EarthGang - Mirrorland

EarthGang- Mirrorland

Dreamville / Interscope / Universal
VÖ: 06.09.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

The love below

Nein, EarthGang sind nicht die neuen OutKast. Klar, dieser aktuell allerorts gezogene Vergleich ist durchaus naheliegend: Auch Johnny Venus (alias Olu) und Doctur Dot (alias WowGr8) stammen aus Atlanta und bilden ein exzentrisches HipHop-Duo, dem ein unauffälliger Kleidungsstil genauso fern liegt wie das Einhalten von Genre-Grenzen. Doch solche zwanghaften Querverbindungen zu musikgeschichtlichen Größen rauben jungen Künstlern immer ein wenig die Eigenständigkeit, was Dot und Venus keinesfalls gerecht wird. Ihr Major-Debüt "Mirrorland" erfüllt alle Erwartungen, welche die Rap-Welt spätestens nach ihrem Auftritt auf J. Coles erfolgreichem Label-Sampler "Revenge of the dreamers III" an sie gestellt hat. EarthGang ziehen einen bunten, unvorhersehbaren Zirkus hoch und stehen damit ganz in der eklektischen Tradition des Southern HipHop. Das Album ist eine Liebeserklärung an Atlanta durch die überstilisierte Linse eines extrovertierten Theater-Mosaiks. Trotz regionaler Insider und Verweise – "Wings" etwa nimmt Bezug auf einen Brückeneinsturz auf dem Interstate 85 – bewahrt es sich eine musikalische wie thematische Universalität, die es auch für Bewohner der anderen Seite des Atlantiks immer zugänglich lässt.

Schon im Opener "LaLa challenge" passiert unheimlich viel: Venus spielt den Jahrmarkt-Ansager, der Beat zappelt nervös, eine Besucherin bestellt sich Chicken Wings, und ein irrer Gospel-Chor geleitet ins Ende. Inhaltlich bekommen Poser-Rapper ihr Fett weg, und rassistische Gewalt wird angeklagt. Der realitätsnahe Kern ihrer Texte hält EarthGang bei aller Überzeichnung am Boden – "Bank" geht mit Hypes und dem daraus resultierenden Druck um, "Avenue" malt ein eindrückliches Bild prekärer Lebensverhältnisse auf seinem detailreichen Instrumental. "Mirrorland" hält auch dem Innenleben seiner Protagonisten den Spiegel vor und lässt diese Introspektionen interessante Symbiosen mit der Musik eingehen. Nach dem gestressten "UP" sucht "Top down" die melodieselige Entspannung, doch Dot bleibt unruhig und hinterfragt seinen Geisteszustand: "How do you cope with what you been through?" Das grandiose Herzstück "This side" findet keine klare Antwort, ergeht sich erst in Synthie-getränkter Melancholie und nach einem Tempowechsel in aufgekratzter Aggression. Es ist Venus' unerwartet direkt formulierter Wunsch nach Ausbruch, der sich dabei am stärksten einbrennt: "Let's go to the lake / Let's jump in it naked / We can escape / We can leave this place."

Weil natürlich nicht jeder beim Achterbahnfahren Lust aufs Grübeln hat, macht die Platte auch an der Oberfläche viel Spaß. Mit ausladendem Trompeten-Gebläse findet "Tequila" einen Einzelplatz zwischen Afro-Beat und TexMex, der sogar das eher unnötige T-Pain-Feature egalisiert. "Stuck" klingt mit ambitionierter Rhythmussektion auffallend organisch, das wundervolle "Blue moon" öffnet den Neo-Soul-Nachthimmel. Generell enthält "Mirrorland" überraschend viel Wärme und Schönheit für ein Album, das in einem Song ("Swivel") einer paranoiden Heliumstimme Platz einräumt. Gemeinsam mit Kehlani sinniert Venus im Nuller-R'n'B-Schmachtfetzen "Trippin'" über seine Erwartungen an Beziehungen: "I don't need no part-time love / Got no room for one-night-stands." Young Thug greift dem Duo in "Proud of U" unter die Arme, einer für ihn typischen Trap-Ballade, die eine Danksagung an alle stützenden Frauen in Venus' und Dots Leben ausspricht – und nebenbei der größte Hit der Platte ist. Unter allem Stile und Stimmungen wechselnden Wahnsinn zeigen EarthGang ein eigenes Herz, womit sie sich die Emanzipation von Atlantas bedeutendsten Rap-Paten in letzter Konsequenz verdienen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Top down
  • Proud of U (feat. Young Thug)
  • This side
  • Blue moon

Tracklist

  1. LaLa challenge
  2. UP
  3. Top down
  4. Bank
  5. Proud of U (feat. Young Thug)
  6. This side
  7. Swivel
  8. Avenue
  9. Tequila (feat. T-Pain)
  10. Blue moon
  11. Trippin (feat. Kehlani)
  12. Stuck (feat. Arin Ray)
  13. Fields (feat. Malik)
  14. Wings

Gesamtspielzeit: 55:20 min.

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Armin

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2019-10-30 20:24:07 Uhr - Newsbeitrag
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