Kim Gordon - No home record

Kim Gordon- No home record

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 11.10.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

The ineffable me

Es klafft ein Loch in der Musik- und Kunstwelt, seit Sonic Youth 2011 ihre Auflösung bekanntgaben. Natürlich passt es zu dieser sehr besonderen Band, dass sich ihre drei Gallionsfiguren selbst ohne Umschweife ums Kitten kümmerten. Thurston Moore traf zwischen Wohlklang und Krach noch am ehesten den Ton seines Lebenswerks, während sich Lee Ranaldo in einem bequemen Ohrensessel aus Americana- und Alternative-Rock zurücklehnte. Und Kim Gordon? Die stellte das andere Extrem dar, erweiterte ihren Horizont als Schauspielerin – unter anderem in Achim Bornhaks grandiosem "Der Nachtmahr" – sowie mit den avantgardistischen Noise-Projekten Body/Head und Glitterbug. Wenig überraschenderweise wagt auch ihr erstes richtiges Solo-Album "No home record" wieder etwas Neues, denn selbst mit 66 Jahren ist Gordon der Weiterentwicklung noch nicht müde. "What's it like to be a girl in a band?", fragte sie noch auf Sonic Youths finalem "The eternal", "What am I? Just not a girl / A woman", heißt es zehn Jahre später.

"No home record" macht seinem Namen alle Ehre – obwohl sich Gordons Stimme in fast 40 Jahren gefühlt gar nicht verändert hat, fällt es ungemein schwer, sich hier heimisch zu fühlen. Unheilvoll verzerrte Streicher leiten in "Sketch artist", dessen unruhiger Industrial-Beat gar experimentelle Rap-Acts wie Clipping. evoziert. Nur in einem kurzen Mittelteil heben perlende Gitarren den Song in die Sphären entrückter Schönheit, die als Konterpart zum Lärm die Essenz von Sonic Youth ausmachten. Das Album ist zwar zugänglicher und songorientierter als Gordons andere Werke der jüngeren Vergangenheit, in seiner Mischung aus strukturlosen Elektronik-Gerippen und wüsten Rock-Brettern aber immer noch fordernd. Es bezieht seine Faszination weniger aus einer konstant einnehmenden Atmosphäre als aus der ambitionierten Einzigartigkeit, mit der ein Kernmitglied einer der wichtigsten Bands alternativer Musikgeschichte Dekaden nach deren Hochphase immer noch musiziert.

Am unmittelbarsten packt "No home record" in seinen ungestümen Momenten zu. Das bereits 2016 veröffentlichte "Murdered out" sägt sich einen knochigen Bass-Groove zurecht, den nicht einmal der typische Gitarren-Mörser durchdringen kann. Im völlig grandiosen "Hungry baby" keucht und giftet sich Gordon in bester Iggy-Pop-Manier durch eine Noise-Interpretation der Stooges – ein erneuter Beweis dafür, dass athletische Punk-Verrenkungen keine Altersgrenze kennen. Die vielleicht nötigen Atempausen können leider nicht auf die gleiche Weise begeistern, auch wenn sich das Soundbild eines "Paprika pony" mit Drumcomputer und Xylophon-Loop durchaus interessant gestaltet. Die Produktion von Justin Raisen, der schon mit Angel Olsen und Charli XCX arbeitete, ist generell hervorzuheben. Sie schafft es, so unterschiedlich klingende Songs kohärent zusammenlaufen zu lassen, und findet einen gelungenen Spagat zwischen Klarheit und DIY-Minimalismus.

Gordon hat also eine wirklich spannende und eigenwillige Platte gemacht, der es bloß in zu vielen Momenten an Zug oder Sog fehlt. Die expressionistischen Vocal-Performances auf den technoiden Betten von "Don't play it" oder "Cookie butter" wirken eher irritierend als alles andere, auch wenn letzteres immerhin in einem herrlich verstörenden Crescendo kulminiert. Es ist ein bisschen unfair, weil sich Gordon wie kein anderes Ex-Mitglied um die Emanzipation von ihrer früheren Band bemüht, aber im Vergleich lässt sich die Kritik am besten auf den Punkt bringen: "No home record" leidet unter dem nicht vorhandenen Gegengewicht im Pop, das bei Sonic Youth Moore und Ranaldo verkörperten. Bezeichnenderweise ist "Earthquake" einer der besten Songs, zwar auch kein Pop, aber eine kleine Elegie im Gitarren-Ambient, die ein wenig an "Massage the history" oder "Sympathy for the strawberry" zurückdenken lässt. Dass diese beeindruckend umtriebige Frau am Ende ihrer Kunst angekommen ist, darf natürlich trotzdem ganz stark angezweifelt werden – vielleicht hatte Udo Jürgens recht und sie hat gerade erst angefangen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Murdered out
  • Hungry baby
  • Earthquake

Tracklist

  1. Sketch artist
  2. Air BnB
  3. Paprika pony
  4. Murdered out
  5. Don't play it
  6. Cookie butter
  7. Hungry baby
  8. Earthquake
  9. Get yr life back

Gesamtspielzeit: 39:34 min.

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User Beitrag

Telecaster

Postings: 800

Registriert seit 14.06.2013

2019-10-13 12:52:47 Uhr
Nach bisher einmaligem Hören:
In etwa das habe ich mir erwartet. Musikalisch ok, "Hungry Baby" ist echt ne nette Nummer, textlich ist die ganze Platte aber wahrlich nicht der große Wurf. Man muss jetzt eben als SY-Fan damit leben, dass die einzelnen Ex-Mitglieder ihr Ding durchziehen, und man das große Gesamte einfach nicht mehr zu hören bekommen wird.

Telecaster

Postings: 800

Registriert seit 14.06.2013

2019-10-12 11:10:12 Uhr
Die Begeisterung hält sich ja ganz schön in Grenzen hier... dann mach ich mich mal auf das Schlimmste gefasst.

Herr

Postings: 928

Registriert seit 17.08.2013

2019-10-12 10:29:33 Uhr
Könnte Kim Gordon eigentlich richtig singen, wenn sie wollte? Die armen Kinder bekommen doch nicht etwa Schlaflieder auch so vorgesprechgesungen?
Gleiches fragte ich mich bei Mark E. Smith. Aber der durfte seiner Großcousine vom Schwippschwager nie vorsingen, sondern wurde dann immer gleich zum Geschirrspülen abkommandiert.

Underground

Postings: 1148

Registriert seit 11.03.2015

2019-10-11 14:02:21 Uhr
Ja, nach zweimaligem Hören muss ich sagen, dass hier und da nette Ideen sind, aber größtenteils wirkt es doch sehr gezwungen... Schade.

cargo

Postings: 205

Registriert seit 07.06.2016

2019-10-11 13:57:51 Uhr
Bei aller Liebe zu Kim Gordon... Das Album ist ein großer Haufen Müll geworden.
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