Soundtrack - Queen & Slim

Soundtrack- Queen & Slim

Motown / Universal
VÖ: 15.11.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Im Radio des Fluchtwagens

Das alte "Bonnie & Clyde"-Prinzip ist noch längst nicht tot. Es lebt in verschiedenen Settings weiter, so beispielsweise in Melina Matsoukas' Regiedebüt "Queen & Slim". Die beiden titelgebenden, dunkelhäutigen Charaktere geraten bei nach ihrem ersten Date aufgrund eines kaputten Rücklichts in eine Auseinandersetzung mit einem weißen Streifenpolizisten. Die Situation eskaliert, aus Notwehr erschießen sie den Cop. Sie müssen flüchten, was eine große mediale Welle verursacht. Im Gegensatz zur Thematisierung der Mediengeilheit in den meisten anderen Filmen, beschäftigt sich "Queen & Slim" allerdings mit der Perspektive des schwarzen Amerikas auf Polizeigewalt und Ungerechtigkeit. Insofern ist es nur folgerichtig, dass die musikalische Untermalung Künstler aus dieser Bevölkerungsgruppe zu Wort und Ton kommen lässt.

Über die verschiedenen Versionen der Musik muss man allerdings erst mal Klarheit bekommen. Devonté Hynes, besser bekannt als Blood Orange, komponierte einen instrumentalen Score aus 20 meist kurzen Stücken. Das hört sich fluffig durch, lässt jedoch mangels Vocals ein wenig die Abwechslung seiner regulären Platten vermissen. Ohnehin aufsehenerregender ist der offizielle Soundtrack. Dieser ist entweder mit den in diesem Text behandelten elf neuen oder wenigstens neu gemixten Songs als Download erhältlich oder kommt in manchen Versionen auch mit fünf zusätzlichen, älteren Stücken, die in die Tracklist integriert wurden und klanglich ins Konzept passen. So oder so lässt es sich nicht umgehen, ein ganz besonderes Kleinod herauszuheben: die Rückkehr von Lauryn Hill.

Angesichts der Unsicherheit, ob überhaupt noch Material von ihr erwartet werden kann, ist das sechsminütige, mit Harfenklängen verzierte "Guarding the gates" ein Triumphzug, das beste, was sie seit dem Klassiker "The miseducation of Lauryn Hill" aus dem Jahr 1998 veröffentlicht hat. Der Song bleibt zwar nur bei einem Motiv, der Text dreht sich um Zeilen wie "Everybody wants to know / Where you're going to / Where you're coming from" – doch gerade diese Repetition bildet in Verbindung mit Hills großartiger Performance einen dringlichen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Doch das ist keinesfalls schon alles. Auch ohne "Guarding the gates" wäre dieser Soundtrack ein tolles Feuerwerk von zeitgenössischem HipHop und R'n'B, was nicht zuletzt am einheitlichen Sound liegt, der organisch und warm daherkommt und das durchgehend starke Songwriting unterstützt.

Der härteste Rap-Track begrüßt zum Einstieg, indem Megan Thee Stallion gewohnt bratzig "I'ma ride that dick like a stolen car" verkündet und der Beat sich schlagfertig windet. Auch der Titeltrack hat am Mikro Kirmes, wobei der Backdrop sich als Kontrast harmonischer und orchestraler gibt, während die Truppe Coast Contra aus Los Angeles mit dem schwarzen Leben abrechnet: "My generation product of narcotics for numbing / [...] / It's gun violence, your son dying for nothing." Abseits dieser Songs ist die R'n'B-Schlagseite deutlich ausgeprägter. "Soul sista" von Bilal einnert nicht zufällig an D'Angelos "Voodoo" – es stammt aus der gleichen Ära und wurde für diese Zusammenstellung nur behutsam renoviert. Völlig wunderbar ist das romantisiert schwebende "Collide", das die Zeile "When we collide, it's a beautiful disaster" zumindest zur Hälfte Lügen straft. Chokers "Frame" spinnt derweil den Gedanken weiter, was wäre, wenn sich The Weeknd mehr verträumte Psychedelik trauen würde.

Im Endspurt, ab dem angesprochenen Lauryn-Hill-Track, gibt "Queen & Slim" noch mal alles. Burna Boy, mit Sicherheit der derzeit größte Star vom afrikanischen Kontinent, feuert in "My money, my baby" eine gut gelaunte, verdammt schmissige Salve zwischen Dancehall-Rhythmus und atemlosem Rap ab. Hynes tritt im Closer "Runnin' away" auch noch als Blood Orange in Erscheinung, der Song verliert sich herrlich in wenigen Textzeilen und schwerelosen Saxofon-Eskapaden. Es ist beeindruckend, wie viele unterschiedliche und vielfältige Künstler auf diesem Soundtrack in ein stimmiges Gesamtbild integriert werden und welch durchgängig hohe Klasse das hat. Die Frage nach dem besten Film-Beiprodukt des Jahres lässt sich kurz vorm dessen Ende ganz eindeutig beantworten.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Collide (Tiana Major9 & Earthgang)
  • Queen & Slim (Coast Contra & BJ The Chicago Kid)
  • Guarding the gates (Ms. Lauryn Hill)
  • My money, my baby (Burna Boy)

Tracklist

  1. Ride or die (Megan Thee Stallion & VickeeLo)
  2. Soul sista (Remix) (Bilal & Raphael Saadiq)
  3. Yo love (Vince Staples, 6lack & Mereba)
  4. Collide (Tiana Major9 & Earthgang)
  5. Getting late (Syd)
  6. Queen & Slim (Coast Contra & BJ The Chicago Kid)
  7. Frame (Choker)
  8. Catch the sun (Lil Baby)
  9. Guarding the gates (Ms. Lauryn Hill)
  10. My money, my baby (Burna Boy)
  11. Runnin' away (Blood Orange, Ian Isiah & Jason Acre)

Gesamtspielzeit: 43:44 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-12-01 14:46:47 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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