TaxiWars - Artificial horizon

TaxiWars- Artificial horizon

Sdban Ultra / Rough Trade
VÖ: 06.09.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Lil Tom und die Kopfnicker

Wenn Jazz wirklich anders ist, wie Die Ärzte schon wussten, was sind dann erst TaxiWars? Die Genre-Definition von dEUS-Kopf Tom Barman und seinen drei Mitstreitern räumt jetzt schon zum dritten Mal mit Stereotypen von Außenstehenden auf, die dem Jazz gerne fehlende Zugänglichkeit und instrumentales Mackertum unterstellen. Solcherlei Abwertungen verdient sich das Genre in seiner Gesamtheit natürlich nicht, stilistische Selbstreflexionen stehen bei den Belgiern aber ohnehin nicht auf dem Programm. Hier haben vier unheimlich begabte Musiker simplen Spaß am gemeinsamen Zocken, was eine der renommiertesten Figuren des europäischen Indie-Rock auf sympathische Weise wie einen rotbackigen Jungen im Proberaum wirken lässt. Weil Schubladen sowieso eher was für Schreiner als für Musikliebhaber sind, kann man das auch ohne Kopfzerbrechen darüber genießen, ob TaxiWars jetzt die Fucked Up oder die The Hirsch Effekt des Jazz sein sollen.

Anders als "Fever" mit seinem, nun ja, fiebrigen Titelstück, lässt es "Artificial horizon" zu Beginn noch etwas ruhiger angehen. Natürlich groovt "Drop shot" so wie jedes andere Erzeugnis der Band mit seinem in nervösem Zittern verschränkten Rhythmus-Duo. Doch geprägt von einem taumelnden Piano ist die Stimmung vielmehr eine leicht vernebelte, einlullende. Nur in plötzlichen, je zwei Takte langen Tempowechseln schleicht sich Wut in Barmans sonst zurückhaltenden Sing-Rap, mysteriöse Sprach-Samples schweben im Raum und gen Ende übernimmt Saxophonist Robin Verheyen das Ruder. Ohne, dass man den Kipp-Moment so wirklich mitbekommt, offenbart der Song in seinen fünf Minuten mehr als zunächst angedeutet. In dieser Hinsicht sind TaxiWars eine ganz und gar vollblütige Jazz-Band: Man weiß nie so recht, wo sie als nächstes hinwollen. "Both directions at once", wie John Coltrane die Umtriebigkeit seines Genres einst auf den Punkt brachte.

Vielleicht hat noch kein Track das Faszinosum hinter dem Quartett so konzentriert wie das folgende "Sharp practice". Drummer Antoine Pierre und Kontrabassist Nicolas Thys formulieren ihre HipHop-Einflüsse aus und der Produktion nach könnten sie auch im Wohnzimmer des Hörers mit dem Kopf nicken. Über dem mächtigen Beat, weiblichen Gast-Vocals und einem detailreichen Hintergrund erhebt sich Barman, der rappt, raunt, ruft und mit der Variabilität seiner Stimme auch ein Hörbuch vertonen könnte. Geschenkt, dass man ihn teilweise kaum versteht, um die Lyrics geht es hier eh nicht und Mumble-Rap ist aktuell auch en vogue. Dass TaxiWars es auch ganz anders können, zeigt die zentrale Verschnaufpause "Irritated love", eine intime Klavier-Ballade, in der Verheyens Solo ganz im Dienste von Atmosphäre und Song steht. Wahrlich kein Fremdkörper, sondern nur ein weiterer Ausdruck der Unberechenbarkeit des ganzen Albums.

Das großartig treibende "The glare" dürfte mit seiner exzessiven Saxophon-Performance am ehesten klassischer Jazz-Ästhetik entsprechen, doch seine kompakte Geradlinigkeit sollte auch Nicht-Genre-Fans erfreuen. Ohnehin orientieren sich Barmans Melodien und Klavierspiel nah am Indie-Pop, der wundervolle Streicher-Refrain von "Different or not" hätte auch perfekt auf eine dEUS-Platte gepasst. Erst, wenn der Abgesang "On day three" über sechs getragene Minuten ins Nichts diffundiert, lassen sich die Musiker mit einer nachdenklichen, gar traurigen Miene vorstellen. Steckt vielleicht doch mehr dahinter als der bloße Spaß am Zusammenspiel? Sollte man ausgehend von "Artificial horizon" doch den großen Genre-Diskurs eröffnen? Was sagen Sie, Louis Armstrong, als Experte dazu? "There is only two kinds of music, the good and the bad." Puh, nochmal Glück gehabt. TaxiWars machen auf jeden Fall die gute.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Sharp practice
  • The glare
  • Different or not

Tracklist

  1. Drop shot
  2. Sharp practice
  3. Artificial horizon
  4. The glare
  5. Irritated love
  6. Infinity cove
  7. Safety in numbers
  8. Different or not
  9. They'll tell you you've changed
  10. On day three

Gesamtspielzeit: 38:27 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

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Registriert seit 07.06.2013

2019-11-08 03:31:19 Uhr
Hätte aber bei denen auch nciht viel Publikum erwartet. Schon dEUS sind immer viel zu wenig beuscht. Und TaxiWars ist ja noch einmal ein Stück mehr "Insider". Hätte nicht mal gedacht, dass die überhaupt im Lido spielen.

Underground

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Registriert seit 11.03.2015

2019-11-07 09:41:07 Uhr
Also ganz ähnlich wie in Köln, "angenehm besucht" bedeutet im Luxor auch, dass gut nur die Hälfte der Kapazität erreicht war, aber aufgrund des langen, relativ schmalen Baus des Clubs und der niedrigen Bühne dort war's nahezu perfekt.

Robert G. Blume

Postings: 535

Registriert seit 07.06.2015

2019-11-07 09:21:10 Uhr
Bericht aus Berlin:
Das Lido war erschreckend spärlich besucht, es hätten locker noch zweimal so viele Leute hineingepasst. :/
Die, die da waren, haben ein großartiges Konzert geboten bekommen und das entsprechend honoriert. Mir hat es sogar besser gefallen als das Konzert auf der Fever-Tour. Der Fokus lag auf dem neuen Material, das ich auch sehr gerne mag. Aber natürlich kamen auch die Hits "TaxiWars", "Fever", "Bridges", "Death Ride ..." und "En Route" zum Zuge. Sehr sehr schön.

Underground

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Registriert seit 11.03.2015

2019-10-29 10:47:54 Uhr
Großartiges Konzert gestern im angenehm besuchten Luxor gestern. Sogar die beiden jungen Belgier "Hi Hawaii" als Vorband wussten zu unterhalten. Taxiwars spielten samt Zugabe knapp 75 Minuten und Tom Barman ging live (wie auch bei Deus oder Magnus) ab wie der Derwisch...

Underground

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Registriert seit 11.03.2015

2019-09-06 16:40:15 Uhr
Erster Eindruck: Besser als das Debüt, kommt aber leider vom Drive nicht an die Fever ran. Gibt schlimmeres, freu mich dennoch sehr aufs Konzert Ende Oktober.
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