Johannes Oerding - Konturen

Johannes Oerding- Konturen

Columbia / Sony
VÖ: 08.11.2019

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Ich-tu-nur-so-Musik

"Johannes Oerding wäre beim Klimaschutz gern konsequenter", heißt es in einer aktuellen dpa-Meldung. "Ich will mich bemühen – und hab mir heute Morgen doch wieder einen Starbucks-Becher geholt, werde diese Woche mit dem SUV durch Deutschland fahren", wird der 37-jährige in diversen Medien zitiert. Ja, man hat es schon nicht leicht mit diesem ganzen Klimawandeldings. Nun, die Erkenntnis, dass Oerding gern Klimaschützer wäre, ist neu. Dass er ein Möchtegern-Singer-Songwriter ist, jedoch nicht. Sein neues Album "Konturen" verleugnet das schon gar nicht mehr.

Schon der Opener hat zu viel Jäger-Bull erwischt: Four-to-the-floor und dann das Leben mal so richtig abfeiern, yeah. Dem bierzeltigen Refrain fehlt eigentlich nur noch ein Millennial Whoop, hat er doch schon ein paar partysüchtige Chöre im Gepäck, die dem Hörer so eine Orientierungshilfe liefern, wann er mitzusingen hat. Der Folge-Song hat eigentlich das gleiche Thema, kurz zusammengefasst: Manchmal läuft's schlecht, manchmal mittel, manchmal gut, aber meistens so mittel-schlecht. Der Track rollt das Thema andersrum auf als das Stück davor, spricht von "Narben" von "alles tut weh", aber irgendwann wird vielleicht doch noch mal "alles okay". Spätestens seit Julia Engelmann Depressionen erfolgreich mit Zitrusfrüchten therapierte, steht fest, dass solche Tracks ganz ganz wichtig sind für die Menschen. Nach der Klavierballade "Blinde Passagiere" – "Wir haben gelebt, wir haben geliebt" – haut Oerding mit "Anfangen" dann wieder ein hittigeres Ding raus. "Es wird Zeit für 'ne Revolution", fordert der Münsteraner da im souligen Setting – und auch, wenn der Sänger sich bei seinen Konzerten immer mal wieder gegen die AfD positioniert und dabei dann hin und wieder Buhrufe kassiert, bei diesem, von ihm angeführten Umsturz möchte man nicht dabei sein.

"Unter einen Hut" versucht einiges, nun ja, unter einen Hut, genauer gesagt unter den des Sängers, zu bekommen. "Jetset und Heimweh" zum Beispiel oder auch "Hymnen und Blues" trägt der offenbar ein wenig bipolar strukturierte Barde zwischen Kopf und Mütze. In "Ich hab Dich nicht mehr zu verlieren", das sich zwischen akustischer Gitarre und zarten Streichern einzupendeln versucht, joint Ina Müller ihren Lebensgefährten. Skippen wir lieber. Das folgende "Besser als jetzt" ist eh viel fröhlicher: Wenn die Gezupfte sich einen Wettstreit mit dem nunmehr endlich in Erscheinung tretenden Millennial Whoop liefert, klingt das dann wie Mumford & Sons, als sie schon scheiße waren – in noch schlechter. Entsprechend der Auf-und-Ab-Dramaturgie des Albums folgt dann wieder ein trauriger Song, nämlich "K.O.", danach das hoffnungsvolle "Vielleicht im nächsten Leben" mit hellen The-Verve-Geigen im Intro und zackiger Elektrischer in der Strophe. Zum Chorus sucht der elektronische Beat den Drop, dann Handclaps und "Oh-oh-oh-oho-oh-oh". Mehr Klischee-Deutsch-Pop geht eigentlich nicht. "All in" klingt auf den ersten Metern wie Alexander Marcus ohne Humor und zum Abschluss präsentiert sich "Benjamin Button": Es greift die Idee des gleichnamigen Hollywood-Films auf und sinniert zu traurigen Trompeten über ein Leben, in welchem man jünger statt älter wird.

Da das ganze Fiktion bleibt, muss Oerding sich leider Gottes damit abfinden, dass er weiterhin ganz normal altert. Und auch, was er auf seinem bisherigen Weg bereits fabriziert hat, das kann er nicht mehr rückgängig machen. Immerhin ist "Konturen" jetzt endlich das Schlager-Album, das seine fünf Vorgänger immer nicht zugeben wollten zu sein: Es gibt keine anderen Themen als ich, Du, er, sie, es, wir, Ihr, sie, die Musik ist anbiedernd und dürfte in ihrer Einfalt sämtliche Hörer von SWR 1 über Bayern 3 bis HR 4 befriedigen. Es ist Musik zum Vorspielen, dass man wirklich etwas fühlt. Damit ist man dann so beschäftigt, dass man schon mal übersehen kann, dass die selbst bei Starbucks mittlerweile solche fucking Bambus-Becher für den Coffee-to-go verkaufen. Kostet keinen Zehner, so 'n Ding.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

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Tracklist

  1. An guten Tagen
  2. Alles okay
  3. Blinde Passagiere
  4. Anfangen
  5. Unter einen Hut
  6. Anfassen
  7. Ich hab Dich nicht mehr zu verlieren
  8. Besser als jetzt
  9. K.O.
  10. Vielleicht im nächsten Leben
  11. All in
  12. Wenn Du gehst
  13. Benjamin Button

Gesamtspielzeit: 50:05 min.

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User Beitrag

Huhn vom Hof

Postings: 1389

Registriert seit 14.06.2013

2019-11-11 20:33:17 Uhr
Ben Zucker, ich weiß, wo du deinen Trabi geparkt hast.

Autotomate

Postings: 1309

Registriert seit 25.10.2014

2019-11-11 20:21:28 Uhr
Naja, seine Fans schwärmen davon (drüben im Zucker-Thread).

Huhn vom Hof

Postings: 1389

Registriert seit 14.06.2013

2019-11-11 19:48:18 Uhr
Zugegeben, ich war mir nicht sicher ob ich Unheilig in den Walk of Shame einbeziehen sollte, ist der Graf doch der grindcorigste unter den Schlagerbarden.

Und was meinst du mit Klo-Atmo? :D

Autotomate

Postings: 1309

Registriert seit 25.10.2014

2019-11-11 19:37:27 Uhr
Zumindest die Klo-Atmo beim Zucker ist doch wohl unverkennbar...

Autotomate

Postings: 1309

Registriert seit 25.10.2014

2019-11-11 19:15:24 Uhr
Wenn das jemand sagt, der Unheilig nicht von Johannes Oerding und Johannes Oerding nicht von Ben Zucker unterscheiden kann, überzeugt mich das nicht so wirklich ;)
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