-Album blieb indes aber Fehlanzeige. "Tunes 2011-2019" macht schon im Titel klar, dass es diese Rolle ebenfalls nicht einnimmt. Stattdessen versammelt die Kollektion die in dieser Zeitspanne erschienen 3-Track-EPs und Doppel-Singles in einem Werk – mit kleinen Einschränkungen. Die nicht auf Hyperdub erschienenen Tracks "Pre dawn", "Indoors" und "Temple sleeper", allesamt der energischen Seite des Burial-Œuvres zuzurechnen, bleiben ebenso draußen wie Kollaborationen mit Four Tet, Thom Yorke oder Massive Attack. Unklar aber, warum das zugleich schwebende und lässige "Rodent" durch Abwesenheit glänzt. Vielleicht hätte es die Compilation noch besser gemacht. Vielleicht ist diese aber genau so perfekt, wie sie ist.

Übrig bleiben jedenfalls 17 Tracks, grundsätzlich nach umgekehrter Chronologie sortiert. Was bedeutet, dass die weniger beachteten Singles ab 2016 den Beginn markieren. Für sich alleinstehend waren sie zu formlos, zu abstrakt, um viel Wirbel zu machen – auf "Tunes 2011-2019" bilden sie jedoch genau die langgezogene Rampe in Richtung Kern. Das erste Anzeichen dafür, dass eine große Klammer um diese Zusammenstellung existiert. Klar können "State forest", "Beachfires" und "Subtemple" hintereinander die Geduld auf die Probe stellen, aber wir reden ohnehin von einem zweieinhalbstündigen Gesamterlebnis. "Tunes 2011-2019" erfordert konzentriertes Eintauchen und deshalb ist es sinnvoll und sicher auch Absicht, dass sich erst nach einer guten halben Stunde Spielzeit in "Young death" so etwas wie ein Beat herausschält. Omnipräsent ist ein stetes Vinyl-Rauschen ebenso wie die gelegentlichen Aussetzer, die nach kaputtem MP3-File oder Sprung in der Schallplatte klingen, und die körperlosen Gesangs- und Sprachfetzen, die auch ohne zugrundeliegende Klangstruktur großartige Stimmung erzeugen. Auch auf kurzer Strecke vergaß Burial nie seine Trademarks. Doch in seinem Universum stellt "Tunes 2011-2019" einen Ausbund an Vielfalt dar. Dieser Trip fügt alles meisterhaft zusammen.

Ein entscheidender Kniff besteht darin, dass der einzige Track außerhalb der Chronologie das erst 2019 erschienene "Claustro" ist. Hätte Burial es zu Beginn verpulvert, wäre der Ambient-Beginn komplett auseinandergerissen worden. Stattdessen findet der Track dank seinem energischen Neunziger-R'n'B-Geschnipsel inmitten der poppig-wuchtigen "Rival dealer"-EP seinen passenden Platz. Welche wiederum den emotionalen Höhepunkt einleitet. Besonders das 13-minütige "Come down to us" bringt eine Verletzlichkeit in den sonst so abgründigen, nachtschwarzen Dubstep von Burial, wie man es zuvor nie für möglich gehalten hätte. Näher am Pop war er nie. Der Titeltrack der EP ist derweil dank der prominenten Zeile "I'm gonna love you more than anyone" nicht nur eines seiner eingängigsten, sondern auch impulsivsten Stücke. Weit weg sind die sphärischen Klangwelten vom Beginn, stattdessen zeigen sich verschiedene Passagen sogar clubtauglich. Fast jeder Track auf "Tunes 2011-2019" ist eine Welt für sich, die sich durch verschiedene Aggregatzustände morpht. Im Gegensatz zu "Burial" und "Untrue" schweifen die Kompositionen mehr aus, ketten sich nur lose an zentrale Motive.

Wenn "Rival dealer" die Gefühlsklimax ist, stellen die drei Stücke von "Kindred" die musikalische dar. Allein der hypnotische Beat von "Loner" ist Gold wert, während der Titeltrack damals schon zeigte, wie stark Burial seinen ikonischen Sound in episches Format zu verweben in der Lage war. "Ashtray wasp" schleppt durchgängig einen weichen Beat mit, eine Soulstimme heult im Hintergrund. Die EP war bereits 2012 eine halbe Stunde großer Kunst. "Truant" und "Rough sleeper" erschienen eigentlich erst später im gleichen Jahr als Single, sind auf "Tunes 2011-2019" dennoch nach "Kindred" platziert. Passenderweise wurde die damalige B-Seite "Rough sleeper" nun vorgezogen und schließt als koheränteres Stück viel besser an die vorigen Tracks an. Das zerrissene "Truant" leitet als finaler Kopftrip hingegen mehr in die abschließende EP "Street halo" über, welche in diesem Kontext als straighterer, nachvollziehbarer Comedown funktioniert – sozusagen eine 20-minütige Vorbereitung auf die reale Welt, nachdem man so lange an zwielichtigen Plätzen im Süden von London ausgeharrt hatte. An denen hinter jeder Ecke mehr oder minder schöne Überraschungen warteten.

"Tunes 2011-2019" schafft etwas, das wirklich nicht leicht ist: Es rückt bereits bekannte Musik in einen völlig neuen Kontext und spannt den Bogen um das große Ganze. Klar hilft Burials verbindende Ästhetik dabei, wenn Tracks aus unterschiedlichen Jahren dank ähnlicher Soundeffekte quasi nahtlos aneinander anschließen. Jeglicher Einwand wegen der fehlenden Songs oder ihrer sattsamen Bekanntheit wird daher von den Vorzügen übertüncht. EPs und Einzeltracks erfahren schlichtweg nicht die Präsenz, die vollwertigen Alben vergönnt ist, und "Tunes 2011-2019" hebt Werke in den Fokus, die es absolut verdient haben und platziert dabei auch die unauffälligen Singles an die richtige Stelle. Wie imposant ist diese Zusammenstellung? Stellen wir uns einfach vor, wir hätten eben seit "Untrue" nichts mehr von Burial gehört. Und dann wäre er, einfach so, mit diesem Mammut auf Doppelalbumlänge als veritablem Nachfolger herausgeplatzt, nach zwölf Jahren sehnsuchtsvollem Warten. Die Begeisterung wäre unermesslich gewesen. Alle hätten ihre Jahres- und Jahrzehntslisten im Dezember 2019 noch mal umschreiben dürfen. Für dieses fantastische Werk vollkommen zu Recht.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Come down to us
  • Rival dealer
  • Kindred
  • Loner
  • Rough sleeper

Tracklist

  1. State forest
  2. Beachfires
  3. Subtemple
  4. Young death
  5. Nightmarket
  6. Hiders
  7. Come down to us
  8. Claustro
  9. Rival dealer
  10. Kindred
  11. Loner
  12. Ashtray wasp
  13. Rough sleeper
  14. Truant
  15. Street halo
  16. Stolen dog
  17. NYC

Gesamtspielzeit: 149:32 min.

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User Beitrag

Christopher

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 1432

Registriert seit 12.12.2013

2020-02-17 22:24:17 Uhr
Ich höre das gerade und bin absolut begeistert. Was für ein Trip.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 20232

Registriert seit 07.06.2013

2020-01-18 20:14:06 Uhr
Ah ok. Find ich irgendwie komisch. Naja.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 4409

Registriert seit 26.02.2016

2020-01-18 20:13:15 Uhr
Ne, Spotify hat nix verkackt. Ich allerdings auch nicht, "Claustro" und "Rival Dealer" wurde wohl beim Redigieren wegen eines Missverstädnisses getauscht.
Die Songs haben öfter Aussetzer oder Abbrüche, das ist normal.

The MACHINA of God

User und Moderator

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Registriert seit 07.06.2013

2020-01-18 00:10:44 Uhr
"Rival Dealer" bricht auch komisch ab am Ende. Und die Tracklist ist nicht exakt die selbe wie in der Rezi. Hat es Spotify mal wieder verkackt?

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 20232

Registriert seit 07.06.2013

2020-01-17 23:47:57 Uhr
Ich find auch die Brüche in den Stücken komisch. Bei 7 Minuten into "Come Down To Us" beginnt doch gefühlt ein total anderes Stück. Hmm.
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