Bon Iver - i,i

Bon Iver- i,i

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 08.08.2019

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Pizza Quattro Stagioni

Spätestens seit "i,i" haben Antonio Vivaldi und Justin Vernon mehr gemeinsam als nur den Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens. In vier Violinenkonzerten bearbeitete der venezianische Barock-Komponist "Die vier Jahreszeiten", der US-Amerikanische Folk-Held verewigte seine Version jenes Zyklus auf vier Alben. Bon Ivers Erstling "For Emma, forever ago" repräsentierte mit seinen meist leisen, größtenteils akustischen Songs aus der Waldhütte den bisweilen dreckigen, aber jederzeit romantischen Winter. Das selbstbetitelte Zweitwerk widmete sich mit musikalisch ausdifferenzierteren, aber nicht weniger stillen Arrangements der aufkeimenden Hoffnung des Frühlings. "22, a million" stellte sein musikalisches Set inmitten einer Baustelle auf, deren Lärm bisweilen in den Ohren brannte wie die Sommersonne auf der uneingecremten Haut, jedoch nicht ohne die gewohnte Herzensnähe des Bon-Iver-Sounds.

Mit "i,i" hält nun der Herbst Einzug, erklärte Vernon im Vorfeld der Veröffentlichung. Aber mal ehrlich, auch wenn man sich wie oben geschehen locker solche Jahreszeiten-Analogien aus den Fingern saugen kann: Eigentlich klangen doch alle Platten der Band bisher nach Herbst, der Lieblingssaison des immer a bisserl zu schwermütigen Indie-Aficionados. Dennoch: Alle hatten sie eine andere Tonalität, alle waren sie auf ihre Art ein Meisterwerk. Die neue Platte wagt erstmals keinen konkreten Bruch mit dem Sound ihres Vorgängers, sondern fasst in vollendender Manier zusammen, was die drei Alben davor in sich trugen: Es ist der beste Herbst aller Zeiten, oder – um das Jahreszeitenbild noch mal anders aufzuziehen – einfach eine sauleckere Pizza Quattro Stagioni: Man kennt den Belag schon, aber erst die Kombi macht's.

Wenn am vierten Album von Bon Iver tatsächlich etwas neu ist, dann ist es sein Hang zum Hit: Mit "Hey, Ma" veröffentlichte die Band bereits im Vorfeld gleich als erstes einen Übersong, dem es nicht nur gelingt, einen wahnsinnigen Zwei-Wort-Singalong zu liefern, sondern auch die Intimität eines Mutter-Sohn-Verhältnisses in Verbindung mit dem Klimawandel zu setzen. Meint der Sänger am Ende etwa nicht seine eigene Ma, sondern Mutter Erde? Zeit zum Kopfzerbrechen darüber bietet die elektronisch-verzerrt säuselnde Bridge nach zweieinviertel Minuten, während allein Vernons Aussprache des Wortes "Sugar" am Ende der zweiten Strophe das Herz zum Schmelzen bringt. Ebenso ein Riesending ist die zweite Auskopplung "U (Man like)", die mit Jenn Wasner und Elsa Jensen gleich zwei weibliche Stimmen einbringt, was zuletzt auf "I am easy to find" von The National als Erfolgsrezept wunderbar funktionierte und auch hier super ins Setting passt. Der Titel wandert galant entlang seiner Pianomelodie und widmet sich der Liebe als Universalgefühl – als Zuneigung zwischen Zweien, genauso wie im Sinne der Nächstenliebe.

Ähnlich emotional anrührend gestaltet sich "Naeem", nicht nur weil der Sänger seinen Bariton hier so wunderbar anschleift, sondern auch weil der Track Leben in den Kontext der Gesellschaft stellt, ohne dabei das Einzelschicksal im Spannungsfeld von schlechten Trips und väterlicher Verantwortung zu vergessen. "I can hear crying", lautet bedrückende und doch versöhnliche Kehrzeile des Stücks, denn es gibt Hoffnung: "I'm telling you that I do feel ya", heißt es nämlich genauso. Großartig sind hier auch die impulsiven Drums und die den Sound sanft umgarnenden Bläser. Wer zuletzt Mitte Juli 2019 das Konzert in Wiesbaden besuchte, der wird wohl bereits dort festgestellt haben, welche zentrale Rolle insbesondere das von Michael Lewis gespielte Saxofon mittlerweile im Sound Bon Ivers einnimmt. Spätestens in "Sh'Diah" hat es seinen großen Auftritt, wenn ihm die letzten zwei Minuten des Stücks ganz und gar gehören und es eine liebevolle Intimität aufbaut, die einen gar nicht mehr loslassen möchte. Verrückt, wenn man bedenkt, dass der Titel als Akronym für "Shittiest day in American history" fungiert und damit offenkundig auf die Wahl Donald Trumps anspielt.

