Velvet Negroni - Neon brown

Velvet Negroni- Neon brown

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 30.08.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 1/10

Ein Kleid aus Schatten

Der Weg zur eigenen Bestimmung ist mitunter lang und von zahlreichen Hindernissen verstellt. Da wird der kleine, dunkelhäutige Jeremy Nutzman von einer weißen, strenggläubigen Familie adoptiert und die Mama hält es für sinnvoll, den Sprößling zum Klavierunterricht und zum Eiskunstlauf-Training zu schleppen. Dabei mag Jeremy die Gitarre viel lieber und ist obendrein von der lokalen Rap-Szene in seiner Heimatstadt Minneapolis angefixt. Das schreit natürlich nach Rebellion und Konflikt, Nutzman probiert sich aus, schläft bei Freunden auf dem Sofa und erarbeitet sich erste Gigs. Es dauert aber dann doch ziemlich lange, bis aus Ambition und musikalischem Talent sein Alter-Ego Velvet Negroni erwächst. Mit diesem landet Nutzman bei alternativem R'n'B, Neo-Soul, aber auch bei musikalischen Spielarten, wie sie die Grenzgänger Yves Tumor oder Lotic durchexerzieren. Und auch wenn Velvet Negroni bei seinen Live-Shows weder übers Eis gleitet noch am Klavier sitzt, besitzt sein Debütalbum "Neon brown" eine fragile Schönheit, ein zerbrechliches Gleichgewicht, wie es jenen Kunstformen innewohnt.

Dabei ist dieses Album ein ständiges Vorantasten in der Dunkelheit, entwickelt Zartheit im Angesicht unwirtlicher Umgebungen. Der Opener "One one" hangelt sich an verfremdeten Gitarrenfiguren entlang, man vernimmt das Schrappen der Finger über die Saiten, während einige handverlesene Drums für dramatische Akzente sorgen. Und Nutzmans Stimme? Wirkt hier mal in Eile, haut Passagen in doppelter Geschwindigkeit raus, nur um sich kurze Zeit später dort in zähflüssigen Bewegungen mit Schatten zuzudecken. Da kann ein Song wie "Wine green" einen fluffigen Rhythmus besitzen, der Gesang spielerisch an der Grenze zu karibischen Assoziationen tänzeln, trotzdem zieht ein kühler Lufthauch durch den Song, der leicht frösteln lässt. Wenn Nutzman so manches Mal am Rand des Falsetts entlang wandert, hat man das Gefühl, dass die hohen Töne Warnlaute eines hypersensiblen Wesens sind, so etwa auch in "Kurt Kobain". Dies stellt dann auch einen gewichtigen Kontrast zu den robusten Drums dar, die mit artifiziellen Gitarren eine Art Achtzigerjahre-Industrial-Setting etablieren. Auch die "Twin Peaks"-Gitarren von "Scratchers", das Messerwetzen in "Nester" oder die stählernen Marimbas von "Choir boy" vermitteln ein Gefühl des Ausgesetztseins.

Doch es gibt Hoffnung und Aussicht auf Einkehr in eine behütete neue Welt. Velvet Negroni singt nämlich mit nahbaren Melodien und weicher Stimme beharrlich gegen die große Leere, das um sich greifende Dunkel, an. Wenn eine einsame Trompete in "Confetti" den Weg für den sich wohlig windenden Gesang bereitet, kommt hier zwar bei Nutzman Verzweiflung auf, diese sondert aber eine innige Herzenswärme ab. Und so ist man zwischen all den Schatten und schwarzen Pfützen nicht verloren, sondern sitzt mit diesem jungen Mann, der glücklicherweise kein Eiskunstläufer und auch kein Konzertpianist geworden ist, gemeinsam in einem zugigen Kellerloch und lässt sich von der Behutsamkeit dieser Songs die Füße und Hände wärmen.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Wine green
  • Confetti
  • Nester

Tracklist

  1. One one
  2. Wine green
  3. Kurt Kobain
  4. Poster child
  5. Confetti
  6. U.dunno
  7. Choir boy
  8. Scratchers
  9. Nester
  10. Feel let
  11. Ectodub

Gesamtspielzeit: 47:36 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-08-25 20:46:33 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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