Cassels - The perfect ending

Cassels- The perfect ending

Big Scary Monsters / Al!ve / The Orchard
VÖ: 06.09.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Weiter bis zum Abgrund

Ein kurzer Blick aufs Bandfoto und … verdammt, sind die jung. Nicht jung in dem Sinne, wie der Rezensent mit fast Mitte dreißig neuerdings nahezu alle Menschen als jung bezeichnet, denen noch nicht die ersten grauen Haare gewachsen sind. Sondern wirklich jung. Was an sich nicht besonders erwähnenswert wäre, ginge der Musik der beiden Brüder Jim und Loz Beck nicht jeder Anflug von jugendlicher Unbekümmertheit ab. Dem Duo eine frühe Reife zu attestieren, würde hingegen völlig auf die falsche Fährte führen. Zu ungestüm wütet die Gitarre, zu düster und sarkastisch sind die Texte. Hier sind zwei junge Musiker zu hören, die für ihren Frust und ihre Aggression den passenden Ausdruck gesucht und gefunden haben. Songs wie das dynamische "All the St. John's wort in the world" klingen dabei wie eine Mischung aus den ganz frühen (jungen!) Modest Mouse und britischem Postpunk à la Gang Of Four. Als wichtiger Einfluss wird außerdem Steve Albinis grandiose Krach-Kombo Shellac genannt. Das passt schon allein deshalb, weil auch die Beck-Brüder äußerst reduziert und minimalistisch zu Werke gehen. Gitarre, Schlagzeug und Stimme. Mehr braucht es nicht.

Auch das Artwork und der vermeintlich optimistische Titel des Albums könnten leicht auf die falsche Fährte führen, wobei man die Platte "aufgrund der offensichtlichen Konnotation mit heruntergekommenen Massagesalons" – wie die Band es ausdrückt – immerhin nicht "The happy ending" getauft hat. Handelt die erste Hälfte von gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Abgründen und thematisiert unter anderem sexuelle Gewalt, so stellt sich im weiteren Verlauf ein globaler Fokus ein. "The perfect ending" beschreibt das Aussterben der menschlichen Spezies als eine Art Erlösungsgeschichte. Ohne den zerstörerischen Parasiten Homo sapiens sapiens sind der Planet und seine übrigen Bewohner einfach besser dran. "The leaking ark" und "The queue at the chemists" spinnen diesen Gedanken fort, prangern den skrupellosen Umgang mit der Natur und die eigene bequeme Untätigkeit an. "It kind of felt like we should maybe do something / But in the end doing nothing seemed a lot easier". Das angekündigte "perfekte Ende" steht dann in "The woman in the moon" bevor. Die Menschheit ist ausgestorben, der Planet ein Brachland, aus dem zaghaft neues und unschuldiges Leben erwächst. "Tiny seeds! / Tiny sprouts! / Astounded / Dumbfounded / New life underground." Ja, das ist sehr weit weg vom Alltag zweier Jugendlicher in der englischen Provinz. Aber vielleicht ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet dort, irgendwo im trostlosen Niemandsland, junge Menschen auf solche Gedanken kommen.

Was ihren ideologischen Gehalt angeht, kann man diese Endzeitvisionen durchaus problematisch finden. Zumal Cassels sich explizit auf die nicht unumstrittene Gaia-Hypothese beziehen. Eine gewisse Faszination entwickeln sie aber selbst bei kritischer Distanz. Was nicht zuletzt auch daran liegt, dass die Texte nicht im drögen Anklageton daherkommen, sondern in der Tat ziemlich doppelbödig und beinahe literarisch sind. Nicht zu vergessen, die Musik. Dass lärmendes Gitarrengeschrammel und ein schepperndes Schlagzeug bei derartiger Themenwahl und Ausrichtung ein nicht gerade unpassendes Fundament bilden, liegt auf der Hand. Das treibende "Melting butter" beweist, dass es das dritte Instrument, die Stimme, sogar manchmal gar nicht braucht. Voll zur Geltung kommen die Noise-Ausbrüche jedoch in Kontrast zu den eher zurückgenommenen Passagen, in denen Jim Becks Sprechgesang im Mittelpunkt steht. Im Grunde ist das eine simple, aber wirkungsvolle Laut-Leise-Dynamik, welche Cassels hier ein Album lang überzeugend zelebrieren. Passend dazu ist die Produktion rau und direkt und kommt ohne überflüssigen Firlefanz aus. Nur ab und zu zwitschern irgendwo ein paar Vögel und konterkarieren damit den Soundtrack zum Untergang, den die beiden Jungs abspulen. Ein Ende mit Augenzwinkern. Nicht perfekt, aber ziemlich gut.

(Markus Huber)

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Highlights

  • All the St. John's wort in the world
  • The perfect ending
  • The queue at the chemists

Tracklist

  1. A snowflake in winter
  2. All the St. John's wort in the world
  3. Mink skin coat
  4. Melting butter
  5. In the zoo they feed him nuts
  6. The perfect ending
  7. The leaking ark
  8. The queue at the chemists
  9. The woman in the moon

Gesamtspielzeit: 41:35 min.

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Armin

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2019-08-25 20:43:24 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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