Chromatics - Closer to grey

Chromatics- Closer to grey

Italians Do It Better
VÖ: 02.10.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Who's Tommy?

Man musste schon eine Menge Geduld mitbringen: Seit Jahren wird die Veröffentlichung des lang erwarteten neuen Chromatics-Albums aufgeschoben, bereits 2014 sollte "Dear Tommy", der Nachfolger zum Erfolgsalbum "Kill for love" erscheinen. Doch bis auf Spesen (und fünf Vorab-Singles) ist bislang nichts gewesen. Die Indie-Welt hat jetzt jedenfalls ihr eigenes "Chinese democracy", wenngleich natürlich auf einem weniger ulkig-verspulten Level. Der Treppenwitz des Indie-Biz bekommt nun jedoch eine Fußnote: Mit "Closer to grey" veröffentlichen Chromatics dieser Tage nämlich tatsächlich ein neues Album, das aber eben nicht dem angekündigten "Dear Tommy" entspricht. Dick und fett prankt auf dem Cover in roten, römischen Zahlen eine Sieben, was insofern Sinn ergibt, als dass "Closer to grey" die siebte Platte der US-amerikanischen Band ist – EPs und eben "Dear Tommy" miteingerechnet. Johnny Jewel und Co. bleiben darauf ihrer ausgefeilten Stilistik treu, sie spielen nach wie vor schwer seufzenden, rotweingetränkten Indie-Pop, der auf dicken, federnden Synthie-Teppichen wandelt. In den dreieinhalbminütigen Songs wird die Welt oftmals zum David-Lynch-Kurzfilm: berauschend, rauschvoll, verwirrend.

Es mag ein recht seltsamer Move sein, mit einer Coverversion in ein neues Album zu starten, doch Chromatics sind seit jeher für ihre Interpretationen weltweit erfolgreicher Pop-Songs bekannt und so ergibt auch "The sound of silence" in all seiner schwelenden Düsternis Sinn: "Hello darkness, my old friend / I've come to talk with you again." Dazu setzt ein unheilvoller Beat ein, der Bass brummt in tiefsten Tiefen. Erneut beweisen Chromatics die Fähigkeit, sich fremden Stoff eindrucksvoll anzueignen, indem sie ihn in ein anämisches Dreampop-Gewand kleiden. Das folgende "You're no good" tönt ungleich dynamischer, Sonnenlicht fällt durch die dicken Brokatvorhänge, Staubt tanzt rhythmisch auf dem spärlichen Strahlen, während Jewel und seine Crew R'n'B mit den Mitteln des Indie-Pop spielen. So könnten The xx klingen, wenn sie sich eine bedenkliche Menge Upper und Downer gleichzeitig reinpfeffern würden. "Twist the knife" hingegen pumpt sich mit geweiteten Pupillen durch ein Labyrinth aus unbarmherzigen Beats, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt.

"Closer to grey" ist eine Platte des Wechselbads: Chromatics oszillieren in den zwölf Songs zwischen gedämpfter Seelenruhe und waidwunder Aufgekratztheit, mit jedem neuen Stück werden auch die Karten neu gemischt. "Move a mountain" präsentiert sich als liebliche Piano-Ballade, flackernder Kerzenschein und Rosenblätter auf dem Rand der Badewanne sind die Bilder, die einem hierzu kommen. Das Tempo bleibt auch im folgenden "Touch red" gedrosselt, eine weitere Mörderballade, bei der man nie genau weiß, ob die nächste Umarmung nicht doch auch eine Würgegriff sein könnte. Die Doppelbödigkeit ist ein Spezifikum im Sound der Band aus Portland, ein Vexierspiel, das dem Hörer nicht selten den Kopf verdreht. Dies gilt auch und insbesondere für "On the wall": Hier offerieren Chromatics dem Hörer eine feingliedrige Coverversion des Psychpop-Trips von The Jesus And Mary Chain. Wo einst die verzerrten Riffs knarzten und brummten, klopft nun ein beharrlicher Beat, der die immer noch präsenten Gitarren zum Tanz herausfordert, während der Gesang in Traumwelten abdriftet. Chromatics dehnen das Stück auf über acht Minuten, doch die vergehen wie in Trance. Und am Ende hat man fast schon vergessen, dass man ja eigentlich auf ein ganz anderes Album gewartet hat.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • The sound of silence
  • You're no good
  • On the wall

Tracklist

  1. The sound of silence
  2. You're no good
  3. Closer to grey
  4. Twist the knife
  5. Light as a feather
  6. Move a mountain
  7. Touch red
  8. Through the looking glass
  9. Whispers in the hall
  10. On the wall
  11. Love theme from 'Closer to grey'
  12. Wishing well

Gesamtspielzeit: 45:51 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

tjsifi

Postings: 343

Registriert seit 22.09.2015

2019-10-10 13:25:45 Uhr
WTF!? Gerade zufällig beim Täglichen Plattentests Check gesehen und fast vom Stuhl gefallen.
Die Cover Songs sind imo aber (noch?) gewöhnungsbedürftig.
Insgesamt wirkt das Album noch eher zusammengestückelt und nicht wirklich schlüssig.
Bin also momentan ein bisschen enttäuscht.

Armin

Postings: 15979

Registriert seit 08.01.2012

2019-10-09 21:03:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Kai

Postings: 156

Registriert seit 25.02.2014

2019-10-09 20:21:17 Uhr
Artikel ist kaputt

Felix H

Postings: 3725

Registriert seit 26.02.2016

2019-10-07 08:57:58 Uhr - Newsbeitrag

Mister X

Postings: 2643

Registriert seit 30.10.2013

2019-10-05 23:43:11 Uhr
Misst jetzt hat schon jemand vor mir On the Wall gelobt.
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