Lagwagon - Railer

Lagwagon- Railer

Fat Wreck / Edel
VÖ: 04.10.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Steilpass

"Fünf Jahre nicht gesungen" – Thees Uhlmanns Motto könnte auch Joey Cape für sich in Anspruch nehmen. Nach der rückblickend überschaubaren Reputation zu "Hang" schwand der Lagwagon-Macher zunächst aus eigenem Antrieb ein wenig von den Radarschirmen. Doch das ist Geschichte. In 2019 klotzt der Kalifornier so richtig. Nur drei Monate nach Capes sehr lohnendem Solo-Werk "Let me know when you give up" meldet sich der 1,59cm-Hüne samt alter Stammformation und dem noch recht neu Bassisten Joe Raposo ebenfalls zurück. Ein Band- und ein Solo-Album fast zeitgleich? Was marketingtechnisch in den Neunzigern wohl den eigens verschuldeten Schachmatt bedeutet hätte, ist heuer kaum ein Problem. Die alte Fanbase ist sowieso da, wartet auf Platten und Konzerte, auf Abende mit alten Freunden.

"Railer" hingegen muss für sich selbst stehen können. Doch Cape wäre nicht Cape, hätte er nicht eine den Songwriting-Prozess überspannende Idee, die so simpel wie unrealistisch klingt: Die Zeit einfach zurückdrehen! Der Opener "Stealing light" mit wuchtigem Beginn, schnellem Folgepart, fortlaufenden Tempiwechseln und der verdammt eingängigen Schlussharmonie bringt Erinnerungen an "Trashed" zurück. Und es verwundert nicht, dass Lagwagon sich die Riffs für das leicht dissonant gestimmte "Surviving California" bei ebenjener Platte aus der Frühphase borgen. Die alten Kanten, die zackige Unruhe – all das ist schon länger da, und auch in "Bubble" wabert der Bass herrlich zur Turboriff-begeisterten Gitarre. Nachdem kurzzeitig Gniedel-Soli in den Vordergrund drängen, singt Cape zu wilden Breaks inbrünstig wie lange nicht. Da hat wer Bock.

Was auf "Hang" vereinzelt noch mit der Brechstange angegangen wurde, klingt auf "Railer" eine Ecke runder, harmonischer und kohärenter. Es gibt sie häufiger, die tollen Harmonien, die Lagwagon mitunter zuletzt ein wenig abgingen. Man höre die straighte Chord- und Melodieseligkeit von "Parable". "Jini" hat dann in nicht mal drei Minuten alles in Petto, was die Kalifornier zu ihrer Glanzzeit ausmachte: Stakkato-Drums, der atmende, nachdenkliche Mittelteil und immer wieder coole Breaks nach catchy Refrain, zu denen der Tacho im Circle-Pit heftig ausschlagen wird. Lyrisch greift Cape mit gewohnt feiner Feder die Zukunftsangst auf: "Jini, it's only a version of you / With a distorted world view / The fear of the unknown / Imprisons you", um kurzum klarzustellen, dass die Flucht ins Behagliche, ins Vertraute zwar menschlich sei, jedoch den großen Zusammenbruch nicht verhindern wird: "The life we built in the home we made / Our ownership it means nothing."

Das kraftvolle "The suffering" schickt ein Zitat des Philosophen Bertrand Russell vor, poltert auf Zuruf voran und wird von der Ernsthaftigkeit seines Themas geerdet. Nein, auf der Qualitätstufe von "Hoss" oder bei der launigen Schnörkellosigkeit von "Let's talk about feelings" sind Lagwagon noch nicht angekommen, bewegen sich mit dem bittersüßen, mit deutschem Etikett beklebtem "Auf Wiedersehen" aber hörbar in diese Richtung. Und wer locker genug ist, mit der eigenen Vergangenheit zu experimentieren, kredenzt als Abschluss "Faithfully" von Journey – auch ein Cover gab es seit "Trashed" nicht mehr. "Railer" als Steilvorlage zu einem echten Cali-Punk-Meilenstein in 2024? Cape scheint bereit.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Stealing light
  • Jini
  • Bubble

Tracklist

  1. Stealing light
  2. Surviving California
  3. Jini
  4. Parable
  5. Dangerous animal
  6. Bubble
  7. The suffering
  8. Dark matter
  9. Fan fiction
  10. Pray for them
  11. Auf Wiedersehen
  12. Faithfully

Gesamtspielzeit: 36:28 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

eric

Postings: 2121

Registriert seit 14.06.2013

2019-10-09 08:34:30 Uhr
Das ist legitim. Ich mag‘s sehr. Die Zeiten sind verglichen mit den Neunzigern eben andere. Dass der Punkrock bzw. ein ohnehin analytischer, die Gesellschaft genau im Blick habende Cape da was zu sagen hat, ist doch voll okay.

Obrac

Postings: 1094

Registriert seit 13.06.2013

2019-10-09 07:52:12 Uhr
Würd aber nicht unterschreiben, dass es nachher nichts vergleichbares gab. Give it back, Bombs Away, Making Friends, After You My Friend... alles Übersongs!

Klar, da waren viel mehr dieser Spitzensongs. Island of shame, Know it all, Kids don't like to share, Razor burn...

Ich meinte das eher stilistisch. "Angry days" hat etwas besonders Berührendes, Melancholisches.


Aber findet man denn sowas auf der Neuen? Ich bislang nicht. Für mich ist das irgendwie zu kalt und zu politisch und nicht das, weswegen ich Lagwagon mal verehrt habe.

eric

Postings: 2121

Registriert seit 14.06.2013

2019-10-08 14:08:53 Uhr
Würd aber nicht unterschreiben, dass es nachher nichts vergleichbares gab. Give it back, Bombs Away, Making Friends, After You My Friend... alles Übersongs!

Klar, da waren viel mehr dieser Spitzensongs. Island of shame, Know it all, Kids don't like to share, Razor burn...

Ich meinte das eher stilistisch. "Angry days" hat etwas besonders Berührendes, Melancholisches.

fakeboy

Postings: 54

Registriert seit 21.08.2019

2019-10-08 13:51:53 Uhr
Ja, Angry Days ist fantastisch. Würd aber nicht unterschreiben, dass es nachher nichts vergleichbares gab. Give it back, Bombs Away, Making Friends, After You My Friend... alles Übersongs!

Auf Railer ist wohl Bubble mein Übersongkandidat.

eric

Postings: 2121

Registriert seit 14.06.2013

2019-10-08 13:37:30 Uhr
Ich bin ja auch "Duh"-Fan, wenngleich nicht alles auf dem Album ausgereift war, sind da einige Klassiker drauf. Und sowas Tolles wie "Angry days" gab es auch kaum mehr danach.
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