Bat For Lashes - Lost girls

Bat For Lashes- Lost girls

Bat For Lashes / Rough Trade
VÖ: 06.09.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das Vermächtnis der Lederjacke

"Have you seen this lost girl?" Hat Natasha Khan im Vorfeld von "The bride" noch Hochzeitskarten ausgelegt, schaltet sie nun eine Vermisstenanzeige. Die titelgebende fiktive Mädchenbande von Bat For Lashes' fünftem Album "Lost girls" ist um ein Mitglied ärmer. Beim Blick auf das Video zur ersten Single "Kids in the dark" wird auch schnell klar, wieso: Die hier von Khan selbst verkörperte Nikki Pink hat sich verliebt und das passt ihren mit Reißzähnen ausgestatteten Freundinnen so gar nicht. Ja, richtig gelesen – "Lost girls" ähnelt einem gewissen Joel-Schumacher-Kultfilm (Stichworte: Vampire, Lederjacken, Kiefer Sutherland) nicht nur im Titel. Khans Selbstverständnis als Künstlerin war immer auch ein visuelles, doch hier tobt sie sich so explizit cineastisch wie noch nie aus, zitiert im erwähnten Video den jüngeren iranischen Vampir-Western "A girl walks home alone at night" und suhlt sich die ganze Platte über in der Atmosphäre von Achtziger-Fantasy-Abenteuern. "Kids in the dark" liefert damit den perfekten Einstieg in eine Welt nostalgischer Verklärung, weil sich in dieser melancholischen Synthpop-Ballade die Gefühle des Liebespaars mit einer Sehnsucht aufs Vergangene verschränken: "Let's take it down / To where the loving starts / Where we're just kids in the dark."

Auch wenn es musikalisch deutlich weniger introvertiert daherkommt, ähnelt "Lost girls" im Konzept einer nachvollziehbaren Geschichte durchaus seinem Vorgänger. Diese erzählt Khan hier allerdings abstrakter, diffuser. Im Wissen von Nikkis Geheimnis können wörtlich gelesene Zeilen wie "And we can come back from the dead / And feed this endless hunger", auch auf ein nicht gerade glückliches Ende der Lovestory hindeuten. Jenes "The hunger" weiß die Vielschichtigkeit seines Inhalts auch klanglich abzubilden, verdichtet über fünf Minuten unheilvolle Orgeln und Bässe mit drängelnder Percussion, bis eine erlösende Coda den Himmel auflockert. Ganz anders gerät "Feel for you", das an La Roux' unterschätztes Zweitwerk "Trouble in paradise" erinnert und in dem die liebestrunkene Protagonistin nichts anderes außer "I love ya / I feel for you", hervorbringen kann. So unverkopft feiernd hat man die 39-Jährige noch nicht gehört. Dass dieser elegante Funk-Pop trotzdem nie zum banalen Party-Track verkommt, ist schlicht ihrem natürlichen Talent geschuldet.

Dennoch könnte die ganze Ästhetik von "Lost girls" so manchen Fan irritieren. Im Abseitigen und Surrealen haftete etwas Lynch-eskes an Khans bisherigem Schaffen, doch die offene Emotionalität, mit der sie hier die Gefühlswelt junger Menschen im Kontext fantastischer Realitätsflucht beleuchtet, würde eher einen Steven Spielberg erfreuen. So balanciert der Pathos von "Desert man" gewagt die schmale Grenze zwischen Kitsch und berührender Schönheit entlang, landet aber zum Glück auf der guten Seite. Ein bisschen Käse gehört vielleicht auch einfach dazu, wenn Khan nicht nur die Filme, sondern auch die Musik der Achtziger würdigt. Das gelingt ihr aber so hingebungsvoll und stilsicher, dass nicht einmal die bedeutungsschwangeren Spoken-Word-Parts von "Jasmine" ins Lächerliche driften. Auch das instrumentale "Vampires" kann ein zweiminütiges Saxophon-Solo mit düsterem New Wave im Geiste von The Cures "Disintegration" ohne jede Fremdscham verbinden.

Die Mystik vergangener Bat-For-Lashes-Platten leidet unter den neuen Ansätzen, es erfrischt aber auch, dass Khan zum ersten Mal eher Optimismus und Liebe als Leid und Trauer kanalisiert. "Lost girls" ist eine thematisch wie musikalisch kohärente Sammlung herausragenden Synthpops, die auch einen weniger auffälligen Song wie "Safe tonight" locker mitzieht, wenn zuvor das verspielte "So good" allerlei melodische Verrenkungen vorgenommen hat. Nicht zuletzt offenbart sich auch Khans persönlicher Bezug zu ihrer Geschichte, die auch von eigenen Kindheitserinnerungen inspiriert wurde – von in Karachi verbrachten Sommern, in denen sie ihren Cousins beim Motorradfahren und Feiern amerikanischer Jugendkultur zusah. Wenn das schwelgerische Schlussstück "Mountains" als letztes Bild zwei gemeinsam gen Horizont fahrende Figuren evoziert, kann die untergehende Abendsonne ebenso die kalifornische wie die pakistanische sein.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • The hunger
  • Desert man
  • So good

Tracklist

  1. Kids in the dark
  2. The hunger
  3. Feel for you
  4. Desert man
  5. Jasmine
  6. Vampires
  7. So good
  8. Safe tonight
  9. Peach sky
  10. Mountains

Gesamtspielzeit: 38:29 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Klaus

Postings: 98

Registriert seit 22.08.2019

2019-09-06 22:33:21 Uhr
Dann vielleicht mal Sexwitch hören, falls noch nicht bekannt?

cargo

Postings: 196

Registriert seit 07.06.2016

2019-09-06 18:36:33 Uhr
Finde das Album extrem enttäuschend. Wirkt völlig uninspiriert und unfertig. Der 80s-Synth-Pop-Sound ist halt jetzt auch schon zu durchgenudelt, um noch interessant zu sein. Dazu kommen noch bocklangweilige (Halb)-Instrumentals wie "Feel For You" und "Vampires". Von der einzigartigen Atmosphäre, die die Frau mal auf ihren Alben erschaffen hat ist so gut wie gar nichts mehr übrig.

Klaus

Postings: 98

Registriert seit 22.08.2019

2019-08-26 11:07:03 Uhr
Ist nur interessant, da sie ja selbst (zumindest was die jugend angeht) ja selbst eher in den 90ern aufgewachsen ist.

The Hunger ist wirklich toll.

Marvin

Postings: 56

Registriert seit 27.04.2018

2019-08-26 11:04:51 Uhr
Genau das soll es mehr oder weniger auch sein :-)

Klaus

Postings: 98

Registriert seit 22.08.2019

2019-08-26 09:46:42 Uhr
War ein bisschen enttäuscht über die Vorabsingles, auf Albumlänge sind dann doch einige tolle Sachen dabei, auch wenn die ganze Platte wirkt wie ein Retroalbum für in den 1980ern aufgewachsene.
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