Bruce Springsteen - Western stars – Songs from the film

Bruce Springsteen- Western stars – Songs from the film

Columbia / Sony
VÖ: 25.10.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Scheunen wagen

Tja, da bekommt das auslaufende Jahrzehnt auf den letzten Metern doch noch eine skurille Fun-Fact-Anekdote. 2019 wird nunmehr auch als das Jahr eingehen, in dem Bruce Springsteen und David Hasselhoff den gleichen Song gecovert haben. Die Rede ist von Glen Campbells "Rhinestone cowboy": bei The Hoff dümpelnder Teil seiner obskuren Coverorgie auf "Open your eyes", bei Springsteen die Rekurrenz auf eine der Haupteinflussquellen für sein jüngstes Album "Western stars". Nun ist die Auswahl des bekanntesten Songs des Countrymusikers für den 70-jährigen Boss auf den ersten Blick nicht die originellste Idee. Bei genauem Hinsehen finden sich unter der Schalte der charmanten Umsetzung über Schlüsselwörter wie "cowboy", "horizon", "streets" und "train" hinaus inhaltliche Anknüpfungspunkte. Wie auch der "Rhinestone cowboy" leben die Akteure auf "Western stars" im Schatten des Ruhms. "I really don't mind the rain" heißt es bei Campbell, "I had a little sweet spot for the rain" in Springsteens "Hello sunshine". Und könnte die einleitende Zeile "I've been walking these streets so long" des Country-Songs aus den Siebzigern nicht auch ein Statement von Springsteens Tramper aus "Hitch hikin'" oder "The wayfarer" stammen?

Nebeneinandergelegt bildet "Rhinestone cowboy" im direkten Vergleich zum Studioalbum "Western stars" das einzig neue Element auf "Western stars – Songs from the film". Bruce Springsteen hatte schnell für sich entschieden, mit der Platte nicht auf Tour zu gehen. Stattdessen gibt es einen Begleitfilm für sein 19. Studiowerk. Springsteen erläutert darin in bildstarken Sequenzen die Hintergründe der Songs und spielt sie im Anschluss mit der Band dann live in einer Scheune. Seiner Scheune. Auf seinem Hab und Gut in New Jersey steht diese 100 Jahre alte und meterhohe Scheune, in der früher bis unter die Decke Heu gestapelt wurde und nunmehr Lichterketten hängen, Fenster dezente Lichtspots zulassen und eine Bar für gesellige Gemütlichkeit sorgt. Eine urige wie gemütliche Kulisse, in der laut Springsteen schon etliche Familienfeste gefeiert wurden und nun, etwas aufgehübscht natürlich, ein 30-köpfiges Orchester "Western stars – Songs from the film" intoniert. In den ersten Reihen sitzen lediglich Freunde und Bekannte an kleinen Tischen. Regisseur Thom Zimny zeigt einmal mehr, dass er Springsteens Musik buchstäblich ins rechte Licht zu setzen weiß und ein unglaublich gutes Händchen für Atmosphäre besitzt.

Im Film wirkt Springsteen in seinen Einleitungen wie ein weiser Erzähler, manchmal gar etwas zu ernst, in seiner Wortwahl beinahe spirituell. Auch die landschaftlichen Bilder im Abendrot pendeln im visuellen Portfolio zwischen wunderschön und überzeichnet archetypisch. Aber das hört man der Platte nicht an. Die spielt dort, wo Springsteen am besten ist: auf der Bühne. Egal ob vor einer Kamera in einer Scheune, vor zehn Leuten oder Zehntausenden: seit Dekaden sind die Live-Qualitäten des Mannes aus New Jersey unstreitbar. Springsteen ist auch hier wieder nah an seinen Charakteren, ihren Sorgen und Ängsten. Besonders dann, wenn sie wie in "Chasin' wild horses" Überschneidungen mit seiner Person aufweisen. Den Song eröffnet der 70-Jährige mit der Ansage – die einzige im Live-Album hörbare –, dass man zwar für eine Weile vor vielem davonlaufen könne, letztlich aber nicht vor sich selbst. Da steckt schon viel Biografie drin.

Die Live-Performance orientiert sich nah am Studioalbum, aber das ist ja beileibe kein Mangel. "The wayfarer" erhält ein schönes Piano-Outro und für "Stones" und "Moonlight motel" tritt Springsteens Frau Patti Scialfa, die ihren Mann während des kompletten Sets musikalisch unterstützt, als Begleitstimme näher ans Mikrofon. Zwar sind die Streicher auf "Western stars – Songs from the film" noch einmal präsenter als in der Studiofassung, aber das gilt es gar nicht so sehr hervorzuheben. Vielmehr imponieren die bemerkenswerte Akustik in der Scheune und die beachtliche interinstrumentale Balance. Allein "Hello sunshine" lohnt den Kauf. Charles Giordanos Akkordeon beispielsweise hat seine Präsenzphasen in "Sleepy Joe's Café" ebenso wie die quiekenden Bläser. Gerade genannter Song trug am wenigsten die DNA des Gesamtwerks "Western stars", macht in diesem Live-Setting aber durchaus Laune, fügt "bar" und "barn" stimmungsvoll zusammen. Wenn die Live-Instrumentation des Studioalbums eines unterstreicht, dann dass "Western stars" zu den stärksten Platten 2019 gehört. Und das wiederum, liebe Leserin und lieber Leser, wird niemand über David Hasselhoffs Album sagen.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • The wayfarer
  • There goes my miracle
  • Hello sunshine

Tracklist

  1. Hitch hikin'
  2. The wayfarer
  3. Tucson train
  4. Western stars
  5. Sleepy Joe's Café
  6. Drive fast (The stuntman)
  7. Chasin' wild horses
  8. Sundown
  9. Somewhere North of Nashville
  10. Stones
  11. There goes my miracle
  12. Hello sunshine
  13. Moonlight motel
  14. Rhinestone cowboy

Gesamtspielzeit: 57:04 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-12-01 14:46:58 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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