Patti Smith - Gung ho

Patti Smith- Gung ho

Arista / BMG
VÖ: 20.03.2000

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Von Rebellion und Kannibalismus

Nur wenigen Künstlern gelang es, die moderne Musik über die Jahre hinweg so zu prägen und gleichzeitig eine solche Kraft und Rebellion in ihren Texten zu verankern wie Patti Smith. 25 Jahre ist es her, daß sie auf ihrem Debüt "Horses" rebellische Parolen gegen das mannigfaltige Unrecht in der Welt gegen die Plattenteller sprühte und wenig später mit "Because the night" sogar einen kleinen Hit landete. Zu einer Zeit, in der Rage Against The Machine und Konsorten noch Spielzeugpanzer niedermähten oder sich auf den Sturm im Wasserglas konzentrierten, streute Patti Smith schon einfrig Salz in gesellschaftliche Wunden.

Was kann man von einer großen Künstlerin wie ihr nach einem Vierteljahrhundert musikalischem Aktivismus noch erwarten? Ein entspanntes Singer-Songwriter-Album? Ein grundsolides Spätwerk kurz vor Karriereende gar? Mitnichten. Auch wenn auf den Fotos im Booklet Patti Smith eine in der Tat frappierende Ähnlichkeit mit Iggy Pop zeigt und der Zahn der Zeit an beiden nicht spurlos vorbeigegangen ist, blieben doch Idealismus und Energie unangetastet. Auch wenn es uns die Plattenfirma im Info gerne glauben machen möchte: Die inzwischen 53-jährige Patti Smith wird nun bestimmt nicht in die kommerziellen Fußstapfen von Carlos Santana oder Tom Jones treten und versucht es auch gar nicht. Stattdessen holte sie sich Produzent Gil Norton (Pixies, Foo Fighters, Counting Crows) ins Studio und nahm ein für dessen Verhältnisse überaus ungewöhnliches Werk mit dem Titel "Gung Ho" auf.

Ein reifes, aber bestimmt nicht biederes Spätwerk, das nichts von der früheren Hingabe eingebüßt hat, jedoch auch von den Narben zeugt, die das Leben an Patti Smith hinterlassen hat. Nachdenklich ist sie geworden, desilussioniert auch, aber nie und nimmer müde. Aus dem "Vive la révolution", das ihr in früheren Tagen auf der rebellierenden Stirn geschrieben stand, ist nur in den seltensten Fällen ein "Die Welt ist schlecht, aber wir können sie ja doch nicht ändern" geworden. Leidenschaftlich singt sie nach wie vor vom Samenkorn der Revolution, im ersten Stück "One voice" wie auch im letzten, dem fast zwölfminütigen Titelstück: "Awake my little one! The seed of revolution sewn in the sleeve of cloth humbly worn where others were adorned." Die Doors hätten diese Zeilen nicht anders vertonen können.

Michael Stipe von R.E.M., den Patti Smith bereits bei deren "E-bow the letter" unterstützt hatte, revanchierte sich, indem er Backing Vocals beisteuerte. Die erste Single "Glitter in their eyes" hätte gut auf einem der frühen R.E.M.-Alben seinen Platz gefunden und knüpft an das grandiose "Summer cannibals" von Patti Smiths 1996er Comeback-Album "Gone again" an. Gegen Ende des Songs darf Stipes Stimme sogar etwas weiter in den Vordergrund treten. "All that glitters ain't gold" sang Prince in einer Zeit, als er nicht beim Namen genannt werden wollte. Patti Smith denkt die Doktrin zu Ende: "All that glitters is not at all glitters". Große Kunst nenne ich das. Und die Welt ist immer noch schlecht.

Keine Spur von Ruhe nach dem Sturm also. Der rauhe Wind weht weiter, ein klein wenig lauer allenfalls, und das Feuer in Patti Smith lodert. Dieses wird zwar Musiklandschaft und Erdball nicht mehr in Schutt und Asche legen können, jedoch mancherorten dafür sorgen, daß eine längst erloschen geglaubte Glut wieder aufflackert.

(Armin Linder)

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Highlights

  • China bird
  • Glitter in their eyes

Tracklist

  1. One voice
  2. Lo and beholden
  3. Boy cried wolf
  4. Persuasion
  5. Gone pie
  6. China bird
  7. Glitter in your eyes
  8. Strange messengers
  9. Grateful
  10. Upright come
  11. New party
  12. Libbie's song
  13. Gung Ho

Gesamtspielzeit: 64:32 min.

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