The Menzingers - Hello exile

The Menzingers- Hello exile

Epitaph / Indigo
VÖ: 04.10.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Ein T-Shirt für immer

Es ist oft traurig, aber meistens wahr: Man wächst aus Sachen heraus. Das liebste Shirt passt nach dem 446. Waschgang und dem ein oder anderen üppigen Mahl einfach nicht mehr, Beziehungen sind mit Schmackes an die Wand gefahren, Freunde, die man früher stets an seiner Seite haben wollte, sind zu Fremden geworden, und über die eigenen Probleme von einst kann man nur noch müde lächeln. Man wird vielleicht sogar ein bisschen erwachsen. Es ist nur folgerichtig, wenn sich da der Soundtrack zum eigenen Alltag halt irgendwann nicht mehr nur mit ein paar Powerchords begnügt. Umso wichtiger ist es bei all den durchlebten Veränderungen, dass es Bands wie The Menzingers gibt.

Mit denen hat mancher mitten in den Zwanzigern zu den großartigen Geschichten von "On the impossible past" die Bars von innen zugesperrt, ein bisschen geputzt und das Ende des Abends kurzerhand auf den nächsten Morgen verlegt. Und sie waren mit "After the party" auch dabei, als jene Zwanziger vorbei waren und haben eine Trostrunde nach der anderen spendiert. Weil der Vierer aus Philadelphia auch zukünftig eben nicht eine dieser Bands sein will, die man irgendwann ablegt, versuchen sie nun, mit "Hallo exile" wieder ein Stück weit mit ihren Hörern zu wachsen. Dazu haben sie sich sechs Wochen beim renommierten, schon bei "After the party" zuständigen Produzenten Will Yip einquartiert, der sich die Freiheit genommen hat, ein bisschen Druck vom Klangkessel zu nehmen und so für eine perfekte Inszenierung des mittlerweile sechsten Albums der Band sorgt. Dieses Mal sind The Menzingers nämlich spürbar zurückgenommener unterwegs, halten immer wieder inne und schauen ohne jugendlichen Leichtsinn auf das, was sie umgibt.

Punkrock ist das zweifelsohne noch immer. Melodieverliebt natürlich auch. Und doch schieben die Songs in erster Linie Greg Barnetts Storytelling weit vor die Türe. Das immer öfter so ganz ohne Trostrunde und Schulterklopfen auskommt, wenn etwa das bemerkenswerte offene "I can't stop drinking" fernab jedweder beschönigender Worte davon handelt, wieder und wieder den Absprung verpasst zu haben und dabei auch noch konsequenterweise klingt wie der Letzte an der Theke. Schwermütig, niedergeschlagen und ganz ohne glückliche Fügung: "Well love’s a cruel cruel joke when the tools in the shed can’t fix what’s broke / So you leave it broke." Puh. Ähnlich wenig Hoffnung verprüht "High School friend", das die Sache zwar schwungvoller angeht, mit "I was getting fucked up with a High School friend / Wondering where all the good times went" aber doch auf eine simple wie treffende Pointe hinausläuft.

Keine Sorge, selbstverständlich langt "Hello exile" auch mal beherzt zu. Wenn etwa der Opener "America (you're freaking me out) die berühmten vier Akkorde zu Felde ziehen lässt und wuchtiges Drumming hinterherschiebt, wenn "Strangers forever" mit seinen Call-And-Response-Gitarren das Tempo anzieht und natürlich, wenn sich das sehnsüchtige "Anna" mit jedem Hören als größerer Hit entpuppt, oder wenn "Strawberry Mansion" sich als einer dieser Punkrocker vorstellt, die man sofort als The Menzingers erkennt. Das sind die Songs, die dafür sorgen, dass man sich in "Hello exile" auf Anhieb zu Hause fühlt und den Blick auf die Neuerungen im Gesamtbild und vor allem die erzählten Geschichten richten kann. Über die Entremdung vom eigenen Land, über die berufstätige Partnerin, die man immer weniger zu Gesicht bekommt, über Rast- und Heimatlosigkeit und die unbestreitbare Tatsache, dass man fühlt, älter zu werden. Die Ruppigkeit von früher vermisst man dabei kaum, im Gegenteil, im großartigen Titeltrack heißt man eine Akustische herzlich willkommen. Und wenn "Farewell youth" die ganze Chose inklusive eigener Jugend mit so viel Melodie, wie nur irgendwie in einen Song passen kann, verabschiedet, weiß man genau, dass das Menzingers-Shirt noch lange passen wird. Und zwar vorzüglich.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Anna
  • Hello exile
  • I can't stop drinking
  • Farewell youth

Tracklist

  1. America (you're freaking me out)
  2. Anna
  3. High School friend
  4. Last to know
  5. Strangers forever
  6. Hello exile
  7. Portland
  8. Strain your memory
  9. I can't stop drinking
  10. Strawberry mansion
  11. London drugs
  12. Farewell youth

Gesamtspielzeit: 45:47 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Milo

Postings: 98

Registriert seit 14.06.2013

2019-10-05 05:40:46 Uhr
Ich bin sogar ein bisschen mehr in die Melodien verliebt. Album ist ein echter Grower. Mit Sicherheit das rundeste Album. Produktion von Will Yip auch wieder super, erinnert mich hier stark an die Spin von Tigers Jaw.

Agent_Smitty

Postings: 6

Registriert seit 17.09.2019

2019-10-04 17:05:33 Uhr
Find das Album, genau wie das vorige sehr stark und wirkt als Gesamtes richtig gut. Bin ein bisschen in die Melodien verliebt

bolek

Postings: 16

Registriert seit 21.09.2019

2019-10-04 12:32:56 Uhr
Starkes Album! Ich würde den Opener noch zu den Highlights zählen.

MartinS

Postings: 636

Registriert seit 31.10.2013

2019-09-27 19:16:36 Uhr
Die "Rented world" hatte mit die besten Einzelsongs, funktioniert aber als Album gar nicht. Und auch "After the party" hat sich dann und wann eine Auszeit erlaubt.
"Hello exile" haut hingegen auch auf Albumlänge sehr gut hin.
Gaslight Anthem ist schon ne gute Referenz, nur die Texte sind viel besser ;)

eric

Postings: 2121

Registriert seit 14.06.2013

2019-09-26 08:51:29 Uhr
Man dürfte auch schreiben, dass The Menzingers einst begannen, um Against Me! nachzueifern - mittlerweile aber sehr in die Stapfen von The Gaslight Anthem treten. Vielleicht macht das auch das "wohlige" Gefühl mit aus.

Insofern steht die Referenz zurecht ganz vorn.
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