Liebe Frau Gesangsverein - Alles was glänzt

Liebe Frau Gesangsverein- Alles was glänzt

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VÖ: 25.10.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Mark mag es einfach

Die Oberfläche, das Beschwichtigen und das unzulässige Vereinfachen von komplizierten Sachverhalten: Liebe Frau Gesangsverein aus Köln haben damit so ihre Probleme. Nach dem berauschenden Debüt "Nackt" haben sich die fünf Musiker und Musikerinnen um Ricarda Giefer auf "Alles, was glänzt" so manches gesellschaftliche Symptom vorgenommen, in einfacher aber treffender Sprache und mit jeder Menge Druck. Gerade das erste Drittel des Zweitlings geht derart energisch in die Vollen, wirft "ROCK" in Großbuchstaben an die Wand, hinterlässt jedoch bei all der Wucht und Rauschhaftigkeit ein mulmiges Gefühl.

Wenn "Venus (Die Frau in der Musik)" zu Beginn groß aufspielt, mit stampfendem Schlagzeug und brachialen Riffs, fühlt man sich von dem übertriebenen Hedonismus der Rheinländer angefixt, doch denkt die Band die fehlende Tiefgründigkeit gleich als kritische Leerstelle mit: "Willkommen in unserem Zirkus / Schmiert euch mit Zuckerwatte ein / Ich bin die Hotten-Totten-Venus / Alle herein, alle herein." Dass dann der zweite Song "Mark" heißt, hat sich der werte Herr Forster wirklich verdient. In blind durchgeprügeltem Apokalypsen-Punk findet man genau den Berufsoptimismus auf Biegen und Brechen, der die deutschsprachige Popmusik momentan so schwer erträglich erscheinen lässt. "Egal, was kommt / Es wird gut sowieso." Auch die vordergründige Huldigung von oberflächlicher Schönheit in "Thom (Roboterliebe)" wirkt wie ein ins Gesicht geprügeltes Zahnpasta-Lächeln. Die Liebe mit dem künstlichen Gegenüber, helle Augen, die Gesten eines Kindes, gerät zur schmerzfreien aber lauwarmen Angelegenheit. Der Song selbst jedoch macht Tempo, macht Druck, rauscht motivierend vorbei. Dadurch wird der gefährliche Reiz eindeutiger Stoßrichtungen und einfacher Antworten direkt musikalisch umgesetzt.

Mit "Lisa (Meine einzige Hoffnung)" erfolgt jedoch der Bruch: "Ich hab die Augen meines Vaters / Kann seine Sicht doch nicht verstehen / Ich hab den Willen meiner Mutter / Will dennoch nichts von alledem." Der Song schleicht dazu mit gravitätischen Gitarren als knorriges Magengrummeln durch die Befindlichkeit und auch wenn er Fahrt aufnimmt, ist dies nicht das blinde Anrennen einer euphorischen Meute, sondern ein gut durchdachter Kraftbeweis, der sich aus Ambivalenz speist: "Denn die Widersprüche sind / Meine einzige Hoffnung." Auch die sonnige Beschwingtheit von "Rosa (Wir sind das Publikum)" straft sich auf Textebene Lügen, da das Amüsement im Autopiloten zu Frustration und Leere führt. Dadurch, dass die Kölner die Oberflächlichkeit eher ausstellen als altklug beklagen, kommt dem Hörer selbst die Aufgabe zu, seine Schlüsse zu ziehen. Die Songs sind offensiv, mitunter simple Punk-Abfahrten, die über den großen Druck kommen, doch irgendwie spürt man immer die große Leere dahinter. "Chris (Sei so frei)" ackert genüsslich durch Skate-Punk-Strukturen, gönnt sich aber auch eine mächtig auftrumpfende Hymnik im Refrain. Und doch bleibt die Erkenntnis: "Ich bin die Gabel / Du die Brühe."

Und so erzeugen Liebe Frau Gesangsverein erstens auf der textlichen Ebene ein vielschichtiges Spiel mit den Oberflächlichkeiten, inszenieren sich mal als überzeichnete Verfechter der einfachen Lösungen, fragen an anderer Stelle aber beunruhigend nach den Vorgängen hinter der schönen Fassade. Was diese Platte aber besonders macht, ist, dass diese Band das alles in offensive, mitreißende Punk-Musik packt. Sie erschaffen damit eine unkomplizierte Eingängigkeit, deren unbedachter Genuss selbst zum Gegenstand kritischer Fragestellung wird. Kann man all die verallgemeinernden Antworten ablehnen aber gleichzeitig diese überaus eindeutige Musik mit voller Begeisterung abfeiern?

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Thom (Roboterliebe)
  • Lisa (Meine einzige Hoffnung)
  • Chris (Sei so frei)

Tracklist

  1. Venus (Frau in der Musik)
  2. Mark (Sowieso)
  3. Thom (Roboterliebe)
  4. Lisa (Meine einzige Hoffnung)
  5. Rosa (Wir sind das Publikum)
  6. Alex (Leicht gemacht)
  7. Chris (Sei so frei)
  8. Manni (Dieses und das zweite Zimmer)
  9. Hardy (Sachlicher Eintrag in Dein Tagebuch)
  10. Viola (Etwas das glänzt)

Gesamtspielzeit: 39:24 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-11-14 21:23:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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