Jenny Hval - The practice of love

Jenny Hval- The practice of love

Sacred Bones / Cargo
VÖ: 13.09.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Liebe ist

"Look at these trees / Look at this grass / Look at those clouds / Look at them now." Über einem unruhigen Beat wirken Vivian Wangs sanfte Befehle zunächst befremdlich, aber wenn Jenny Hvals Stimme und Synthies später in symbiotische Kaskaden ausbrechen, ergibt alles Sinn. "Lions" feiert die organische Magie der Natur, die weder Gott noch Mensch je gebraucht hat. Hval, die sich zuvor oft in den dunkleren Ecken menschlicher Psyche und Gesellschaft verkroch, öffnet sich und erstrahlt auf "The practice of love" in einem hellen Licht von Schönheit und Zuneigung. Natürlich hat die Frau, die zuletzt ein Konzept um Vampirismus und Menstruation in das faszinierende "Blood bitch" überführte, kein herkömmlich-banales Album über Liebe gemacht. Doch obwohl ihre Texte und Musik frei umeinander kreisen, Biologie und Kultur, Spoken Word und Pop streifen, unterstehen sie immer einer Maxime: Verschlossen bleibt hier nichts.

Liebe beschreibt bei der Norwegerin vor allem Schaffensprozesse, beinhaltet aber auch Verständnis für alle, die sich nicht oder nur außerhalb normativer Formen daran beteiligen wollen. "Accident" ist eine Ode an die Mutterschaft wie an ihr Abhandensein: Zirkelnde Synth-Arpeggios steigern sich bis zur technoiden Ekstase, während Hval die Wunder und Banalitäten der Schwangerschaft aus Sicht einer Frau beschreibt, die ihre Bestimmung in der Geburt von Kunst statt von Fleisch findet. Der sonstigen Zugänglichkeit der Platte ein wenig quer steht der Titeltrack, in dem zwei Spoken-Word-Segmente gleichzeitig laufen. Im interessanteren von beiden führt Hval ein Interview mit Laura Jean Englert, es geht um die gesellschaftliche Randexistenz der Kinderlosen und um die Auswirkungen einer solchen Support-Rolle ohne tatsächliche Support-Funktion aufs eigene Ego. Es ist ein bemerkenswert offenes Gespräch über die bewusste Entscheidung gegen die Weitergabe des "virus of life".

Auch Holly Herndon hatte sich zuletzt mit Konzepten des Mutterseins auseinandergesetzt und auf ihrem Meisterwerk "Proto" eine KI-Tochter geboren. Hvals Musik unterscheidet sich aber wesentlich von der ihrer Genre-Kollegin: Wo Herndons in alle Richtungen sprudelnder Ideen-Quell auf die totale Überforderung der Synapsen hinsteuerte, fühlen sich die hypnotischen, von Neunziger-Trance und -Techno beeinflussten Grooves von "The practice of love" wie der eigene Herzschlag an. Über der perfekt aufgehenden Kombination von endlos schepperndem Beat und glockenhellem Gesang von "High Alice" wirkt dessen Refrain-Forderung hanebüchen: "We all want something better." Mit tollen Saxofon-Akzenten statt Flöten interpretiert "Thumbsucker" das Björk-Spätwerk auf eine weniger verkopfte Weise. Hval macht Art-Pop, an dem nichts gekünstelt ist, elektronische Musik, die nie kalt oder mechanisch rüberkommt.

"Ashes to ashes" heißt das wohl eindrücklichste Dokument dieser Natürlichkeit, es bewegt sich nah an den betörenden Traumwelten einer Julee Cruise oder Hope Sandoval. Hval greift mit zwei Fingern in die Erde und hebt eine Poetologie des Todes aus ihr: "She had this dream about a song / She was certain that it was about a burial […] Even the groove was filled with sadness." Auch "Six red cannas" beschäftigt sich mit dem eigenen Schreiben, beschreibt einen surrealen Wüsten-Trip und verbeugt sich vor Georgia O'Keefe und Joni Mitchell – ob dieser mitreißend pulsierende Techno-Track der Folk-Legende selbst gefallen würde, ist natürlich in Frage zu stellen. Schließlich begleiten mächtige Bläsersätze und tänzelnde Glocken den Closer "Ordinary", der sich ungewohnt klar in Richtung tatsächlicher Zärtlichkeit deuten lässt: "The curves of her face […] have the power to calm her / From her panic attacks / Because she knows her hand fits there." Es gibt viele Arten auf der Welt, Liebe zu praktizieren. Dieses Album ist eine davon.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • High Alice
  • Accident (feat. Laura Jean)
  • Ashes to ashes

