Pharmakon - Devour

Pharmakon- Devour

Sacred Bones / Cargo
VÖ: 30.08.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Technik, die entgeistert

Beliebtes Feature auf Plattentests.de: die Referenzen. Mancher Leser konsultiert diese Rubrik noch vor der Rezension, und auch für die Autoren ist es ein Quell der Freude, sich artverwandter Bands zu erinnern, unbekannte zu entdecken oder gepflegt rumzunerden. Das Highlight dieser Disziplin liest sich auszugsweise jedoch so: Staubsauger; Handmixer; Kaffeemaschine; Schlagbohrmaschine; Presslufthammer; Betonmischer; Rasenmäher; Hochdruckreiniger; Flex; Toilettenspülung; Milchschäumer; Toaster; Teekessel; Wasserkocher; Schluckauf; Hustenanfall; Niesanfall; Grippaler Infekt; Dampflokomotive. Und was Rezensent Cadario zu Omar Rodriguez Lopez' "Minor cuts and scrapes in the bushes ahead" ersann, trifft genauso auf das vierte Album von Margaret Chardiet alias Pharmakon zu. Ergänzt durch: Sandstrahler; Schrottpresse; Kreissäge.

"Die Maschinen haben gewonnen", resümierte Kollege Heinecker 2017 den "Devour"-Vorgänger "Contact" – und das hatten sie in der Tat, da es außer ihnen nichts mehr gab. Doch zweieinhalb Jahre später haben selbst die unbarmherzig lärmenden Geräte die Rechnung ohne die New Yorkerin gemacht. Was ist da im Opener "Homeostasis" los? Es kracht und dröhnt nicht nur, sondern pluckert und rumpelt auch rhythmisch, sodass man mit etwas gutem Willen eine abartige Sorte Groove konstatieren könnte. Reinster Pop – verglichen mit den Geräuschkulissen der metallverarbeitenden Industrie. Aber dann: die Stimme, die so verzerrt, gedoppelt, verdammt und zugenäht in den Track hechtet, dass der ganze Backkatalog erbleicht. Ein furchterregender, nahezu körperlich spürbarer Moment auf einem Album, das ausschließlich aus solchen Augenblicken besteht.

Dabei drehen sich Chardiets Harsh-Noise-Skulpturen um den geschundenen Organismus als "Self-regulating system", das stets nach Gleichgewicht strebt – das Ende vom Lied, das nie eins war, ist die buchstäbliche Selbstzerfleischung auf dem wenig subtilen Cover. Wer also Musik statt brüllender Transistoren, in persönlichen Höllen brutzelnder Drones und infernalischer Schreie erwartet, dem wird "Devour" alles andere als schmecken. Freunde extremer Unterhaltung hingegen weiden sich angetan an "Spit it out", das die Power-Electronics knirschend gegeneinander verschiebt, während Chardiets Vocal-Eruption alles gnadenlos vor die Wand fährt. Das britische Chor-Ensemble Gaggle bastelte aus ähnlichem Material das Dance-Chaos "I hear flies" – bei Pharmakon tanzen alle Farben blanken Entsetzens vor dem aufgerissenen Auge. Technik, die entgeistert.

Das verhältnismäßig zurückgenommene "Deprivation" markiert natürlich nicht mehr als ein Luftholen vor der nächsten Attacke aus dem Powerbook-Fleischwolf, nachdem gleich mehrere Stücke an einem absurd aggressiven Stakkato-Finale zerschellt sind. Zu diesem Zeitpunkt interessiert es schon lange nicht mehr, ob "Devour" deswegen das bislang direkteste, zwingendste und beste Pharmakon-Album ist, weil Chardiet es erstmals live im Studio aufgenommen hat. Wichtig sind die Schweißausbrüche, nervösen Zuckungen und Adrenalinschübe, die dieses derbe Meisterwerk verursacht und so alle herausfordert, die behaupten, beim Plattenhören nichts mehr zu fühlen. Zugegeben: Schön sind die Gefühle nicht – doch wenigstens Chardiet wird hocherfreut darüber sein, die Maschinen am Ende doch besiegt zu haben. Brotmaschine; Hirnfräse; Knochenmühle.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Spit it out
  • Self-regulating system

Tracklist

  1. Homeostasis
  2. Spit it out
  3. Self-regulating system
  4. Deprivation
  5. Pristine panic / Cheek by jowl

Gesamtspielzeit: 36:07 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Slim Shady
2019-08-19 15:15:37 Uhr
Ich bin verliebt
Hoher Spatz
2019-08-18 22:20:48 Uhr
zum anbeißen

Armin

Postings: 15703

Registriert seit 08.01.2012

2019-08-18 20:47:10 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
o. spengler
2019-07-30 09:07:20 Uhr
alle 3 vorherigen alben habe ich mir übrigens na.chts/sehr fr.üh mor.gens im wal.d über kopphörer re.inge.zo.gen. und so werde ich auch das noie aus dem hinterzimmer geklaute kunstwerk hören.
o. spengler
2019-07-30 09:03:26 Uhr
ich sekundiere diese konzeptalbenaussage. sowas ist ja immer ein schmaler grat. rasch wirds unerträ.glich prä.tenti..ös (empfinde ich bei lingua ignota so). hier passts.

kann aber die ha..rdlin..er innerhalb der power electronics/noise/industrial scene auch verstehen, denen das zu benutzerfreundlich ist. im kontext dieser krachmusik sind die alben ja schon sehr zugänglich und "poppig".
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