Tropical Fuck Storm - Braindrops

Tropical Fuck Storm- Braindrops

Joyful Noise / Cargo
VÖ: 23.08.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Des Wahnsinns magere Beute

Wenn man im Jahr 2018 in Sachen Rockmusik mal so richtig freidrehen wollte, gab es nichts Geeigneteres als "A laughing death in meatspace" von Tropical Fuck Storm. Aus heillos zerstrittenen Layern des Wahnsinns zimmerten die Australier sonderbar hymnische Großtaten, nachdem sie ihren gesunden Menschenverstand scheinbar vorübergehend auf dem Sperrmüll abgegeben hatten. Es ging drunter und drüber, vor und zurück in diesem Gruselkabinett der Pop-Unfälle. Nach nur kurzer Verschnaufpause meldet sich das Quartett um Gareth Liddiart und Fiona Kitschin nun mit "Braindrops" zurück. Und jenes zweite Album der Schwester-Band von The Drones bietet gleich mal etwas Streitpotenzial. Denn der Vierer konzentriert sich jetzt mehr, reduziert den Irrsinn oder brennt ihn vielmehr bis auf die Essenz herunter. Dies führt dazu, dass ein wackeliges Gitarren-Motiv über einen längeren Zeitraum die Hauptverantwortung für einen Song trägt oder dazu, dass sich eine Melodie ohne störrische Sabotage-Akte vom Rest der Band durchaus frei entfalten kann.

Was Tropical Fuck Storm aber blind hinbekommen, ist als Opener eine Überhymne vorauszuschicken. Bereits "You let my tires down" zeichnete sich auf dem Vorgänger in dieser Disziplin mächtig aus, keinen Deut weniger beeindruckend ist "Paradise". Man sollte sich nicht von der mit Whiskey-Fahne hineinwankenden Schrottgitarre täuschen lassen: Was dieser Song an stürmischer Sehnsucht und Haltlosigkeit entfaltet, ist an ekstatischer Katharsis schwer zu überbieten. Vor allem Kitschins Gesangspassagen lassen die Wolken über einer glutroten Wüste bersten und alle Dämme brechen. Aber Achtung, Kontrast! "The planet of straw men" macht es sich in einer mexikanischen Cantina um die Mittagszeit bequem, Fliegen kreisen träge um den Ventilator, es liegt eine drückende Hitze über dem Raum und man nimmt nur beiläufig die erstaunlich giftigen Gitarrenfetzen wahr. Liddiart und Kitschin führen hier zwar auch einen hysterischen Wechselgesang auf, dieser wird jedoch durch den lässigen Latino-Groove abgemildert. Es sind dies die typischen Momente dieser grandiosen Platte: Irgendwo leiert und scheppert es bedenklich, doch meist wird das Schadhafte und Abgewetzte melodischer Schönheit zugeführt. "Who's my Eugene" räumt fast komplett das Feld für Erica Dunns lakonischen Pop-Gesang und lässt auf der Zunge den gemischten Geschmack von Erdbeer-Kaugummi und Staub zurück. Der wahre Clou ist aber, dass dieses betont gleichgültige Stück durch Riff-Unterstützung noch in eine handfeste Rockigkeit überführt wird.

Ein Song wie "The happiest guy around" zeigt zudem eindringlich die Weiterentwicklung dieser Chaos-Truppe. Wo der Vorgänger noch jeden Song mit unzähligen Stil-Attacken bearbeitete, beschränken sich Tropical Fuck Storm hier auf nur wenige Elemente – in diesem Fall ist das ein Rhythmus, der irgendwo zwischen Charleston und Dixieland einen veritablen Unfall hatte. "Maria 62" dagegen ist nicht viel mehr als eine schwüle Schwelgerei mit verletzlicher Melodie, welche die Ausdrucksstärke von Liddiarts Stimme unterstreicht. Ermattet hängt der Song in den Seilen, entfaltet aber eine von hoher Luftfeuchtigkeit gesättigte Schönheit. Das Titelstück ergeht sich nur kurz später in einer hitzigen Tanzeinlage, in irgendeinem stickigen Kreller Lateinamerikas läuft der Schweiß in Strömen. Das fokussierte, aber federleichte Tänzeln und Schwingen von "Aspirin" wirkt dagegen wie eine milde Erfrischung, findet schlussendlich aber noch den Weg zum melodischen Drama. Und es ist ein Fest, wie Tropical Fuck Storm es schaffen, das gleiche Gefühl der emotionalen Aushebelung mit deutlich reduzierten Mitteln zu erzeugen. Statt ein breit aufgestelltes, instrumentales Tamtam aufzufahren, steckt hier der Wahnsinn in der DNA des Songwritings. Und der staubtrockene Abgesang "Maria 63" ist zum trotz gewaltiger Orchestrierung im Kern ein ausgemergelter Todeskanditat auf der Suche nach einem Wasserloch. Des Wahnsinns magere Beute sozusagen – auf einem erneut fett auftrumpfenden Album.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Paradise
  • Who's my Eugene
  • Maria 62
  • Maria 63

Tracklist

  1. Paradise
  2. The planet of straw men
  3. Who's my Eugene
  4. The happiest guy around
  5. Maria 62
  6. Braindrops
  7. Aspirin
  8. Desert sands of Venus
  9. Maria 63

Gesamtspielzeit: 48:20 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 15456

Registriert seit 08.01.2012

2019-08-12 16:25:36 Uhr
Vielen Dank für den Hinweis, Du hast wohl recht, und ich habe es korrigiert. Leider lagen keine Credits vor bei der Rezension.

Armin

Postings: 15456

Registriert seit 08.01.2012

2019-08-12 00:04:23 Uhr

Aber kann es sein, dass bei der Rezension Fiona Kitschin mit Erica Dunn verwechselt wurde? Bei "Eugene" singt zumindest Dunn den Hauptpart.


Ich habe Deine Frage an den Rezensenten weitergegeben.

The MACHINA of God

Postings: 16435

Registriert seit 07.06.2013

2019-08-11 16:45:16 Uhr
Der Opener des Debuts war grandios. Auch sonst ein sehr gutes Album. Bin gespannt.

raindog

Postings: 1

Registriert seit 11.08.2019

2019-08-11 16:33:57 Uhr
Bin schon sehr gespannt! Der Vorgänger war genial und für mich eine der besten Platten 2018. Live sind TFS sowieso der Wahnsinn.

Aber kann es sein, dass bei der Rezension Fiona Kitschin mit Erica Dunn verwechselt wurde? Bei "Eugene" singt zumindest Dunn den Hauptpart.

Rote Arme Fraktion

Postings: 2723

Registriert seit 13.06.2013

2019-08-11 15:23:00 Uhr
Die Referenz McLusky klingt vielversprechend. Werde da reinhören.
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