Conchita Wurst - Truth over magnitude

Conchita Wurst- Truth over magnitude

RCA / Sony
VÖ: 25.10.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Der Wandler

Dass Tom Neuwirth das Spiel mit der eigenen Identität liebt, überrascht nicht. Nachdem er unter eigenem Namen einst erfolglos ins Musikbusiness startete, gewann er wenige Jahre später als Kunstfigur Conchita Wurst mit Perücke, Bart und opulentem Dress den Eurovision Song Contest 2014 mit "Rise like a phoenix". Das war für die Toleranz alternativer Lebensformen und die Aufweichung von Geschlechterrollen ein tolles Symbol, die sicher ihren Teil zur heutigen Debatte über die Überwindung veralteter und festgefahrener Denkmuster beigetragen hat. Nur das zugehörige Album "Conchita" wollte dann doch nicht so recht begeistern. Nach einer pompösen Kollaboration mit den Wiener Symphonikern für "From Vienna with love" hat sich Neuwirth bereits in jeglicher Hinsicht ein völlig neues Gewand übergeworfen. Das dritte Album "Truth over magnitude" trägt seine Mission im Titel des Vorboten und Openers: "Trash all the glam".

Vorbei die Zeit der pathetischen Balladen, weg mit der Gala-Garderobe. Und auch wenigstens halb weg mit dem Vornamen – zumindest im Artwork wird Neuwirth nur als "Wurst" referenziert, der ganz physisch gesehen männliche Teil seines Wesens. Das Video zur erwähnten Single zeigt jedoch vielmehr eine geschlechts- und gesichtslose, schwarz umhüllte Figur, die sich in zwielichten U-Bahn-Stationen räkelt. Der Song ist geschmacksvoller, aber unaufgeregter Elektropop und deutet in etwa an, was "Truth over magnitude" in der Folge bereit hält. Im Visual zum extrem hitverdächtigen und schmissigen "To the beat" tanzt Wurst derweil mit Krone und abgwetztem Kleid durch ein beengtes Zimmer. Bei "Hit me" erscheint er gar um Jahre gealtert mit kurzem, weißem Haar und Bart. Und dann ist da überall diese mysteriöse schweißähnliche Flüssigkeit auf ihm. Drag Queen? Ein längst zu enges Korsett, das er verlassen hat. Wer ist das und wenn ja, wie viele?

Der Mut zur optischen Abseitig- und Vielseitigkeit und der Einfallsreichtum der erdachten Figuren überträgt sich allerdings nicht gänzlich auf die Musik. Die zwölf Songs haben genügend Schmiss, um auf Tanzflächen zu funktionieren, genügend Hook und Melodie,um Airplay zu bekommen, aber der letzte Schritt zur Eigenständigkeit bleibt ihnen abhanden – auch weil Neuwirths Stimmumfang ohne die überbordenden Arragements der Vorgänger nicht gänzlich zur Geltung kommt. "Truth over magnitude" ist einfach ein sehr kompetentes Pop-Album mit immerhin niedriger Füllerquote und vielversprechenden Highlights. "I slip out of my body", verkündet der Gestaltenwandler programmtisch im edlen, perlenden "Satori". Die nebulöse Four-to-the-Floor-Anbandelung "Forward" erreicht mit den hohen Gesangsspitzen tatsächlich die gewünschte schwitzige Atmosphäre: "Here we are in the darkened room." Keine Angst vor Körperlichkeit im Vergleich zum sterilen "Conchita".

Unterm Strich fallen die paar Aussetzer wenig ins Gewicht. "See me now" hätte etwa einen etwas inspirierteren Refrain vertragen können. Die Kieksgeräusche in "Kuku" sind fast exakt aus J Balvins "Mi gente" kopiert und stören nach kurzer Zeit. Und wenn man von Wurst eins nicht hören will, sind es Raps, welche recht ungelenk beispielsweise in "Hit me" vom eigentlich selbstlaufenden Dark-Disco-Pop ablenken. Dafür hält ein weitläufig angelegtes "Resign" die Spannung tatsächlich über fünf Minuten und überrascht kompositorisch in diesem Kontext. Generell ist "Truth over magnitude" ein gelungener Schritt in ein anderes Terrain. Es deutet darauf hin, dass Neuwirth sich Gedanken um eine ganzheitliche Vision macht, diese noch öfters ändern wird und als Individuum spannend bleibt. Selbst wenn die auditive Ausführung hier und da noch etwas hinter dem Kunstgedanken zurückbleibt.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Satori
  • To the beat
  • Resign
  • Forward

Tracklist

  1. Trash all the glam
  2. Satori
  3. To the beat
  4. Can't come back
  5. Hit me
  6. See me now
  7. Resign
  8. Under the gun
  9. Kuku
  10. Forward
  11. SIX
  12. Truth over magnitude

Gesamtspielzeit: 45:39 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 16249

Registriert seit 08.01.2012

2019-10-30 11:33:48 Uhr - Newsbeitrag

WURST
05.02. - 12.02.2020

Der österreichische Sänger Tom Neuwirth schickt seine neue Figur WURST auf die Bühne, nachdem er das platinprämierte Debütalbum “Conchita” und das goldprämierte Album mit den Wiener Symphonikern – “From Vienna With Love” – veröffentlicht hat. WURST steht für Elektro-Pop und zeigt die maskulinere und kantigere Seite des Künstlers. Mit seinem dritten Studio-Album „T.O.M. - Truth Over Magnitude“ (VÖ 25.10.2019 bei SONY Music Austria) setzt er einen neuen Meilenstein in seiner Karriere. Mit der neuen Live-Show erwartet das Publikum ein Konzerterlebnis mit kraftvollen Beats, purer Authentizität, androgynen Looks und tanzbaren Sounds.
Image Label


05.02.2020 Berlin - Frannz Club

08.02.2020 Köln - Luxor

09.02.2020 Hamburg - Kampnagel

11.02.2020 Heidelberg - Karlstorbahnhof

12.02.2020 München - Backstage Halle

Felix H

Postings: 3911

Registriert seit 26.02.2016

2019-10-26 19:11:54 Uhr
Aber klar, das ist euer Job und ihr macht das gut.

Danke. :-)
Manchmal sind die Erwartungen ja auch eher niedrig, aber ich habe schon ein paar Mal eben ziemlich gute Alben von Künstlern gehabt, bei denen ich definitiv was unter 4 Punkten erwartet hatte. Andersrum leider natürlich auch. Wichtig ist eben, möglichst unvoreigenommen alles zu hören. Sowohl Sunn O))) als auch Scooter.

Given To The Rising

Postings: 795

Registriert seit 27.09.2019

2019-10-26 17:05:47 Uhr
Ich hör ja auch nicht den ganzen Tag Sunn, eher in Ausnahmefällen, aber ne Kollab mit CW, warum nicht? Mit Kapuzenmantel sieht sie bestimmt schick aus.

Herr

Postings: 1079

Registriert seit 17.08.2013

2019-10-26 17:00:22 Uhr
Plattentests ist eine relevante Größe!

Und letztendlich, von Genres losgelöst, ist CW genauso extrem wie Sun O))). Nur halt eben Geträllert und nicht gedröhnt.

Einfach mal CW in das Gedröhne hineinprojizieren anstelle der Chöre, und schon passt es wieder.

Given To The Rising

Postings: 795

Registriert seit 27.09.2019

2019-10-26 17:00:03 Uhr
Bis auf Carl Ackfeld. Der soll sich schämen, Alcest so eine schlechte Rezension zu verpassen. :)
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