Neska Lagun - Fluchtpunkt

Neska Lagun- Fluchtpunkt

Midsummer
VÖ: 27.09.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wo die Verwundeten wohnen

Klangfarben sind eine unterschätzte Sache. Dabei gibt es doch zahlreiche Alben, die ihre volle Wirkung erst in speziellen Situationen oder unter bestimmten äußeren Umständen entfalten. Im strahlenden Sonnenschein werden sich nicht so viele nach einer ordentlichen Portion Dead Swans oder Gouge Away sehnen. Hoffentlich. Da passt es ins Bild, dass Neska Lagun mit ihrem Debüt "Fluchtpunkt" pünktlich zu einer Zeit auftauchen, wo es morgens plötzlich wieder arschkalt ist, die Tage schon merklich kürzer und der Weg bis hin zu verregneten Herbstnebeltagen so furchtbar weit nicht mehr ist. Nicht das einzige gute Vorzeichen für Neska Lagun.

Schließlich könnten die musikalischen Vorbilder mit Fjørt, The Tidal Sleep oder La Dispute wahrhaft schlechter gewählt sein. Und schließlich spricht "Fluchtpunkt" in seinem gesamten Auftreten mit einer Sprache. Da wäre zum Beispiel der Bandname, der aus dem Baskischen kommt, in etwa "Person, mit der man eine Liebesbeziehung führt" bedeutet, und in den Texten konsequent umgesetzt wird. So direkt wie möglich und so verrätselt wie nötig wird hier stets ein unbekanntes "Du" angesprochen. Und es tut immer weh. Weil das Quartett aus Berlin seine stilsichere Melange aus Post-Hardcore, Screamo und Postrock ganz und gar fröstelnd inszeniert, weil die Band in den Engtanz mit dem Schmerz ihrer Hörer geht und man dabei immer kurz davor ist, miteinander ins ungewisse Dunkel zu stürzen. Weil Neska Lagun für Netze und doppelte Böden keine Verwendung haben.

"Fluchtpunkt" agiert direkt und ungeschminkt und trifft zielsicher. Mit entwaffnend simplen Mitteln, wenn es etwa im wuchtigen "Mida" einfach heißt "Ein Sessel im Schatten / Konturen die du nicht mehr füllst". Oder eben auch mit großartigen Songs wie dem vorab veröffentlichten "Weiter", das sich ganz nah an den Postrock wagt und als strahlender Leuchtturm in Mitten des kalten Grau funktioniert. Nicht minder gelungen ist das auf Spanisch eingesungene "Montañas", das im Hintergrund verhallte Gitarrenfiguren versteckt, die auch Mineral mal aufgenommen haben könnten. Oder das perfekt platzierte Instrumental "Inhala", das nicht ein Wort braucht, um den Raum bis zum letzten Staubkorn in seinen Bann zu ziehen. Und wenn "Lightbeat" nach nicht mal einer halben Stunde die Akustikklampfe rauskramt, um mal eben den unprätentiösen und herrlich passenden Rausschmeißer zu geben, gibt man selber ein Stück weit auf. Und lässt sich einfach fallen in das Werk von Neska Lagun. Lebt die letzten Worte "I'm trying not to look behind / I'm trying to set foot on land" voller Hingabe mit.

Das sind einfache Zeilen, ja. Die man aber braucht, nachdem man mit "Fluchtpunkt" zuvor gute zwanzig Minuten – mehr würde man auch kaum aushalten – kreuz und quer durch rauhe und eisige Gewässer geworfen wurde und versucht hat, sich irgendwie über Wasser zu halten. Die dann auch durch Mark und Bein gehen, wie es ohnehin das ganze Album tut. Und jenes ist, vom Cover-Artwork über den Sound bis hin zur Wortwahl in ausgewählten Momenten auf ganze eigene Art und Weise perfekt. "Fluchtpunkt" ist ein schroffes, hörbar ungeschliffenes, manchmal sogar ungehobeltes Stück Post-Hardcore. Eine Projektionsfläche für die Verwundeten, die ihre Hörer gnadenlos und doch sanft mitreißt.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Küste
  • Weiter
  • Lightbeat

Tracklist

  1. Küste
  2. Karoshi
  3. Bloom
  4. Montañas
  5. Inhala
  6. Weiter
  7. Mida
  8. Flüchtig
  9. Lightbeat

Gesamtspielzeit: 26:30 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-11-08 11:30:32 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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