Josienne Clarke - In all weather

Josienne Clarke- In all weather

Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ: 08.11.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Stillstandortbestimmung

Lernen, wie man bei jeder Wetterlage segelt – das ist der Nutzen, den Josienne Clarke aus dem Songwriting-Prozess zu ihrem neuen Album "In all weather" gezogen hat. Die Dame aus West Sussex hat sowohl auf persönlicher, als auch auf der beruflichen Ebene in den letzten Jahren eher unangenehme Beziehungs-Erfahrungen gemacht und verarbeitet diese nun, verpackt in nahbare Folk-Musik, auf eine Art, die den zweiten Blick, das nochmalige Hinhören freundlich einfordert. Gemütlich, geborgen erscheinen die ersten Orgeltöne von "Learning to sail", auch der Gesang ist in seiner Glockenhelle eine Einladung zum Nähertreten. Doch die Melodielinien, die Clarke in die Leere sendet, erscheinen sonderbar verzagt, drehen sich wehmütig um sich selbst, und dann diese Erkenntnis: "And anytime / We thought we'd find the answers / They just deluded us." Die Desillusionierung durch eine Enttäuschung oder vergebliche Anstrengung zieht sich durch diese Songs, manchmal scheint die Musik ins Leere zu laufen oder dem Stillstand nahe zu kommen.

Und so wird das quälende Dahinfließen der Zeit ohne sichtbaren Wandel in "Seconds" einem gedämpft munteren Flöten-Auf-und-Ab zur Seite gestellt, wirkt dadurch fast ironisch: "Seconds turn to minutes all the time / And nothing I say will make you change your mind." Clarke schafft es mit ihrer Musik, die Leere und die Zwischenräume zum Klingen zu bringen. Das bis zur Ewigkeit gedehnte Perlen der Gitarre in "Leaving London", für sich gesehen hell und freundlich, lässt aufgrund der Abstände zwischen den Tönen ein Innehalten mit Second thoughts zu, die fast wie eine zweite Wahrheit erscheinen. Der Abgrund wird also nirgends musikalisch aufgezeigt, schleust sich durch die Leerstellen aber dennoch ein.

Zur Album-Mitte führt Clarke dann die Stromgitarre ein, um der zärtelnden Weichheit ein wenig mehr Körperlichkeit angedeihen zu lassen. Die Riffs zum Beispiel von "If I didn't mind" sind nicht selten stotternd, kraftvoll zwar, aber eben nicht dazu in der Lage, sich melodisch voll auszuformulieren. Es bleibt beim Fragment, beim Anlauf, bei der Absicht. Und dann wandelt Clarke, ganz klassisch, durch Verdrängtes oder Vergessenes, "Sorry is the key to a door / That you would walk through / And hurt me some more." Doch statt es bei einem säuselnden Wehklagen zu belassen, baut sich im Hintergrund ein bedrohliches Gitarren-Feedback auf, das mentale Grollen Clarkes illustrierend.

Das sich abrollende Gitarren-Schnurren von "Season & time" bringt dann sogar bisher fremde Anmutungen ins Bild, ganz dezent werden Funk, Soul oder nächtlicher R'n'B angedeutet, in seiner Gänze bleibt Clarke aber beim versonnenen Folk. Den beherrscht sie auch in "Walls and hallways" oder, psychedelisch unter Wasser getaucht, bei "Fair weather friends". Dass dieser Song außerhalb des Gleichgewichts am Rand eines immer zu erwartenden Stillstandes entlangschlingert, ist wieder einer dieser Achtungspunkte, die verhindern, dass man diese Platte nur als Herz-Schmerz-Folk-Kleinigkeit wahrnimmt. Wenn die "Dark cloud" unter bauchigem Becken-Grummeln vorbeizieht oder "Oneliness" auf ein tränenziehendes Saxophon mit aufgewecktem Akkord-Geplinger reagiert, hat es Josienne Clarke geschafft, in klassische Folkstrukturen winzig kleine Widersprüche und Sabotageakte einzuarbeiten. Grad so, als würde einem bei freundlichem Sonnenschein noch der Schreck des letzten Wolkenbruchs in den Gliedern sitzen.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Seconds
  • If I didn't mind
  • Season & time
  • Onliness

Tracklist

  1. Learing to sail
  2. Seconds
  3. The drawing of the line
  4. Leaving London
  5. My love gave me an apple
  6. If I didn't mind
  7. Host
  8. Slender, sad & sentimental
  9. Season & time
  10. Walls and hallways
  11. Fair weather friends
  12. Dark cloud
  13. Onliness

Gesamtspielzeit: 32:29 min.

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Armin

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2019-11-21 21:37:45 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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