Belle & Sebastian - Days of the Bagnold summer

Belle & Sebastian- Days of the Bagnold summer

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 13.09.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Like Stuart and the movies

Es gibt solche und solche Bands. Bands, die man mehr oder weniger gut, meinetwegen auch großartig findet. Und welche, über die man nicht wirklich schreiben kann, ohne zugleich über die eigene Liebe zu dieser Band zu schreiben. Belle & Sebastian, die das Gefühl adoleszenter Verlorenheit in unnachahmliche und, nun ja, großartige Musik verwandelt haben, sind ein heißer Anwärter für die zweite Kategorie. Und selbst wenn die Gefühle nachgelassen haben und man sich mit den Jahren auseinander gelebt hat, bleibt doch die Erinnerung an die guten alten Zeiten. Insofern ist da zwangsläufig auch Nostalgie im Spiel, wenn die Schotten für "Days of the Bagnold summer" gleich zwei ihrer Klassiker neu aufnehmen. Wobei der Unterschied zu den Originalen nicht besonders groß ausfällt. Das verträumte "I know where the summer goes" büßt etwas von seinem Lo-Fi-Charme ein, und auch "Get me away from here I'm dying" klingt nun fokussierter und weniger verhuscht – aber was macht das schon? Wahrscheinlich könnte nicht einmal eine Coverversion von Nickelback diesen perfekten Popsong zu Grunde richten. Mit "Safety value" hat zudem ein bisher unveröffentlichtes Kleinod aus den Neunzigern seinen Weg auf die Platte gefunden. Schön.

Diese Auswahl lässt schon vermuten, dass "Days of the Bagnold summer" kein ganz gewöhnliches Belle-&-Sebastian-Album ist. Die zwölf Songs plus Intro bilden den Soundtrack zur gleichnamigen Komödie des britischen Schauspielers Simon Bird. Die basiert wiederum auf einer ziemlich tollen Graphic-Novel von Joff Winterhart. Anders als bei seinem ureigenen Projekt "God help the girl", hat hier Mastermind Stuart Murdoch also mal nicht den kreativen Hut auf, wenngleich das Songwriting unverkennbar seine Handschrift trägt. Doch wer eine ähnliche stilistische und klangliche Bandbreite wie auf den beiden Vorgängern erwartet, wird überrascht sein: "Days of the Bagnold Summer" ist für die Verhältnisse der Band geradezu klassisch instrumentiert und verlässt sich ganz auf große Melodien und kleine Geschichten. Neben den zwei alten Bekannten und dem alten Unbekannten betört beispielsweise "Did the day just like you wanted?" mit schlichtem zweistimmigen Gesang, unterlegt und umrandet von Streichern und Trompete. Man könnte das nun etwas schwärmerisch als Rückbesinnung auf die verzärtelten Anfänge bezeichnen – von wegen Nostalgie. Vermutlich tragen aber auch die Erfordernisse des Films ihren Teil zur musikalischen Kehrtwende bei.

Sicher, die Musik von Belle & Sebastian hat schon große Leinwandauftritte hingelegt, auch abgesehen von besagtem Musical-Projekt "God help the girl". Wir erinnern uns an Jason Reitmans Melodram "Juno" mit dem, nun ja, großartigen "Expectations" und dem nicht minder großartigen "Piazza, New York catcher". Nur sind im Unterschied dazu die meistens Songs auf "Days of the Bagnold summer" eigens für den Film entstanden – und dennoch funktionieren sie auch für sich genommen. Im Albumkontext wirklich verzichtbar sind nur die beiden Instrumentals: "Jill Pole" schunkelt uninspiriert dahin, das einlullende "The colour's gonna run" weiß mit seinem kratzigen Gitarrensound schon mehr zu gefallen, hinterlässt aber auch keinen bleibenden Eindruck. Ganz anders dagegen die leisen "I'll keep it inside" und "Another day, another night", die von nicht viel mehr als einer Gitarre und den Stimmen von Sarah Martin und Stuart Murdoch zehren. Die zarte Fragilität wird noch dadurch unterstrichen, dass beide Songs zusammengenommen auf gerade einmal dreieinhalb Minuten kommen und ihnen aufgrund ihrer Kürze etwas Skizzenhaftes, Unfertiges anhaftet. Da glimmt er für einen Augenblick wieder auf, der Zauber der vergangenen Zeiten.

