Boy Scouts - Free company

Boy Scouts- Free company

Anti / Indigo
VÖ: 30.08.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Herzen haben auch keine Fenster

"Du siehst die anderen lachen und große Worte machen, wie gut sie sich verstehen / Der Himmel wird versprochen, doch alles wird zerbrochen beim Auseinandergehen / Oh! Herzen haben keine Fenster / Und niemand sieht hinein." Hach! Siebzigerjahre-Schlager, die originale Emo-Musik, ganz ohne dicken Kajal um die Augen, schräge Pony-Frisen und Fotos aus der Vogelperspektive. Wer braucht denn auch schon Fenster? Die Kalifornierin Taylor Vick alias Boy Scouts jedenfalls nicht: Die nahm "Free company", ihr erstes Album für Anti Records, gemeinsam mit ihrem Produzenten Stephen Steinbrink mal eben in einem angemieteten Container auf. Völlig ohne Fenster – aber mit ganz viel Herz.

Steinbrink, Anfang 30 und selbst Künstler, ist auch als musikalischer Tausendsassa an mehreren Instrumenten auf dem Album vertreten, ebenso wie diverse andere Freunde Vicks. Die empfand den Aufnahmeprozess im Container zu allem Überfluss tatsächlich als gemütlich oder gar befreiend, und tatsächlich: "Free company" ist ein entspanntes, verträumtes Gemeinschaftsprojekt. Große Experimente oder ausgelassene Schlenker hat Vick nicht im Repertoire, ebenso ist das Album textlich einfach, aber authentisch gestrickt: Der hauchzarte Dream-Pop von "Hate ya 2" ist weder Abrechnung noch Annäherung an die Person, die einem das Gefühl von Wertlosigkeit vermittelt und die man dennoch nicht loslassen möchte oder kann – sondern vielmehr das Akzeptieren der gegebenen Situation. Und der Opener "Get well soon" soll nicht etwa eine Hommage an Konstantin Gropper oder ein Märchen über Erkältungskrankheiten sein, sondern eine Indie-poppige Mittelfingererhebung an alle Egoisten, die viel lieber andere Menschen statt Eier in die Pfanne hauen.

Haue ist auf "Free company" ansonsten freilich so fern wie Gitta Lind einst von der Heimat, hier gibt es allerhöchstens was auf die Ohren. Allen voran das frühe Highlight "Momentary love", das sich in seiner zweiten Hälfte mit hartnäckiger Eingängigkeit von einer vorübergehenden Verknalltheit schnell zu einer tiefergehenden Liebe entwickelt. Weiter geht es kurze Zeit später mit dem sanft groovenden Twang von "Expiration date", das noch dazu mit herzigem Musikclip in waschechter Heimvideo-Optik aufwartet. Es ist durchaus bezeichnend für Vick, die sich in den letzten Jahren insbesondere in der Bay-Area-Region einen kleinen Namen bei Indie-Fans machen konnte, dass sie sich so nahbar wie möglich macht. Trotz Plattendeal steht Realness hier über Coolness, und deswegen endet "Free company" auch nicht mit irgendeiner frech kokettierenden Abschiedsnummer, sondern mit der sehnsüchtigen Liebeskummer-Ballade "You were once", die mit deutlich über fünf Minuten zudem der mit Abstand längste Track des Albums ist. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wenn jemand nicht mal Fenster zum Glücklichsein braucht, was wollte sie dann mit Ruhm oder Anerkennung?

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Momentary love
  • Expiration date
  • You were once

Tracklist

  1. Get well soon
  2. In ya too
  3. Momentary love
  4. All right
  5. Throw away love
  6. Expiration date
  7. Hate ya 2
  8. Cut it
  9. You were once

Gesamtspielzeit: 33:29 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-08-18 20:45:51 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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