Richard Dawson - 2020

Richard Dawson- 2020

Domino / GoodToGo
VÖ: 11.10.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Jetzt ist Zeit

Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Dabei hätte Richard Dawson eigentlich gar keinen Grund sich zu beschweren. Seine bis dato acht Alben waren und sind allesamt Kritikerlieblinge, von denen vor allem das einem farbenprächtigen mittelalterlichen Wandteppich gleichkommende "Peasant" aus dem Jahr 2017 ihn vollends in den Kreis der heraussragendsten Songwriter der jüngeren Vergangenheit bugsierte. Seine Spiegelung verschiedenster Persönlichkeiten und die akkurate Betrachtung von Lebensumständen übernimmt er auch auf "2020". Doch während der Vorgänger mit archaischen Folkweisen spielte und Dawson zuletzt mit seinem Nebenprojekt Hen Ogledd experimentierfreudigem Psych-Pop frönte, sortiert sich das neue Album irgendwo unter wortreichem Storytelling mit windschiefer Instrumentalisierung ein.

Dawson besingt auf "2020" keine blühenden Landschaften. Er analysiert ein Land am Vorabend des Brexit anhand von Individuen, die er scheinbar beiläufig zu kennen scheint, denn kaum eine Einzelheit von deren Tagesablauf bleibt ihm verborgen. Da ist der verbitterte Angestellte im öffentlichen Dienst, der nach der exemplarisch besungenen Morgentoilette in den Rädchen der Routine vor Langeweile umkommt und es wahrhaft hasst, "Civil servant" zu sein. Verpackt in einem Walzerrhythmus mit Störfaktoren wirkt die Musik sonderbar infantil, wie ein irritierender Ohrwurm setzt sie sich fest und manifestiert eine faszinierende, hyperrealistische Betrachtungsweise. "Black triangle" eröffnet mit spaceigem Synthie-Sound und Dawson singt von jugendlichen UFO-Sichtungen und von Verbissenheit. Immer schlüpft er dabei in die Rolle des Besungenen, stellt zu schepperndem Schlagzeug und stolpernder Gitarre fest, dass manche Befindlichkeiten am ehesten hausgemacht sind und lässt sich allerhand einfallen, um das auch musikalisch zu untermauern. Am besten gelingt dem Songwriter das in der ersten Single "Jogging". Schwarzhumorig bis in die Haarspitzen lässt er das psychisch arg angeknackste lyrische Ich sich in eine endorphingetriebene Laufmaschine verwandeln. Das ist textlich brillant, scharfzüngig formuliert und hinreißend schräg gesungen.

Sowieso ist die Gesangslage eine etwas zwiespältige Sache. Dawson ist kein Schöngeist. Er singt so, wie er sich denkt, dass es passen könnte und so klingt das lange "Fulfillment centre" tatsächlich wie die besungene und leidlich stereotype Fließbandarbeit: Wenn er mal einen Ton verpasst, wird halt der nächste, knapp daneben liegende ergriffen. Dann sind es diese aufreizend simplen Melodien, die klingen, als hätte sich Dawson diese kurz vor der Aufnahme aus- und machmal nicht ganz zu Ende gedacht. Wie sollte das auch gehen, tauchen doch in den Songs so viele verschiedene Charaktere in so unterschiedlichen Perspektiven auf. Doch gerade diese gefühlte Spontaneität lässt die ohnehin detailreichen Erzählungen noch lebensechter erscheinen. Wie ein moderner Bänkelsänger lässt Dawson seine Zuhörer teilhaben, sei es an der Erinnerung an die ehemalige Stammkneipe in "The Queen's Head", bei wüsten und dennoch liebenswerten Anfeuerungsrufen wie "Sop fanning around! Keep it nice and simple / You're not Lionel Messi, just pass the bloody ball!" aus "Two halves", oder bei der verzweifelten Suche eines Obdachlosen nach einem nächtlichen Schlafplatz im folkigen "Dead dog in an alleyway".

"2020" lässt kaum ein textliches Kabinettstückchen aus und ist in seiner Gesamtheit mit den setzkastenartigen, in der Regel überlangen Songs trotzdem erstaunlich leicht verdaulich. Dawson macht es uns einfach und singt eben über Dinge und Situationen, die es überall auf der Welt gibt und die seine Hörer gut nachvollziehen können. Ob er dabei die eigene Erinnerung bemüht oder schlichtweg Betrachtungen teilt, spielt kaum eine Rolle. Mit Kopf-, Hals-, Brust- oder Bauchstimme lässt der Musiker keinen Zweifel daran aufkommen, dass er die Befindlichkeiten des Landes wie kaum ein anderer verstanden hat. Und das macht doch Mut für bessere Zeiten.

(Carl Ackfeld)

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Highlights

  • Civil servant
  • The Queen's Head
  • Jogging
  • Dead dog in an alleyway

Tracklist

  1. Civil servant
  2. The Queen's Head
  3. Two halves
  4. Jogging
  5. Heart emoji
  6. Black triangle
  7. Fulfillment centre
  8. Fresher's ball
  9. No-one
  10. Dead dog in an alleyway

Gesamtspielzeit: 57:48 min.

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User Beitrag

Der Untergeher

User und News-Scout

Postings: 1330

Registriert seit 04.12.2015

2020-01-09 22:31:10 Uhr
Ui, ich werde wohl am 20. April nach Berlin fahren.

2020 gefällt mir nach wie vor ausgesprochen gut. Null Abnutzerscheinungen.

fitzkrawallo

Postings: 992

Registriert seit 13.06.2013

2020-01-09 12:25:04 Uhr
Spielt am 20. April in der Kantine am Berghain und am 21. April in Jena. Nicht entgehen lassen! Quelle ist hier und da findet man auch ein schönes, neues Video zu "Dead Dog in an Alleyway".

edegeiler

Postings: 1740

Registriert seit 02.04.2014

2019-12-29 22:04:12 Uhr
"Two Halves" ist jedenfalls der beste Fußballsong des Jahres.

Gordon Fraser

Postings: 1406

Registriert seit 14.06.2013

2019-10-15 00:12:02 Uhr
Manche Songs zünden echt, aber dann schrecken mich auch immer wieder diese komischen Einsprengel mit unmotiviertem Geklimper und Gelärme ("windschiefe Instrumentalisierung" in der Reiz hier trifft's gut) ab. Tolle Texte jedenfalls.

fitzkrawallo

Postings: 992

Registriert seit 13.06.2013

2019-10-12 19:41:36 Uhr
Na, so ein Unfug. Ein Highlight jagt das andere.

@Untergeher: Den Alben vor "Magic Bridge" hört man schon noch ziemlich an, dass er noch auf der Suche war. Aber "The Glass Trunk" ist ein empfehlenswertes Abenteuer. Wohl die extremste Version seines Sounds vor "Peasant", beinhalted das Album experimentelle Instrumentals und A capella-Folksongs.
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