Auch am Ende des Post-Intro-Openers "iMi" ist das Sax integraler Bestandteil. Auffallend großartig funktioniert hier außerdem das Zusammenspiel mit den Gästen. Neben Vernon gesellen sich Mike Noyce, Camilla Staveley-Taylor, Velvet Negroni und James Blake singend hinzu, wenn die warme Bilanz des Stücks ganz simpel lautet: "I like you." Ebenso das durch den Dschungel creepende "We" gefällt, in welchem Vernon sich im Falsett durchs undurchsichtige Terrain messert. Als Referenz kann dabei zumindest thematisch "Minnesota, WI" herhalten. "Holyfields," beschäftigt sich hingegen weniger mit der Gemeinschaft als damit, was sie zu trennen droht. Mit seinem piependen Computer-Metronom, seinen wabbeligen Synthies und den gen Ende einfallenden Streichern nimmt es sich abermals den Klimwandel und dessen Verursacher zur Brust, wenn Vernon singt: "So you wanna leave a mark? / You're honing in on Meadow Park? / I heard you guys are very safe / Caught up with the featherweights."

Lyrische Sprengkraft trägt auch die dritte Single "Jelmore" in sich: "We'll all be gone by the fall", verkündet Vernon da und prophezeit die bevorstehende Apokalypse. Der fetzenhafte Sound erinnert an "22, a million" und passt dabei wunderbar zur Sache, im Albumkontext kann man das Stück womöglich als eine Art Interlude begreifen. "Marion" geht ebenso etwas andere musikalische Wege, wenn es als fast klassisches Akustik-Gitarren-Stück am nächsten bei "For Emma, forever ago" steht. Schließlich bringt es jedoch wieder die bekannten Bläser ein und verknüpft sich so mit dem restlichen Album.

Am Ende von "i,i" steht mit "RABi" noch ein Stück, das in seiner Ausgestaltung an den selbstbetitelten Zweitling erinnert und dabei vielleicht die schönste Melodie des aktuellen Albums mitbringt. Lyrisch behandelt es ein angenehm zusammenschweißendes Anliegen, wenn es als religionskritisches "Memento mori" fungiert, das der Idee vom Leben nach dem Tod nichts weiter als ein Schulterzucken entgegensetzt und stattdessen dem naiven Optimismus frönt. "Well, it's all fine and we're all fine anyway", lautet das mutmachende, rotzig vorgetragene Fazit, das zugleich das Ende des Bon-Iver'schen Jahreszeitenzyklus verkündet. Was danach kommt? Wen juckt's! An dieser Pizza wird man ohnehin noch 'ne Weile zu kauen haben – im ausschließlich positiven Sinne, denn "i,i" ist alles andere als zäh. Vielleicht ist es trotz seiner Tiefe das bisher zugänglichste Werk Bon Ivers, sicher aber ist es das am durchdachtesten orchestrierte und das reifste Album des genialen musikalischen Fädenziehers Justin Vernon.

(Pascal Bremmer)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • iMi
  • Hey, Ma
  • Naeem
  • RABi

Tracklist

  1. Yi
  2. iMi
  3. We
  4. Holyfields,
  5. Hey, Ma
  6. U (Man like)
  7. Naeem
  8. Jelmore
  9. Faith
  10. Marion
  11. Salem
  12. Sh'Diah
  13. RABi

Gesamtspielzeit: 39:35 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

BadaBing

Postings: 59

Registriert seit 27.06.2013

2019-09-04 17:57:53 Uhr
Ich hoffe sehr auf eine Europatour im nächsten Jahr.

Bon Iver-Songs sind live durch die Bank live nochmals ein gutes Stück beeindruckender, was für i,i Phantastisches erwarten lässt.

Vor allem Naeem und Faith stelle ich mir live wie eine Wucht vor.

sunflower

Postings: 1

Registriert seit 01.09.2019

2019-09-01 14:43:32 Uhr
Nach fünf Jahren Wartezeit endlich wieder ein neues Album von TV on the Radio.

Voyage 34

Postings: 410

Registriert seit 11.09.2018

2019-08-30 12:01:51 Uhr
Bin sehr positiv überrascht. Sind einige wahnsinnig gute Songs drauf und viel gutes. Die Songs wirken nicht mehr so skizzenhaft wie auf dem Vorgänger und sind auch viel reduzierter als auf den letzten zwei Alben.
i,i ist wirklich sehr nahbar und undangestrengt geworden, für mich genau das Gegenteil de Vorgängers.

Momentan höre ich das Album verdammt gerne, da hätte ich wirklich nicht mehr mit gerechnet.

Mic

Postings: 21

Registriert seit 24.08.2019

2019-08-29 22:32:05 Uhr
Und wo bitte ist der Spirit verloren gegangen? Im Gegenteil. Er klingt tiefgründiger und einfach besser. Was für Übersongs sind da drauf. Wahnsinn.

Mic

Postings: 21

Registriert seit 24.08.2019

2019-08-29 22:29:40 Uhr
Für mich bisher das Album des Jahres. Mit ganz ganz großen Abstand. Ich sehe die 9/10 absolut gerechtfertigt. Was für unfassbar tolle Songs und was eine unfassbare Stimmung dieses Album erweckt. Wer das nicht erkennt, na der hat Pech und versteht einfach Musik nicht. :-)
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify