Santiano - MTV Unplugged

Santiano- MTV Unplugged

We Love Music / Universal
VÖ: 18.10.2019

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Schiffbruch mit Fiedler

Erinnert sich noch jemand an Dschinghis Khan? Ralph Siegels tanzende und singende Mongolenhorde ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass Menschen zu allen möglichen Schandtaten bereit sind. Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis ein findiger Musikproduzent auf die Idee kommen musste, die Genres Irish Folk und Shanty auf Fernsehgartenniveau herunterzubrechen. Das Produkt – eine Art Dschinghis Khan für Nordsee-Kunden – hört auf den Namen Santiano und veröffentlicht seit 2011 ein Nummer-eins-Album nach dem nächsten. Das jüngste Elaborat weicht von der erfolgsversprechenden Masche keine Sekunde ab und ist, wen wundert's, ebenfalls bis an die Spitze der Charts geklettert. Nichts Neues aus dem Norden. Machen wir es an dieser Stelle daher kurz und halten fest, dass diese Karnevalskapelle auch live, unplugged und mit Orchester im Rücken nicht viel anders klingt als sonst. Vor allem nicht besser. Santiano verbinden das Pathos vom unheiligen Grafen mit der Authentizität von Käpt’n Iglo. So weit, so schlecht. Was die Sache nicht besser macht: Menschen hören sich das nicht nur freiwillig an, sondern klatschen bei nahezu jedem einzelnen Song ausdauernd mit. Das ist immerhin ein merklicher Unterschied zu den Studioaufnahmen, wenn auch kein positiver.

Man kann leider nicht behaupten, dass Santiano in der Lübecker Kulturwerft, wo "MTV Unplugged" an zwei Abenden aufgenommen wurde, besonders subtil zu Werke gingen. Eine ruhige Nummer wie das plattdeutsche "Fresenhof", im Original von Liedermacher Knut Kiesewetter, bildet die seltene Ausnahme. Ansonsten wird alles gnadenlos niedergefiedelt und vom Publikum in die Leichenstarre geklatscht. So eindimensional und gleichförmig wie die Musik gestalten sich die Texte, die kein erdenkliches Klischee auslassen. "Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren / Müssen Männer mit Bärten sein / Jan und Hein und Claas und Pit / Die haben Bärte, die fahren mit." Und als wären Santiano nicht für sich allein schon schlimm genug, hat man sich Gäste wie die Ethno-Kitsch-Trulla Oonagh, Wincent Weiss oder Michael Rhein alias Das Letzte Einhorn von In Extremo in den Kutter geholt. Zu letzterem haben Santiano eine besonders innige Beziehung – schließlich ist er Teilzeitfischer in Kroatien. Doch im Grunde sind sie alle eine große Seefahrerfamilie. Und so heißt es: Segel hoch, volle Fahrt, hey ho. Glücklicherweise hatte Joachim Witt gerade keine Zeit oder wurde im Hafen zurückgelassen. Darauf einen Küstennebel.

Aber es ist nicht alles schlecht. Wer schon immer mal ein Drum-Solo von Angelo Kelly hören wollte, dem bietet sich hier die Gelegenheit. Es wird – soviel darf man an dieser Stelle verraten – ausdauernd mitgeklatscht. Was einen an sich okayen Künstler wie Alligatoah dazu bewogen hat, eine Eigenkomposition derart mutwillig zu verhunzen, wird vermutlich auf immer und ewig sein Geheimnis bleiben. Den Zuhörer tröstet "Wie zuhause" mit einem leichten Anflug von Ironie inmitten all des pathetischen Gesülzes über Freiheit und Fernweh, Rum und Bumsfallera. Im Bewusstsein von mehr als eineinhalb quälend langen Stunden ist man nämlich für jede noch so kleine Abwechslung dankbar. Wohingegen offensichtliche Fragen mit zunehmender Spielzeit nebensächlich und unwichtig erscheinen. Fragen wie die, weshalb die Ansagen zwischen den einzelnen Nummern fast noch unerträglicher als die Nummern selbst sind. Oder was diese Knallchargen eigentlich für die ehemals renommierte MTV-Unplugged-Reihe qualifiziert hat. Einerlei. Wahrscheinlich waren Santiano nach Unheilig, Andreas Gabalier und Peter Maffay einfach an der Reihe. Hey ho, Leinen los und volle Kraft voraus. Ins Bermudadreieck. Oder auf die nächste Seemine. Ahoi.

(Markus Huber)

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Highlights

  • Fresenhof

Tracklist

  • CD 1
    1. Santiano
    2. Frei wie der Wind
    3. Wie zuhause (feat. Alligatoah)
    4. Land of green (feat. Angelo Kelly)
    5. Drums and guns - Johnny I hardly knew ya (feat. Angelo Kelly)
    6. Hoch im Norden (feat. Wincent Weiss)
    7. Mädchen von Haithabu
    8. Salz auf unserer Haut
    9. Könnt Ihr mich hören
    10. Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren
    11. Liekedeeler (feat. In Extremo)
  • CD 2
    1. Die letzte Fahrt
    2. Der Alte und das Meer
    3. Lieder der Freiheit (To France) (feat. Ben Zucker)
    4. Minne (feat. Oonagh)
    5. Hooray for whiskey
    6. Fresenhof
    7. Weit über's Meer (David's Song) (feat. Beyond The Black)
    8. Gott muss ein Seemann sein (feat. Eisbrecher)
    9. Auf nach Californio
    10. Es gibt nur Wasser
    11. Die Sehnsucht ist mein Steuermann (feat. Angelo Kelly, Wincent Weiss, In Extremo, Ben Zucker, Oonagh, Beyond The Black, Eisbrecher)

Gesamtspielzeit: 104:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Glühfranz

Postings: 384

Registriert seit 30.11.2014

2019-12-18 11:30:11 Uhr
Zählt Stefan Effenbergs Schreibwerk nicht als Buch?

Klaus

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 845

Registriert seit 22.08.2019

2019-12-18 11:28:40 Uhr
Das bedient das Klischee des eher ländlichen Schlandbewohners gesetzteren Alters (und Bauchumfanges), auf dessen Poloshirts und Jacken einer bestimmten Kleidermarke mehr Text zu finden ist, als in den den letzten 10 Jahren in Büchern selbst gelesen wurde.

Autotomate

Postings: 1534

Registriert seit 25.10.2014

2019-12-18 10:55:32 Uhr
Was soll das denn bedeuten? *nasegreif*

Klaus

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 845

Registriert seit 22.08.2019

2019-12-18 10:52:52 Uhr
" Alternative-Camp-David-Combo"

Das ist eine der besten Genrebeschreibungen ever. :)

Bonzo

Postings: 1581

Registriert seit 13.06.2013

2019-12-18 10:38:48 Uhr
Du weißt noch gar nicht wie die Bilderberger, Echsenmenschen und ein bemitleidenswerter Schauspieler aus Brandenburg da drin verwickelt sind!
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