Leonard Cohen - Thanks for the dance

Leonard Cohen- Thanks for the dance

Columbia / Sony
VÖ: 22.11.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

The last waltz

"You want it darker"? Das letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Album Leonard Cohens trug im Titel eine Aussage, die im Hinblick auf das erste posthum veröffentlichte Werk nicht treffender auch als Frage hätte gestellt werden können. Schon auf eben diesem Werk barmte sich die dunkle Klangfarbe der Stimme des Sängers durch neun Titel, die allesamt ehrfürchtig das erfüllte Leben, die erratische Wandelbarkeit des Künstlers und sein schlussendlich scheinbar unvermeidbares Entweichen in den Äther zum Thema hatten. "Hineni (hebräisch für "Hier bin ich") sang er, beinahe prophetisch und ist damit, wenn auch eben nicht physisch, auch auf seinem 15. Album in all seinen abgetönten Facetten erstaunlich präsent.

"Thanks for the dance" heißt es, ähnlich sibyllinisch, ähnlich vorahnend, denn schließlich entstammen die insgesamt neun Songs auch aus der Zeit, in der das Vorgängerwerk entstanden ist. Sein Sohn Adam Cohen nahm sich den teils nur grob eingesungenen Skizzen an und vollendete sie ganz im Sinne seines Vaters. Auffallend häufig in gemächlichen Dreitakten schleicht, nein, vielmehr tänzelt Cohen Senior über morbide Walzerklänge und entlockt dem häufig so fröhlich wahrgenommenen Tanz eine morbide, spannungsgeladene Stimmung. Fast scheint es so, als würde der Vater mit beseelten Ausfallschritten den Sternen entgegenstreben, wie schon auf "You want it darker" darf der Chor der Engel bestehend aus Jennifer Warnes, Damien Rice und Leslie Feist als Geleit nicht fehlen. Das sparsame Instrumentarium, dargeboten unter anderem von Beck an der Gitarre, bleibt vor allem als kurze Wegmarke und eben dem Tanz zwischen den Sphären geschuldet als Taktgeber im Gedächtnis.

Weit mehr in der Erinnerung verhaftet bleiben die blendenden Texte eines Mannes, dessen Anfänge als Poet nach wie vor in jedem seiner zumeist eher rhythmisch vorgetragenen denn gesungenen Worte nachhallt. Die schwelenden Gedanken an eine längst vergangene amouröse Nacht in Santiago zu Handclaps und Flamenco-Gitarre. Das kaum merkliche Heben und Senken seines Timbres beim Titelsong "Thanks for the dance", in dem er das 1-2-3, 1-2-3 so erstaunlich forsch intoniert, dass man den jungen Mann durch den brüchigen Bariton erkennen kann. Das trotz einer gewissen Desillusionierung im Text schmeichelnde "It's torn", das den Wiegeschritt aufnimmt, hier aber eher einen mahnenden Ton anschlägt und die zuvor versöhnliche Stimmung aus dem Elysium herausführt. Cohen ist trotz aller Verklärung realistisch, vor allem zu sich selbst.

"The hills" zeigt eindringlich eine Erlösungsabsicht, sicher nicht zwingend etwas Ungewöhnliches für einen zur Entstehungszeit der Skizzen 82-Jährigen, doch lassen Zeilen wie "I can't make the hills / The system is shut / I'm living on pills / For which I thank God" und dann weiter "The angels' upset / But I'm not allowed / A trace of regret" schon ähnliche Gefühlswallungen aufkommen wie das nicht minder eindringliche "Flirted with you all my life" eines Vic Chesnutt. Nicht von ungefähr spürt man eine Art Totentanz, der Walzer hat ausgedient, hier wird in stetigen mühevollen Schritten dem Allmächtigen entgegengestrebt.

Beim abschließenden "Listen to the hummingbird", das wie ein letzter Atemhauch ins Nichts verschwindet und damit eine Brücke zu den jüngsten Alben von Nick Cave schlägt, ist das eröffnende "Happens to the heart", das so melancholisch schön mit sanften Folkverzierungen und einem mollenen Piano in das Album einführt, fast ein wenig vergessen. Doch zeigt sich hierdurch auch, dass Cohen auf seinem bislang letzten Werk – sei es nun durch die Intention seines Sohnes oder durch eigene Bestimmung – hervorragend mit allen Lebensumständen zu spielen vermochte. Ob erste Liebe oder letzter Tanz: In dieser Form darf sich der Sohn auch noch den kleinsten Sprachfetzen seines Vaters annehmen und sie zur Vollendung führen.

(Carl Ackfeld)

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Highlights

  • Happens to the heart
  • The night of Santiago
  • Thanks for the dance

Tracklist

  1. Happens to the heart
  2. Moving on
  3. The night of Santiago
  4. Thanks for the dance
  5. It's torn
  6. The goal
  7. Puppets
  8. The hills
  9. Listen to the hummingbird

Gesamtspielzeit: 30:43 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

kapomuk

Postings: 51

Registriert seit 25.08.2014

2019-11-25 17:29:24 Uhr
Nicht so konzeptionell geschlossen wie "You Want It Darker", aber eine sehr stimmige Fortsetzung.

[Allerletzte Lebens- (und Sterbens-)Äußerung des großen Meisters – dunkel raunend wie immer: https://peter-hamburger.de/panorama/2019/11/25/leonard-cohen-thanks-for-the-dance/]

VelvetCell

Postings: 1536

Registriert seit 14.06.2013

2019-11-25 13:02:26 Uhr
Wunderbares Album! Begeistert gleich beim ersten Hören. Da fiel mir "You want it Darker" schwerer.

Otto Lenk

Postings: 570

Registriert seit 14.06.2013

2019-11-23 10:17:18 Uhr

https://www.youtube.com/watch?v=R4WAbmC5wag

Klaus

Postings: 625

Registriert seit 22.08.2019

2019-11-22 19:00:36 Uhr
Schon schön.

Otto Lenk

Postings: 570

Registriert seit 14.06.2013

2019-11-22 17:59:40 Uhr

Ich kann mich immer wieder nur verneigen vor der größe dieses musikers. Da hat er uns ein ganz und gar wundervolles weihnachtsgeschenk hinterlassen.
Zum kompletten Thread

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