Wie steht es anno 2019 also mit der Liebe? Zumindest können alle, die mit den jüngsten Ausflügen in Richtung Funk, Disco und Elektropop so ihre Probleme hatten, beruhigt aufatmen. "Days of the Bagnold summer" verzichtet auf den ganz großen Pomp und knüpft an die frühe und mittlere Phase der Band an. Einziger Ausreißer ist die erste Single, "Sister Buddha", die mit ihrem breiten Sound, dem treibenden Schlagzeug und den perlenden Gitarren locker "Girls in peacetime want to dance"" entsprungen sein könnte. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Belle & Sebastian heuer nicht mehr diese prickelnde Begeisterung entfachen wie zu ihren Anfangszeiten. Müssen sie aber auch nicht. So lang ist man nun schon miteinander gegangen, so vertraut ist man mittlerweile, da bereitet jedes Wiederhören einfach Freude. Und wem die Musik allein nicht reicht, der möge sich eben die dazugehörigen Bilder anschauen. Übrigens handelt "Days of the Bagnold summer" von einem jungen Metal-Fan, der unfreiwillig die Sommerferien mit seiner Mutter verbringt. Wüsste man es nicht viel besser, diese skurrile Coming-of-Age-Episode könnte glatt einem Belle & Sebastian-Song entsprungen sein.

(Markus Huber)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Did the day go just like you wanted?
  • Safety valve
  • Another day, another night
  • Get me away from here I'm dying

Tracklist

  1. Sister Buddha (Intro)
  2. I know where the summer goes
  3. Did the day go just like you wanted?
  4. Jill Pole
  5. I'll keep it inside
  6. Safety valve
  7. The colour's gonna run
  8. Another day, another night
  9. Get me away from here I'm dying
  10. Wait and see what the day holds
  11. Sister Buddha
  12. This letter
  13. We were never glorious

Gesamtspielzeit: 42:48 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

UndercoverBrother

Postings: 90

Registriert seit 16.08.2013

2019-09-05 06:30:25 Uhr
Das nette an B&S ist doch die Konstante im Sound und Qualität. Als ich sister Buddha dieser Tage im Radio hörte dachte ich mir so „von welchem Album ist das nochmal?“ war mir sicher der ist schon veröffentlicht. Hab bis Write about Love alles , auch gehört, find aber kein Album den absoluten Hammer , alles solide 6,5-7 von 10 mit jeweils immer ein paar wunderschönen Singles. Den Film & Soundtrack geb ich mir aber mal, klingt nach nem netten Indie Film.

The MACHINA of God

Postings: 17131

Registriert seit 07.06.2013

2019-09-04 20:40:29 Uhr
Ach so. Schade...

MopedTobias

Postings: 12401

Registriert seit 10.09.2013

2019-09-04 18:37:47 Uhr
Ist allerdings nur ein Soundtrack :)

The MACHINA of God

Postings: 17131

Registriert seit 07.06.2013

2019-09-04 17:58:07 Uhr
Ich hab ja nun gar keine Synthiepop-Affinität und komischerweise mochte ich ausgerechnet "Sylvia Plath" und "Play for today" von der letzten am meisten. Selten erlebt, dass ein für mich eher unangenehmer Sound durch grandiose Meldien mehr als ausgeglichen wurde.
Von daher freu ich mich auf die neue auch wieder.

MopedTobias

Postings: 12401

Registriert seit 10.09.2013

2019-09-04 17:54:06 Uhr
Da würde ich ganz stark widersprechen, finde ihre 2010er-Alben (ich zähle die drei EPS mal als eins) allesamt großartig. Auch wenn man da teilweise natürlich Synthpop-Affinität für braucht.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify