Kenneth Minor - On my own

Kenneth Minor- On my own

Unique / Groove Attack
VÖ: 20.09.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Amerika!

Vergleiche sind mitunter heikel, besonders wenn sie im Überschwang der Gefühle oder aus der Situation heraus entstehen. Nach vielen Gläsern Bier ließ sich ein guter Freund einmal zu der Behauptung hinreißen, das spärlich besiedelte Grenzgebiet zwischen Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sei doch so etwas wie der Mittlere Westen Deutschlands. Was, vorsichtig formuliert, nicht auf Anhieb einleuchtete, aber nach längerem Grübeln dann doch irgendwie Sinn ergibt. Nur wenige Anzeichen von Zivilisation, dafür eine weitläufige Landschaft, die unwillkürlich ein diffuses Gefühl von Freiheit weckt. Dunkle Wälder, tiefe Seen. Die Menschen grobschlächtig und eigen, aber auch bodenständig und ja, ehrlich. Und mehr als das bürgerliche Gesetz zählen hier noch Blutsbande und unverrückbare Traditionen. Kann es da verwundern, dass ausgerechnet aus dem nur unweit südlicher gelegenen Rhein-Main-Gebiet, genauer gesagt aus der beschaulichen Landeshauptstadt Wiesbaden, ein derart eigenwilliger und unverbrauchter Americana-Sound erklingt? Eben.

Wobei das dritte Album von Sänger und Gitarrist Bird Christiani alias Kenneth Minor seine zahlreichen Einflüsse durchaus selbstbewusst vor sich herträgt. Beim wunderbaren "True" könnte es sich auch um eine verschollene B-Seite von Bob Dylan handeln, so offensichtlich sind die Anleihen – von den Pickings über die schnarrende Mundharmonika bis zur Intonation des Gesangs. Durchaus bemerkenswert, wie unbeschwert und gleichzeitig zwingend diese Hommage an das überlebensgroße Vorbild daherkommt. Gleiches gilt für "Hidden berries", das die seligen Woody Guthrie und Pete Seeger wiederauferstehen lässt. Ein so gut gelaunter wie kämpferischer Schunkler mit charmanten Klavier und einem eingängigen Chorgesang, von dem man sich gern in den Arm nehmen lässt. Der aber auch darum so wichtig ist, weil er dem Gesamtbild eine neue Farbe, eine weiteren Pinselstrich hinzufügt.

Denn unabhängig von einzelnen starken Songs funktioniert "On my own" als Ganzes so gut, weil die Platte ein vielfältiges, aber in sich stimmiges Panorama malt. Auf die luftige Folk-Nummer "Happy man" folgt etwa der schwüle "Bad conscience blues", der sich in die Untiefen der eigenen Kindheitserinnerungen wagt. Und das countryeske "Fed up" wird von einem polternden Garage-Punk-Song abgelöst, bei dem sich auch der Rest der Kapelle mal austoben darf. Komplettiert wird Kenneth Minor auf Platte und bei einzelnen Auftritten nämlich von Schlagzeuger Florian Helleken, vormals bei der Nürnberger Band The Audience, und Bassist Andreas Lüttke. Am meisten aber gewinnt "On my own" durch die betörenden Backgroundvocals von Athena Isabella, die Christianis markanten Gesang immer wieder umschmeicheln.

Und auch in den Songtexten findet sich diese Bandbreite wieder, geht es wild durcheinander, vom Persönlichen zum Politischen und wieder zurück. Daran, dass der Folk einmal konsequent auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten stand, lässt zum Beispiel der formidable Opener "Age of reason" keine Zweifel aufkommen. "Dear poor people / Please don't give up / Steal from the rich / 'Cause they don't give a fuck about you". Bleibt die Frage, ob es da wirklich noch ein weiteres Neil-Young-Cover braucht? Ja, braucht es. Denn in der zerbrechlichen Version von Kenneth Minor bildet "My my, hey hey (Out of the blue)" den punktgenauen Abschluss eines Albums, dass allen schrägen Vergleichen zum Trotz mehr nach Amerika als nach Westerwald klingt. Zum Glück.

(Markus Huber)

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Highlights

  • Age of reason
  • True
  • Happy man
  • Hidden berries

Tracklist

  1. Age of reason
  2. Fed up
  3. Wrap up a deal
  4. On my own
  5. True
  6. Happy man
  7. Bad conscience blues
  8. Breach
  9. Hidden berries
  10. Dash of sadness
  11. Girl from Berlin
  12. My my, hey hey (Out of the blue)

Gesamtspielzeit: 45:40 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-09-18 15:31:43 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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