Endseeker - The harvest

Endseeker- The harvest

Metal Blade / Sony
VÖ: 13.09.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Märchen aus 666 Nächten

Manchmal werden Märchen doch wahr. Die Realität für viele Bands ist ja: Man probt und probt, spielt unzählige Konzerte in Jugendzentren und einschlägigen Kneipen, haut sich die Wochenenden um die Ohren, einfach aus Freude an der Musik. Verbunden vielleicht doch mit der leisen Hoffnung, irgendjemand könnte auf die Band aufmerksam werden und den Weg in Richtung Plattenvertrag ebnen. Das war in den Pionierzeiten des Metal so, das ist heute so. Irgendwann, irgendwo auf einem dieser kleinen Gigs müssen Endseeker so einen Tag erwischt haben. Denn nach einer EP und einem Album bei einer für gute Talentförderung bekannten winzigen Plattenfirma aus dem Brandenburgischen fand sich die Hamburger Death-Metal-Band auf einem der renommiertesten Metal-Labels wieder und waren plötzlich quasi Kollegen von großen Vorbildern wie Cannibal Corpse. Was für ein Ritterschlag, obwohl die Zeiten üppiger Produktionsbudget auch bei solchen Labels längst vorbei ist.

Nun hatten Endseeker schon mit dem Debüt "Flesh hammer prophecy" ein mächtiges Ausrufezeichen außerhalb der norddeutschen Szene gesetzt, und so ließ das Label dem Quintett insbesondere die Freiheit, "The harvest" ganz klassisch in ihrem gewohnten Studio mit ihrem gewohnten Produzenten aufzunehmen. Was man der Platte sofort anhört. Sofern man nach "Parasite" noch hören kann, heißt das. Denn der Opener verzichtet auf jegliche Kinkerlitzchen, jegliches Intro, sondern prügelt direkt in derart feiner schwedischer Elchtod-Tradition los, dass man sich an tatsächlich an die frühen Neunziger erinnern mag. Das bedeutet: Heruntergestimmte Gitarren, das stilprägende HM2-Effektpedal im Dauereinsatz und Riffs, die die skandinavischen Vorbilder nicht besser hätten spielen können. Darüber blökt Frontmann Lenny Osterhus dermaßen kranke Vocals, dass jeder HNO-Facharzt mit Grausen davonlaufen dürfte.

Denn Osterhus kann viel mehr als das genre-immanente abgrundtiefe Grunzgurgeln. Der kahlköpfige Frontmann gibt auf der Bühne mit irrem Blick den Einpeitscher, wechselt mühelos zwischen tiefen Growls und spitzen Schreien, bleibt dabei tatsächlich verständlich – ein Ausnahmetalent. Erst bei "Cure" und kurz darauf bei "Spiritual euphoria" gehen die Hanseaten zwischendurch leicht vom Gas und lassen vor allem bei diesen Groove-Walzen eine überaus feine Gitarrenarbeit erkennen. Und wenn man dies alles hochverdichtet auf viereinhalb Minuten um die Ohren gebrettert bekommen möchte, landet man beim überragenden Titeltrack. Liebe Death-Metal-Freunde, so könnten Entombed klingen, wenn die Alphatiere Alex Hellid und Lars-Göran Petrov nicht hoffnungslos zerstritten in zwei verschiedenen Band-Inkarnationen ihr Glück versuchen würden.

Gemäß eigener Aussage steht "The harvest" als Metapher für den Herbst, das vorübergehende Ende des Wachstums, um dann im Frühjahr mit neuer Kraft aufzublühen. Nix da also mit Satans-Fantasien, doch der Titel steht auch programmatisch für die Band an sich. Denn endlich können die Hamburger die Ernte jahrelanger harter Arbeit einfahren, schaffen es mühelos, auch große Bühnen wie beim Summer-Breeze-Festival 2019 in Trümmer zu legen. Wenn dann bei der durchaus passablen Coverversion von Megadeths "Symphony of destruction" Gitarrist Mika Lagrén von Grave einer der großen Genre-Vorreiter für ein Solo in die Saiten greift, kann sich der Fünfer endgültig als angekommen betrachten. Um es ganz klar zu sagen – in der deutschen Death-Metal-Szene dürfte für den Moment der Weg an die Spitze nur über Endseeker führen. Und in den Jugendzentren des Landes rücken die nächsten Bands nach, die dieses Märchen leben wollen.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Parasite
  • The harvest
  • Immortalized

Tracklist

  1. Parasite
  2. Pulse
  3. Cure
  4. Spiritual euphoria
  5. Whores of war
  6. The harvest
  7. Epitome of decadence
  8. Immortalized
  9. Vicious devourer
  10. Symphony of destruction

Gesamtspielzeit: 42:28 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-10-09 21:03:52 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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