Jpegmafia - All my heroes are cornballs

Jpegmafia- All my heroes are cornballs

EQT / LLC
VÖ: 13.09.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Wie soll ein gespaltener Mensch das ertragen?

Hat Barrington Hendricks seinen Biss verloren? Keine zwei Jahre ist es her, dass der als Jpegmafia (oder Peggy) auftretende Rapper und Produzent "Veteran" Anfang 2018 aus dem Käfig ließ – ein tollwütig keifendes Biest, das die Zähne in Richtung der halben Promi-Welt von Morrissey bis Lena Dunham fletschte und der auf Drakes nächstes Playlist-Album wartenden Szene einen giftigen Brocken aus Experimental-HipHop, Punk und Noise vor die Füße spuckte. Doch im Vorfeld von "All my heroes are cornballs" tauchten Videos auf, in denen Größen wie Jeff Tweedy oder James Blake ihre Enttäuschung kundtaten, und tatsächlich kommt Hendricks' neue Platte merklich poppiger und zugänglicher als ihr Vorgänger daher. Natürlich waren jene "Disappointed"-Vignetten bloß eine PR-Kampagne und um die Eingangsfrage verneinen zu können, braucht man sich nur etwa "Prone!" anzuhören: "Bullets through his neck and his backbone […] One shot turn Steve Bannon into Stephen Hawking", rappt Peggy mit der Zärtlichkeit einer Vollautomatischen und auch die Synths scheinen sich jede Sekunde an die Gurgel zu gehen.

Es ist pure Ironie, dass ein Interlude "Jpegmafia type beat" heißt – kaum ein anderer Rapper lässt sich so schwer in eine Schublade stecken wie Hendricks. Eine Lärmkulisse aus zerbrechendem Glas und schreienden Menschen eröffnet "Jesus forgive me, I am a thot", das schnell in eine verkappte Piano-Ballade mit warmen Pop-Hooks kippt. Die soulige Fragilität von "Kenan vs. Kel" erfährt eine heftige Zerschmetterung mit der Punk-Säge, das Flehen "Pray for my babies, they doin' time" aus dem Opener weicht der angepissten Erkenntnis "I don't think prayer can help!" Auch "Beta male strategies" polarisiert sich zwischen ätherischen Vocal-Samples und einem zermörserten Gitarren-Solo, während Hendricks sich die Online-Rambos der Alt-Right vorknöpft: "Say what you said on Twitter right now / You only brave with a board and a mouse." Der 30-Jährige bleibt dabei stets ein Meister der Struktur und ihrer Auflösung, Schönheit und Krach fließen nie neben-, sondern ineinander und die ständigen Kontraste verkommen nie zum Selbstzweck.

"All my heroes are cornballs" ist vielmehr ein Dokument der konstanten Überforderung – Hendricks kanalisiert unzählige Erfahrungen und mediale Eindrücke, ohne sich auf eine Verarbeitungsweise festzulegen. Hinter den Akustikgitarren und Flöten des melancholischen "Grimy waifu" verbirgt sich eine nicht klar zu fassende Groteske um Schusswaffen und Memes. "Post verified lifestyle" treibt ständig wechselnde Beat- und Sample-Fragmente vor sich her und lässt im Vorbeigehen die eigene Vergangenheit aufblitzen: "I survived through the slums." "Dots freestyle remix" bricht vom fast schon konventionellen Rap-Banger in eine Ambient-Coda, während Hendricks davon träumt, von Madonna adoptiert zu werden. Es ist nicht der einzige Ausdruck seines recht speziellen Humors ­– in "BBW" bezeichnet sich der gebürtige New Yorker als "black Brian Wilson", im Einminüter "BasicBitchTearGas" covert er aus dem Nichts TLCs "No scrubs".

