Tegan And Sara - Hey, I'm just like you

Tegan And Sara- Hey, I'm just like you

Sire / Warner
VÖ: 27.09.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Zurück in die Gegenwart

Sensation zum näher rückenden Dekadenwechsel – nein, damit ist nicht gemeint, dass der NASA-Chef den Pluto gerne wieder zum Planeten machen würde. Wir bleiben auf der Erde und innerhalb der vier Wände eines kleinen kanadischen Tonstudios: Tegan und Sara Quin spielen wieder Gitarre. Die Synth- und Charts-Pop-Ausflüge "Heartthrob" und "Love you to death" waren zwar bei weitem nicht die Totalausfälle, zu denen sie manche beleidigte Indie-Leberwurst erklärte, sahen gegen eine spannender und versierter auftretende Genre-Konkurrenz in den letzten zehn Jahren aber wenig Land. Auf "Hey, I'm just like you" verarbeiten die Zwillingsschwestern nun ein paar alte Demos und Texte aus ihrer Jugendzeit und instrumentieren diese hörbar organischer als zuletzt. Wer sich von dieser privaten Zeitreise die Kratzigkeit von früher oder gar die Intimität der starken Live-Platte "Get along" verspricht, wird allerdings enttäuscht werden. Die Veränderungen finden nur an der Oberfläche statt, im Wesen bleiben Komposition und Produktion der zwölf neuen Songs voll auf widerstandslose, radiofreundliche Pop-Hooks ausgerichtet. Doch dass das nichts per se Schlechtes sein muss, haben nicht nur Tegan And Sara schon oft genug bewiesen.

Auf manchen Ebenen funktioniert "Hey, I'm just like you" zweifelsfrei besser als seine Vorgänger. Gerade im Vergleich zur hyperaktiven Anspannung von "Love you to death" erlauben die Quins ihrem neunten Studioalbum mehr Atempausen, die für Dynamik und Abwechslung in all dem Pop-Bombast sorgen. Die reduzierte Ballade "Please help me" kommt bis auf ein paar hallende Akzente nur mit Akustikgitarre aus und reflektiert jugendliche Identitätskrisen aus dem wissenden Blickwinkel einer erwachsenen Frau. Das Highlight "Hello, I'm right here" vollzieht seinen Übergang von melancholischer Grübelei zum Liebeslied in einem wundervoll verzärtelten, von Klavier und Streichern dominierten Arrangement. Dem Konzept entsprechend fokussieren die Texte hauptsächlich das spannungsreiche Verhältnis zwischen Alt und Jung, gehen zwar oft nicht über reimfreundliche Phrasen hinaus, aber wirken dennoch nahbarer und persönlicher als zuletzt. Der musikalisch eher nichtssagende Titeltrack wäre kaum eine Erwähnung wert, würden die früher oft zerstrittenen Schwestern darin nicht im Zuge eines Acid-Trips zueinanderfinden: "Together in the light, I swear all for you / Together in the dark, we're seeing colours."

So bildet "Hey, I'm just like you" ein Steinchen in einem medienübergreifenden Nostalgie-Mosaik, das die Quins um ihren 39. Geburtstag herum aufziehen. Kurz vor Album-Release erscheint auch ihre Biographie "High school", die dazugehörigen Live-Shows verbinden Konzert und Lesung mit Home-Videos und Anekdoten. Leider liegt hier auch die Krux: Dass ein solches Preisgeben der eigenen Vergangenheit eine weniger charakterstarke musikalische Form bekommt, wirkt etwas irritierend. Doch ohne Frage gibt es auch innerhalb dieser Struktur einige große Momente: Der punkige Power-Pop von "I'll be back someday" entwickelt eine Wucht wie seit "Sainthood" nicht mehr und trifft auch emotional mit seiner bittersüßen Aufbruchsstimmung voll ins Schwarze. An anderer Stelle lockert "You go away and I don't mind" mit hüpfenden Strophen und geschmackvollen Synthies die stickige Produktion ein wenig auf. Tegan And Sara haben also wieder eine ordentliche Pop-Platte ohne wirkliche Tiefpunkte gemacht, die ihre vielversprechenden Ansätze allerdings nicht ganz ausschöpft und ihre Stilverwandten nicht ausstechen kann. Im Lauf der 2010er-Jahre haben sich die Kanadierinnen weniger verändert, als es oberflächlich den Anschein erwecken mag.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • I'll be back someday
  • Hello, I'm right here
  • You go away and I don't mind

Tracklist

  1. Hold my breath until I die
  2. Hey, I'm just like you
  3. I'll be back someday
  4. Don't believe the things they tell you (they lie)
  5. Hello, I'm right here
  6. I don't owe you anything
  7. I know I'm not the only one
  8. Please help me
  9. Kepp them close 'cause they will fuck you too
  10. We don't have fun when we're together anymore
  11. You go away and I don't mind
  12. All I have to give the world is me

Gesamtspielzeit: 38:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Sam

Postings: 1

Registriert seit 07.10.2019

2019-10-07 00:57:40 Uhr
"Im Lauf der 2010er-Jahre haben sich die Kanadierinnen weniger verändert, als es oberflächlich den Anschein erwecken mag."

Die Songs haben Tegan und Sara geschrieben, als sie Teenager waren. Sara sagt dazu im Interview mit der New York Times:

"With our new songs, there are going to be people who say, “Oh, isn’t it cute? They released songs from when they were in high school.” But we want this music to be taken seriously. Not because we’re 38 years old and rerecording these songs, but because we were 15, 16 and 17 years old when we wrote them. And as 38-year-old women who have been around the world, who have experienced so much, I still think there is value in what I had to say."
[Nine Albums Later, Tegan and Sara Are Finally Ready to Discuss High School https://nyti.ms/2momWxM]

Das finde ich sehr schön. Das was sie heute musikalisch machen, war auch schon in ihnen, als sie Teenager waren.

Armin

Postings: 15979

Registriert seit 08.01.2012

2019-09-25 20:46:30 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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