Big Thief - Two hands

Big Thief- Two hands

4AD / Beggars / Rough Trade
VÖ: 11.10.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Wüstenkind

Gemeinschaft und Nähe sind ganz wichtig für Big Thief. Bandentscheidungen werden trotz der exponierten Stellung von Vokalistin Adrianne Lenker nur demokratisch getroffen. Auf der Bühne stehen sie in einer Anordnung, die ihre Gleichheit symbolisieren soll. Die Alben enthalten sowieso nur rohe, ungefilterte und unperfekte Versionen aus den ersten paar Takes. Und da auch diese Werke nicht gern allein für sich stehen, bekommt das erst vor einem guten halben Jahr erschienene "U.F.O.F." nun ein Geschwisterchen namens "Two hands" zur Seite gestellt. Die beiden unterscheiden sich merklich und stammen dennoch unverkennbar aus dem selben Mutterbauch. Big Thief bleiben eine Band, die sich im Dunstkreis von Folk und Rock eine ganz eigene Note geschaffen hat. "U.F.O.F." wurde allerdings im Wald aufgenommen und erschuf eine unwirkliche, leicht verträumte Stimmung, die Themen waren kosmisch, nicht immer greifbar. "Two hands" ist hingegen der geerdete Counterpart aus der heißen, texanischen Wüste.

So wie die Band anstatt in verwunschen beleuchteter Ferne nun direkt vor der Linse auf dem Cover posiert, sind die zehn neuen Stücke direkter, simpler, dadurch häufig zupackender. Nirgendwo wird das mehr deutlich als in der Vorabsingle "Not", welche sich bei den letzten drei ihrer sechs Minuten in einen herrlich lärmenden und zugleich groovenden Instrumentalpart verabschiedet. Zuvor formt sich Lenker ein Universum aus Negation: "It's not the open weaving / Nor the furnace glow / Nor the blood of you bleeding / As you try to let go." Man glaubt förmlich den Schweiß ob der knapp 50 Grad Lufttemperatur bei der Aufnahme hören zu können. Der Titeltrack tänzelt derweil mit hitziger Percussion um das Feuer, und "Shoulders" erweckt alte Geister des Alternative Rock zum Leben. Eine blutige Familiengeschichte und ihre Vererbung offenbart sich: "The man who killed my mother with his hands / It's in me, it's in me / In my veins." Lenkers Stimme ist streitbar, aber an dieser Stelle bringt sie genau die richtige Form von Verzweiflung hinein.

Ohnehin passt sie sich den Gegebenheiten perfekt an: Während sie auf "U.F.O.F." häufig so verhuscht sang, als ob sie gerade ein Geheimnis verraten würde, kippt ihre Stimme auf "Two hands" häufiger ins Hysterische, Aggressive. Das überaus famose "Forgotten eyes" hämmert so seine zentrale Zeile "Forgotten tongue is the language of love" tief ins Gedächtnis. Nicht alles geht jedoch nach vorne, vielmehr lebt "Two hands" vom Wechselspiel der Gezeiten. "Those girls" sorgt für einen Ruhemoment in stürmischen Zeiten, "Replaced" lässt all seine Elemente gefühlt eine Millisekunde hinter dem Takt her laufen. Umrahmt wird alles vom zarten "Rock and sing", das fragil und zerbrechlich ins Album tapst, und dem sanft beschließenden "Cut my hair". "Tell me I'm pretty / Tell me I'm rare / Talk to the boy in me, he's there", fordert Lenker und findet sachte den Ausklang. Am Ende des Songs bleibt nur noch das Rauschen und Klappern im Studio übrig.

Big Thief reihen sich damit in eine prominente Reihe von Künstlern ein, die mal eben mehr als ein Meisterwerk innerhalb eines Kalenderjahres in der Diskografie verzeichnen können. Umso schöner, dass "Two hands" nicht mehr vom Gleichen ist, sondern seine eigene Sprache findet. Die ist dynamischer, roher als die des Vorgängers, aber ebenso einnehmend. Dafür, dass die Band bis vor kurzem noch ein Geheimtipp war, ist sie auf dem besten Wege dahin, sich in die erste Riege zu spielen. "Two hands" zeigt: Big Thief haben sich mit der Vielveröffentlichung in 2019 keinesfalls übernommen. "New friends / I can make some, too." Es würde schon mit dem Teufel zugehen, wenn dem nicht so wäre.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Forgotten eyes
  • The toy
  • Shoulders
  • Not

Tracklist

  1. Rock and sing
  2. Forgotten eyes
  3. The toy
  4. Two hands
  5. Those girls
  6. Shoulders
  7. Not
  8. Wolf
  9. Replaced
  10. Cut my hair

Gesamtspielzeit: 39:39 min.