Tracklist

  1. Lions (feat. Vivian Wang)
  2. High Alice
  3. Accident (feat. Laura Jean)
  4. The practice of love (feat. Laura Jean & Vivian Wang)
  5. Ashes to ashes
  6. Thumbsucker (feat. Félicia Atkinson)
  7. Six red cannas (feat. Vivian Wang, Félicia Atkinson & Laura Jean)
  8. Ordinary (feat. Vivian Wang & Félicia Atkinson)

Gesamtspielzeit: 33:58 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

peppermint patty

Postings: 264

Registriert seit 07.05.2019

2019-09-26 21:44:47 Uhr
Bleibt nur die Frage?
Wird sie dieses unfassbare Niveau halten können? Es ist gerade die Verbindung von diesem wunderbaren Gesang und den euphorischen Techno/Trance/Whatever-Beats, die dieses Album so unwiederstehlich machen. Da wird die lyrische Ebene fast nebensächlich, oder sagen wir, eher ein Bonus für Geisteseissenschaftler.
Ich bin mir übrigens sicher, dass die Wirkung nicht nachlassen wird: Musik für Körper, Geist und Seele gleichermassen. Perfektion.

PS: Sollte Geisteswissenschaftler heissen, ich bin zu faul alles neu zu schreiben, ihr wisst ja nicht, wie lange ich zum Tippen brauche :)

Armin

Postings: 15991

Registriert seit 08.01.2012

2019-09-25 20:43:09 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

MopedTobias

Postings: 12662

Registriert seit 10.09.2013

2019-09-18 20:04:44 Uhr
Wo ist denn da ein wissenschaftlicher Anspruch? Das sind doch nur abstrakte, teils metaphorische Gedanken um das Thema/Wort "Liebe". Gequirlt kann man das nennen, aber pseudowissenschaftlich? Außerdem reduzierst den Track ja damit um mindestens die halbe Wahrheit, nämlich seinen zweiten Teil.

Ein grundsätzliches Skip-Bedürfnis kann ich schon verstehen, ist ja mehr Monolog/Gespräch als Musik, das muss man nicht unbedingt immer hören. Wobei ich Patty zustimme, dass es an der Stelle gut passt und auflockert.

dronevil

Postings: 141

Registriert seit 14.08.2019

2019-09-18 19:40:26 Uhr
Was ist am Titeltrack esoterisch

Sorry, aber Folgendes hört sich für mich alles sehr gequirlt, unaufrichtig und normativ/ pseudowissenschaftlich an. Wenn ich das Album unterwegs höre, habe ich die ganze Zeit Angst, dass dieser Track kommt und ich nicht mehr rechtzeitig skippen kann.


"I hate "love" in my own language. It contains the entire word "honesty" inside it, which makes it sound religious, protestant, hierarchic, purified. The word "love" comes in the way of love that makes me want to say sorry. I say sorry with black breath, black letters staining the air around me, the walls of the house, the bed, the desk. Maybe "sorry" is the closest I ever got to expressing love."

John Bello

Postings: 207

Registriert seit 26.08.2019

2019-09-18 17:45:54 Uhr
"Ich gehe fast soweit zu sagen, dass dieses Album die Welt ein Stück weit zu einem besseren Ort macht, zumindest während es läuft"

Und so nebenbei mal eben eine mögliche Definition von "Lieblingsmusik" geliefert. Patty, du bist die weltbeste Philosophin :)
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