"You think you know me", heißt es wiederholt auf dem Album. Hendricks' ästhetisches Konzept ist nicht die Pop-Musik der Zukunft, sondern die der ungefilterten Gegenwart: eine Darstellung des unaufhörlichen Informations- und Emotionsstroms der Internetkultur, unter dessen Druck auch die eigene Identität nur aufgespalten existieren kann. Peggys bester und schönster Song, das von Helena Deland unterstützte "Free the frail", setzt sich am deutlichsten mit diesem Aspekt auseinander: "Don't rely on the strength of my image […] Break it down, the shit is outta my hands." Es stiftet zusätzliche Verwirrung, wenn die lyrische Persona an manchen Stellen, etwa in "Thot tactics", eine weibliche Perspektive einnimmt. "All my heroes are cornballs" ist ein postmoderner Roman für das digitale Zeitalter, der dem Konflikt zwischen Kunstfigur, tatsächlichem Individuum und Gesellschaft eine passende musikalische Form gibt. Doch auch ohne ihr solch ambitionierte Meta-Bedeutungen zuzusprechen, lässt sich mit der Platte unheimlich viel Spaß haben – Barrington Hendricks ist schlicht einer der spannendsten Künstler des aktuellen HipHop.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Jesus forgive me, I am a thot
  • Beta male strategies
  • Grimy waifu
  • Free the frail (feat. Helena Deland)
  • Post verified lifestyle

Tracklist

  1. Jesus forgive me, I am a thot
  2. Kenan vs. Kel
  3. Beta male strategies
  4. Jpegmafia type beat
  5. Grimy waifu
  6. PTSD
  7. Rap grow old & die x No child left behind
  8. All my heroes are cornballs
  9. BBW
  10. Prone!
  11. Lifes hard, here's a song about sorrel
  12. Thot tactics
  13. Free the frail (feat. Helena Deland)
  14. Post verified lifestyle
  15. BasicBitchTearGas
  16. Dots freestyle remix (feat. Buzzy Lee & Abdu Ali)
  17. Buttermilk jesus type beat
  18. Papi I missed U

Gesamtspielzeit: 45:17 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

The MACHINA of God

Postings: 18338

Registriert seit 07.06.2013

2019-11-18 19:52:10 Uhr
Ich mag den experimentellen Ansatz. Der Vorgänger "Veteran" ist ja auch klasse.

Was haben eigetlich alle mit Macauley Culkin? :D

The MACHINA of God

Postings: 18338

Registriert seit 07.06.2013

2019-11-04 19:45:37 Uhr
Ich hab das VIdeo noch nicht gesehen. Lass es nur in der Rezi, hab das Video angeklickt und gesehen, dass es von JPEG selber hocchgeladen wurde. Deshalb dachte ich, das wäre ein Marketing-Gag.

maxlivno

Postings: 1625

Registriert seit 25.05.2017

2019-11-04 19:25:00 Uhr
Was meinst du mit inszeniert? Eigentlich ziemlich unverblümte Unterhaltungen zwischen Künstlern in allen Videos. Das beste “Disappointed”-Video war jedenfalls das mit James Blake. 35 Minuten lang und man hat Einblicke in ihre Herangehensweisen bekommen. Das Video mit Tweedy und Hannibal Buress war ganz gut. Lustig waren die Videos mit Kenny Beats und Denzel Curry

The MACHINA of God

Postings: 18338

Registriert seit 07.06.2013

2019-11-04 18:42:52 Uhr
Oh, so experimentelle HipHop mag ich. :)

Sind die Videos mit Tweedy eigentlich inszeniert von JPEG oder wie läuft das?

Marvin

Postings: 61

Registriert seit 27.04.2018

2019-10-30 23:06:13 Uhr
Danke für das Lob, freut mich sehr :-) Das "Call me maybe"-Cover kannte ich, die "Disappointed"-Videos hab ich mir aber nicht im Detail angeschaut. Ich meinte mit dem "aus dem Nichts" eher diese Ansatzlosigkeit, Unberechenbarkeit, die das ganze Album bestimmt und hier auf gewisse Weise zur Spitze getrieben wird.
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