DIIV - Deceiver

DIIV- Deceiver

Captured Tracks / Cargo
VÖ: 04.10.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

To live and cry in L.A.

Es ist nun wirklich nicht so, dass er es nicht versucht hätte. Zachary Cole Smith, einst Mitglied bei Beach Fossils und mittlerweile längst Frontmann der New Yorker Band DIIV, wollte sein altes Leben hinter sich lassen. Nach einer rebellischen Teenager-Phase und ersten Drogenproblemen im Erwachsenenalter, die er auf dem DIIV-Debüt "Oshin" von 2012 musikalisch verarbeitete, sollte mit dem vier Jahre später veröffentlichten Zweitling "Is the is are" eigentlich die Wende kommen. Nüchtern betrachtet eine tolle, gesunde Idee. Aber erstens kommt immer alles anders und so weiter: 2017 bewohnte Smith laut eigener Aussage in der ersten Jahreshälfte nicht nur eine, sondern gleich diverse Reha-Kliniken. Er habe sich die Aufwärtskurve selbst ohnehin nie abgekauft und sich mittlerweile mit seiner Suchterkrankung abgefunden, sagt er, und genau darum gehe es auf "Deceiver", dem dritten Album seiner Band: um die Wiedergeburt statt um die Wiederherstellung.

"Deceiver" heißt übersetzt "Betrüger" oder "Täuscher" und angesichts Smiths langer und oftmals sehr publik ausgetragener Leidens- oder eben Lebensgeschichte lässt sich der Albumtitel sicher in vielerlei Hinsicht deuten. Man darf jedoch wohl getrost sagen, dass es sich bei "Deceiver" um das düsterste und in gewisser Weise auch ehrlichste DIIV-Werk handelt. Produzent Sonny Diperri, der in der Vergangenheit bereits mit Trent Reznor oder auch My Bloody Valentine zusammengearbeitet hat, verpasste dem Album beim Aufnahmeprozess in Los Angeles einen melancholischen, schwermütigen Rahmen, in dem Smith und Co. ihre melodischen Strukturen aufbauten.

"Well, what d'you want? / Serve me / Sell me to the spoon / I'm cashing in, falling out, tear me down, hang me up / Strung out to please the king in metropolitan's Sackler wing / I can help you, it's how I help myself", haut die Leadsingle "Skin game" dann auch gleich mal direkt aufs Maul statt nur auf den Tisch, die Pharma-Industrie kriegt ebenso ihr Fett weg, während Smith geradezu süß-säuselig das Zwiegespräch von Engelchen und Teufelchen auf seinen Schultern wiederzugeben scheint. Die Elektrische kratzt sich derweil blutig und der Hörer ist bereits nach vier Minuten fix und fertig. Die unerbittlich nach vorne drückenden Gitarren sind auf "Deceiver" fast allgegenwärtig, so leiten sie auch das zwischen Zuckerbrot und Peitsche wandelnde "For the guilty" ein und veredeln die dritte Single "Blankenship", die dafür quasi ohne einen wirklichen Refrain auskommt und sich schon allein aufgrund ihres Hauptthemas für lange Zeit in den Gehörgang brennt.

"Deceiver" ist dementsprechend nichts für zarte Gemüter, sondern eher etwas für Hartgesottene, die keine Angst davor haben, mal eben in die pechschwarze Gosse von Kaliforniens weltberühmter Glitzerstadt abzutauchen. Dort geht es dem Besucher dann möglicherweise nicht unbedingt an den Kragen, aber mindestens ans Gemüt: Das Album-Highlight "Like before you were born" ist ein gleichermaßen tonnenschweres wie federleichtes Wiegenlied direkt aus der Drogen-Hölle, "Between tides" eine shoegazige Gute-Laune-Nummer nach Kevin-Shields-Manier (/ironieoff) und "The spark" trotz leichter euphorischer Note freilich so zappenduster wie die Nacht selbst – was hier aufflackert, sind allerhöchstens Gewitterblitze von der dauerhaft über allem schwebenden Regenwolke.

Vielleicht spricht "Taker" am besten aus, was das Album in seinen zehn Songs zu erklären versucht: "You watched my lips make / The promise I betrayed / The years I lived in vain / Chasing the pain with pain." Smith möchte kein Mitleid, er verharmlost nichts, er redet sich nicht heraus. Drogensucht ist nicht romantisch, ebenso wenig wie es junge Leute sind, die daran zugrunde gehen. "Deceiver" ist kein schönes Album im eigentlichen Sinn, aber ein sehr gutes, weil es das Licht im Dunkel zwar nicht immer findet, aber stets sucht. "Lay it all out / The path of wreckage that I cut / All in want of what?" Zachary Cole Smith hat in seiner Vergangenheit Entscheidungen getroffen, die ihn fast das Leben gekostet hätten. Er singt darüber. Es empfiehlt sich, ihm zuzuhören – und aus seinen Fehlern zu lernen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Like before you were born
  • The spark
  • Blankenship

Tracklist

  1. Horsehead
  2. Like before you were born
  3. Skin game
  4. Between tides
  5. Taker
  6. For the guilty
  7. The spark
  8. Lorelei
  9. Blankenship
  10. Acheron

Gesamtspielzeit: 44:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Voyage 34

Postings: 657

Registriert seit 11.09.2018

2020-01-11 23:18:50 Uhr
verpasste perle 2019. Gefäält richtig gut das Album!

Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 1984

Registriert seit 14.05.2013

2020-01-11 16:38:29 Uhr - Newsbeitrag
Termine:

05. März Hamburg, Germany - Gruenspan
08. März Berlin, Germany - Festsaal Kreuzberg
11. März Munich, Germany - Strom

boneless

Postings: 2608

Registriert seit 13.05.2014

2019-12-24 15:08:04 Uhr
Taker ist umwerfend, diese leiernden Gitarren am Schluss liebe ich auf Anhieb. Ansonsten ist mir das Album ein wenig zu offensichtlich am Sound von Loveless angelehnt. Nichts schlechtes, um Gottes Willen, aber ich mochte den poppigen Klang der Vorgänger etwas mehr.

fakeboy

Postings: 104

Registriert seit 21.08.2019

2019-12-06 11:41:20 Uhr
Auch bei mir. Und wie Thanksalot sagt: "Horsehead" ist grandios, definitiv einer der Songs des Jahres.

musie

Postings: 2623

Registriert seit 14.06.2013

2019-12-05 20:01:42 Uhr
könnte noch weit vorne landen in der Jahreswertung... ein Schleicher... jedenfalls bei mir.
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