Tinariwen - Amadjar

Tinariwen- Amadjar

Wedge / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 06.09.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wüste daheim

Was bedeutet eine Band wie Tinariwen für die angelsächsisch geprägte Musikwelt? Vielleicht eine Tür oder ein Fenster ins Ungewohnte. Denn jenes Musikerkollektiv, welches aus den politischen alltäglichen Unruhen Nordafrikas erwuchs, hat sich seine Authentizität immer bewahrt. Der Flirt mit der E-Gitarre oder genauer dem Blues war nicht anbiedernd, sondern aufgrund der Strukturen klassischer Tuareg-Musik ein naheliegender Brückenschlag. Durch Call-and-response-Charakteristik und einer hypnotischen Repetitivität fanden sich zahlreiche Anknüpfungspunkte, die die resultierende Vermengung nachvollziehbar machten. Doch jetzt, auf ihrem neuen Album "Amadjar", wird der westliche Einfluss etwas zurück gestellt, Tinariwen lassen die Musik ihrer Heimat nach langer Zeit wieder weitestgehend für sich sprechen.

Und was ist dies für eine faszinierende Welt. Die dynamischen Percussion, die trotz stetigem Vorwärtschreiten immer wieder kleine Wirbel und Brüche einflechten und damit trotz geradlinigen Wegs Widerstände und Reibung in sich tragen, sind da nur ein bemerkenswerter Aspekt. Das erhitzt schwingende Gitarrenspiel von "Zital" sitzt auf dem Rücken einer auf und ab wallenden Rhythmik, die viele Schnörkel und Rundungen als kleine, kostbare Schmuckstücke aufweist. "Taqkal tarha" besitzt hingegen eine fluffige Leichtigkeit, die mit weiblichen Chorgesang und hellen Saitenklängen unbeschwert und frei von Sorgen durch eine weite Landschaft zuckelt. In "Iklam dglour", diesem nordafrikanischen Wüstenblues kommt das Paradox dieser Musik dann vielleicht am Besten zum Tragen: Die Instrumentierung schroff und karg, der Gesang und der schleppende Rhythmus schwer von tausendjähriger Geschichte, entfaltet dieses Stück dennoch eine urige Vitalität, die durch den matten Staub hindurchscheint. Wenn der Gesang zum Beispiel ein wenig glatter, man möchte sagen geschmeidiger wird, erblüht Leben in den Faltenwürfen dieser widrigen Landschaft.

Dies sind Momente, die man auch in der Musik unserer Breitengrade erleben kann, nur werden diese hier mit gänzlich anderen, eigenen Mitteln erreicht. Der schwingende Groove vom mit Cass McCombs aufgenommenen "Kel tinawen" erinnert an Geisterstädte im amerikanischen Westen oder das australische Outback, doch durch die Gesangsstrukturen, ein weiblicher Chor antwortet auf einen trägen, männlichen Stichwortgeber, werden die Stimmen mit klaren Regeln, aber dennoch vital und ganz eigen verflochten. Dies scheint dann trotz fest gesetzten Abgrenzungen raffiniert und ausgefuchst. In diesen Kleinigkeiten offenbart sich immer wieder eine reizvolle Welt, der man nur selten über den Weg läuft im alltäglichen Musikbetrieb. Man wünschte sich, dass mehr Menschen der westlichen Welt mit diesen Songs in Kontakt treten würden, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Vielleicht würde dann auch reaktionären, sich abschottenden Zeitgenossen aufgehen, dass im Fremden die Chance liegt, neue Entdeckungen zu machen, dass bereichernde Sichtweisen hinzu zu gewinnen sind.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Zawal
  • Taqkal tarha
  • Iklam dglour
  • Kel tinawen

Tracklist

  1. Tenere maloulat
  2. Zawal
  3. Amalouna
  4. Taqkal tarha
  5. Anina
  6. Madjam mahilkamen
  7. Takount
  8. Iklam dglour
  9. Kel tinawen
  10. Itous ohar
  11. Mhadjar Yassouf idjan
  12. Wartilla
  13. Lalla

Gesamtspielzeit: 54:21 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 15737

Registriert seit 08.01.2012

2019-08-31 20:50:23 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 15737

Registriert seit 08.01.2012

2019-06-12 16:39:26 Uhr - Newsbeitrag
TINARIWEN

Bereits seit 17 Jahren tragen Tinariwen ihre tief verwurzelte Tuareg-Kultur musikalisch-meisterhaft in die Welt hinaus. Auf den bisher erschienenen Alben thematisiert die Band vor allem die politischen und sozialen Probleme ihres Herkunftslandes Mali, ihre Sehnsucht nach Heimat und eben auch die erfahrene Rastlosigkeit. Noch nie stand diese Rastlosigkeit mehr im Fokus als auf dem neuen Album „Amadjar“, das am 06. September 2019 via Wedge erscheinen wird. Als erster Song ist ab sofort “Taqkal Tarha (feat. Micah Nelson)” zu hören.



Die Geschichte des neunten Albums „Amadjar“ von Tinariwen beginnt im Oktober 2018 in der marokkanischen Sahara. Nach einem Auftritt beim Taragalte Festival, das nomadische Kultur und Weltmusik zusammenbringt, machte sich die Band auf eine Reise nach Nuakschott, der Hauptstadt Mauretaniens. Es ging durch den Süden Marokkos, durch die Westsahara und entlang der atlantischen Küste – auf diesem Trip entstand das neue Album „Amadjar“. Begleitet von ihrem französischen Produzenten-Team, die die Reise in einem zum mobilen Studio umgebauten Van absolvierten, entstanden so unter dem Nachthimmel Westafrikas jeden Abend, in provisorischen Camps, neue Songskizzen. Die finalen Aufnahmen fanden in der Wüste um Nuakschott statt – in einem großen Studiozelt, das eigens für die Live-Sessions aufgebaut wurde. Später wurden westliche Musiker wie Cass McCombs, Stephen O’Malley (Sunn O)))), Willie Nelsons Sohn (und Neil Young Gitarrist) Mica Nelson sowie Warren Ellis von den Bad Seeds eingeladen, um dem Album den letzten Touch zu geben.

So wie die Band selbst ist auch das neue Album stets im Fluss, es ist rastlos und in Bewegung. Ein Album, das einmal mehr die einzigartige Kunst Tinariwens unterstreicht. Ende Oktober wird es dann zwei Shows in Deutschland geben, um das neue Album den Fans hierzulande live vorzustellen. Alle Termine findet Ihr in den Tourdaten.

Tinariwen
30.10. Düsseldorf - Zakk
31.10. Berlin - Festsaal Kreuzberg
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