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User Beitrag

saihttam

Postings: 1450

Registriert seit 15.06.2013

2019-10-17 01:56:55 Uhr
Ich kann myx und dem Untergeher nur beipflichten. Ich mag auch gerade das Fragile an ihrer Stimme und die kleinen aber feinen Wendungen in ihren Songs. Und zwei so tolle Alben in einem Jahr zu veröffentlichen, die aber dennoch beide ihren ganz eigenen Charakter haben, ist einfach fantastisch. Für mich ist allerdings Two Hands das offenere und direktere Album. UFOF wirkt hingegen sehr introvertiert und träumerisch, was man meiner Meinung nach gerade am Gesang gut erkennen kann. Der ist auf dem ersten Album noch sehr leise und zurückgezogen, wohingegen er hier viel öfters auch mal ausbricht und rauer wirkt.
Not hat übrigens bisher bei jedem Hören Gänsehaut ausgelöst und könnte mein Song des Jahres werden.

myx

Postings: 727

Registriert seit 16.10.2016

2019-10-12 18:59:59 Uhr
Das stimmt schon, was du sagst, maxlivno. Sie bewegt sich schon manchmal an der Grenze von Hörbar und Nicht-mehr-Hörbar. Aber ist es nicht genau diese Gratwanderung, die zu dieser intensiven Wirkung führt?

Aber letztlich ist es natürlich, wie der Untergeher sagt, wie immer auch einfach Geschmackssache.

maxlivno

Postings: 1543

Registriert seit 25.05.2017

2019-10-12 18:49:10 Uhr
Ich verstehe, was ihr beide meint. Sie versucht mit ihrem Gesang versucht, Fragilität oä. zu vermitteln. Es ist ja löblich, dass sie das macht. Ich persönlich finde aber einfach, dass sich ihre Stimme dabei nicht schön, sondern fast schon schief anhört und zwar so sehr, dass es manchmal das Hörerlebnis einfach deutlich schmälert.

myx

Postings: 727

Registriert seit 16.10.2016

2019-10-12 17:55:33 Uhr
@captain kidd: Du wirst deine Meinung zu Big Thief in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr ändern. ;)

@Der Untergeher: Da bin ich ganz bei dir, mich berührt diese Fragile und Intime eben auch sehr. Darüberhinaus machen sie vielleicht einfache, aber sehr schöne, eingängige Melodien, finde ich.

Für mein Gefühl hat diese Musik auch viel mit Verletztheit oder mindestens Verletzlichkeit zu tun, und da ist so ein "waidwunder" Gesang (eine wundervolle Formulierung aus der Rezi zum Album "Hold/still" von Suuns) wie z. B. in "Wolf" halt eben genau passend.

Der Untergeher

Postings: 1251

Registriert seit 04.12.2015

2019-10-12 17:09:55 Uhr
Von Captains Kidds Schreibstil darf man sich nicht provozieren lassen. Big Thief sind meines Erachtens gut, weil sie es schaffen innerhalb einfacher Songstrukturen subtile Ecken und Kanten, feine Subtilitäten und Ungewöhnlichkeiten einzubauen, die sich erst nach mehrmaligen Hören entdecken lassen - aufs erste Ohr mögen die Songs ähnlich, wenn auch nicht gleich klingen. Abgesehen davon berührt mich persönlich ihr „gequälter Hund“ Gesang - darin steckt etwas Fragiles, Intimes. Außerdem schreibt sie klasse Texte. Die Dringlichkeit ihres Vortrags stützt das. Ich mag auch die Abwechslung zwischen lauteren/direkten und leisen/indirekten Songs. Dass nach "Not" "Wolf" folgt, ist für den Fluss des Album gut. Aber klar, am Ende, wie immer Geschmacksache.

Sowas wie medial erzeugter „Hype“, generell die Rezeption von Musik in euren Filterblasen, sollte in Bezug aufs eigene Hörverhalten, zweitrangig sein - am besten gar keine Rolle spielen, auch wenn das vielleicht nicht immer einfach ist.
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