No-Man - Love you to bits

No-Man- Love you to bits

Caroline / Universal
VÖ: 22.11.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Jetzt tanzt er auch noch

Gibt es eigentlich Superlative, mit denen Steven Wilson noch nicht bedacht worden ist? Nein, natürlich nicht. Und natürlich kann das Schaffen des schmächtigen Briten, der sich von einem unbekannten Soundtüftler zu einem Genregrenzen sprengenden Künstler entwickelt hat, kaum genug gewürdigt werden. Auch wenn die letzte Platte "To the bone" ob des hohen Anteils an eher simplem Pop durchaus nicht unumstritten war. Was Wilson allerdings von Beginn seiner Karriere an auszeichnet: Er macht exakt die Musik, nach der ihm der Sinn steht, versucht permanent, sich neu zu erfinden. Und wenn dieser Forscherdrang erwacht, sind auch alte Demos nicht vor ihm sicher. So oder ähnlich muss es gelaufen sein, als Wilson Ende 2018 eine alte Aufnahme seines ersten Band-Projekts No-Man aus dem Jahr 1994 in die Hände fiel. Eine Aufnahme, die eigentlich der Nachfolger des Albums "Flowermouth" hätte werden sollen, allerdings nicht so recht zum Rest des Materials passen wollte.

Erst jetzt, ganze elf Jahre nach der letzten Platte von No-Man, dem hypnotischen "Schoolyard ghosts", haben Steven Wilson und sein langjähriger Freund Tim Bowness also beschlossen, dass die Zeit für "Love you to bits" reif sei. Nicht ohne die Anmerkung Wilsons, dieses Album sei ein Rückgriff auf die Anfänge als Synth-Pop-Band. Also hinfort mit dem ätherischen Art-Pop von "Schoolyard ghosts": Plötzlich regieren tanzbare Beats, über denen Bowness' körperloser Gesang schwebt. Und ja, das hat zu Beginn des Titelstücks – beide Tracks sind im übrigen als fünfteilige Suiten konzipiert –, man mag es nicht glauben, durchaus etwas von Pet Shop Boys oder Soft Cell.

Ebenso erstaunt allerdings, dass die beiden folgenden Teile eher fragmentarisch wirken, bevor in Teil 4 erst breitwandige Dancehall-Klänge, dann dissonant verzerrte Gitarren regieren. Verrückterweise funktioniert das sogar, auch wenn sich an dieser Stelle langjährige Fans vermutlich längst mit Grausen abgewandt haben. Die B-Seite – ja, das darf man dank Vinyl-Revival wieder so sagen! – "Love you to pieces" greift Teile der Melodieführung des Refrains wieder auf, beginnt aber deutlich düsterer, dystopischer. Und lässt plötzlich das Album-Konzept, die Gefühlswelt nach einer gescheiterten Beziehung, überdeutlich werden.

Hier wirkt das Songwriting deutlich schlüssiger und konsequenter, was daran liegen mag, dass "Love you to pieces" als Ergänzung zu "Love you to bits" erst im Jahr 2019 entstanden ist, dabei immer wieder musikalische Themen aufgreift, sie variiert, neu aufsetzt, wieder zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Feiste Bässe treiben erbarmungslos an, Schicht um Schicht türmt sich auf, sodass auch Elektro-Modellbauer Alex Paterson von The Orb seinen Spaß hätte, bis Wilson ein jazziges Keyboard-Solo darüberlegt. Klingt verrückt? Durchaus. Alleine der Gedanke, dass Steven Wilson neuerdings unter die Elektronik-Musiker gegangen ist, dürfte die einen abschrecken. Die anderen jedoch, die dadurch erst recht neugierig geworden sind, werden mit einer spannenden Platte belohnt, die zwar elektronische Musik nicht neu definiert, sich ihr aber auf spannende Weise nähert. Auch wenn Wilsons Komfortzone der fragile Prog bleibt – es ist schon beeindruckend, wie der Brite auch diese selbst gestellte Herausforderung meistert.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Love you to pieces (Pieces 1-5)

Tracklist

  1. Love you to bits (Bit 1-5)
  2. Love you to pieces (Piece 1-5)

Gesamtspielzeit: 35:52 min.

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User Beitrag

Mr Oh so

Postings: 1375

Registriert seit 13.06.2013

2020-03-20 16:22:43 Uhr
Irgendwie nur ein Song. Mmmh. Wird das langweilig? Man verfällt in eine angenehme Trance. Klingt wie eine Maxi-Single aus den 80ern.

Voyage 34

Postings: 919

Registriert seit 11.09.2018

2019-12-10 22:30:56 Uhr
Ja leider nur Backing. Auf schoolyard ghosts geht das für mich gut auf, insgesamt wird mir das aber schnell zu viel von Bowness ihm auf Albumlänge

Obrac

Postings: 1132

Registriert seit 13.06.2013

2019-12-10 18:25:32 Uhr
Ich finde es durchaus ganz spannend und gelungen, aber als echtes Album kann ich es nicht wahrnehmen. Hätte mir ein paar mehr Wilson Vocals gewünscht, Bowness ist mir oft zu schmalzig.

Wilson hat bei No-Man noch nie gesungen. Ich mag Bowness' Gsang. Höre auch seine Soloalben sehr gerne.

Lateralis84skleinerBruder

Postings: 174

Registriert seit 03.03.2019

2019-12-10 17:22:54 Uhr
Am Ende kann ich gut mit dieser“EP“ leben. Mir gefällt sowohl der treibende beat als auch die dezent platzierten Ausbrüche an Gitarre und Piano.

Viel spannender finde ich die Frage, inwieweit das als Ausblick auf Wilsons nächstes Solo Projekt genommen werden kann.

Voyage 34

Postings: 919

Registriert seit 11.09.2018

2019-12-10 17:19:35 Uhr
Ich finde es durchaus ganz spannend und gelungen, aber als echtes Album kann ich es nicht wahrnehmen. Hätte mir ein paar mehr Wilson Vocals gewünscht, Bowness ist mir oft zu schmalzig.
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