Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen - Fuck dance, let's art!

Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen- Fuck dance, let's art!

Tapete / Indigo
VÖ: 23.08.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das letzte Hemd

Alles ändert sich, nichts bleibt beim Alten. Was sich oft als praktischer Umstand erweist. Zum Beispiel, wenn der Matratzenmarkt an der Ecke dichtmacht, dessen Personal ohnehin mit nichts anderem als der gelegentlichen Annahme nicht zustellbarer Pakete beschäftigt zu sein schien, und an seine Stelle ein freundlicher Gemüse-Türke tritt. Ein ideales Thema für Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen, die bedauerns- und liebenswerte Existenzen wie charmante Zechpreller, APO-Hofnarr Peter-Ernst Eiffe oder ihr Gnadenbrot vertilgende Eselchen traditionell feiern. Doch auch für alle, denen der Stoßseufzer vom Anfang allzu oft über die Lippen kommt, haben die Hamburger da mal was vorbereitet. Nämlich ihr fünftes Album, auf dem sich Carsten Friedrichs und Kollegen erneut standhaft weigern, irgendetwas anders zu machen als auf den vorherigen vier.

Denn wer wollte sich ernsthaft darüber beklagen, dass es immer noch Dinge und Bands gibt, auf die man sich verlassen kann? Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen gehören dazu – weswegen das Quintett pflichtschuldigst das von Friedrichs gesungene Rührstück "Wie ein Kronkorken auf dem weiten Meer" aus der Dramödie "Koenig der Moewen" in neu arrangierter Version auch auf "Fuck dance, let's art!" platziert. Und da ist er auch schon: "Der kleine Matratzenmarkt", den der Frontmann stets beim Rauchen am Fenster zu betrachten pflegte und dem das gleichnamige Stück nun ein fidel durchorgeltes Denkmal mit spitzen Licks und "Ma ma ma"-Chor setzt. Eine reizende kleine Parabel über die Vergänglichkeit – ausgerechnet von der Gruppe, die sich ihren Ruf als die Dinos des deutschsprachigen Mod-Pop, Northern Soul und Garage-Rock längst redlich verdient hat.

Etwa mit Songs wie dem Opener "Der letzte große Bohemien": tighter Upbeat, die Sitar als Protestinstrument und die gleichen Spitzen gegen Jobcenter und Hartz IV, wie man sie von Fehlfarbens Peter Hein kennt – schon ist klar, dass auch dieser Longplayer ins Herz geschlossen gehört. Spätestens jedoch beim schmeichelnden "Ein Leben in Rot mit purpurnen Blitzen", das zu Brit-Pop-Harmonien von besseren Zeiten träumt, oder wenn "Ich verlieb mich wieder in mich" von Selbstfindung trompetet und dabei weitaus weniger holzschnittartig vorgeht als einst Udo Lindenberg mit "I love me selber". Sollte Friedrichs doch mal der Kragen platzen, dann wenigstens wie aus dem Ei gepellt: "Frustration, ich trag sie wie ein Hemd", heißt es in der vorzüglichen Single, wobei es sich hoffentlich nicht um das letzte handelt. Und auf einmal ist "Punkrock" kein schmutziges Wort mehr.

Jenes aus dem Albumtitel lese man bitte als launige popkulturelle Umdeutung, gemäß welcher der Herr auf dem Cover das Farbmuster seines Pullunders nachmalt Der entsprechende Track bleibt maßvoll instrumental und gibt einen prächtigen Ska-Hüpfer inklusive hyperaktiver Bläser-Heizung ab. Auch "Escape from Martinique" kündet nicht von nächtelangem "Death in paradise"-Binge-Watching, sondern spitzt ohne Gesang die Riffs zu einem zackigen Zwischenspiel an. Passend zum Abbau der Bundesliga-Uhr berücksichtigt "Hässlich und faul, Musik und der HSV" nur die zweitklassigsten Gegner – und markiert einen so wehmütigen wie würdigen Abschluss. Kurzer Ausblick: Wie wohl die nächste Platte heißen wird? "Markus Anfang, Du hast mein Leben zerstört"? Oder "Denk global, geh ins Lokal"? Und was mag drauf sein? Womöglich super Punk?

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Ein Leben in Rot mit purpurnen Blitzen
  • Frustration
  • Ich verlieb mich wieder in mich
  • Der kleine Matratzenmarkt

Tracklist

  1. Der letzte große Bohemien
  2. Ein Leben in Rot mit purpurnen Blitzen
  3. Frustration
  4. Wie ein Kronkorken auf dem weiten Meer
  5. Ich verlieb mich wieder in mich
  6. Fuck dance, let's art!
  7. Der glückliche Spion
  8. Der kleine Matratzenmarkt
  9. Escape from Martinique
  10. Links, rechts, geradeaus
  11. Hässlich und faul, Musik und der HSV

Gesamtspielzeit: 31:10 min.

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User Beitrag

slowmo

Postings: 453

Registriert seit 15.06.2013

2019-11-02 13:38:37 Uhr
War gestern im Gebäude 9 in Köln dabei. War dort das erste Konzert seit dem Umbau. Also qausi die Premiere. Bin fast am Gebäude vorbei gelaufen, so sehr hat sich da die Gegend in der Zwischenzeit verändert (alles drumherum abgerissen). Das Gebäude hat sich als Location allerdings ganz schön gemacht. Der Vorraum ist jetzt deutlich kleiner, aber dafür ist jetzt alles so fast schon befremdlich neu und wohl den aktuellen Brandschutzbestimmungen angepasst. Da wurde scheinbar überraschend viel Geld reingesteckt (dafür das es zuvor auch kurz vor dem Abriss stand). Das Kämpfen für den Erhalt hat sich also Ausnahmsweise mal bezahlt gemacht. Der Sound und die Lichteffekte sind deutlich besser und wenn erstmal die Leute die Klos wieder mit Edding bekritzelt haben, die Wände wieder mit Aufklebern beklebt sind, alles wieder mehr nach abgestandenen Bierresten, als nach frischer Farbe und neuen Möbeln riecht, wird der häuslich versiffte Anarchocharme schon zurückkehren. ;)

Eine der besten Locations für kleinere bis mittelgroße Konzerte.


Zum Konzert:

Gut, wer sich selbst o.spengler nennt, sollte man nicht allzu viel Bedeutung beimessen, aber das Leidenschaft hier auf der Strecke bleibt kann man weiß Gott nicht behaupten. Ehrlich gesagt war das genaue Gegenteil der Fall. Habe selten zuvor eine Band erlebt, die mit so viel Herzblut dabei war. Das Konzert war für mich mit das beste des Jahres. Alle haben mitgesungen und getanzt. Carsten Friedrich hat zudem sich als herrausragender Entertainer erwiesen (nicht, dass ich sowas grundsätzlich von einem Sänger erwarte, aber zu der Art von Musik hat das schon sehr gut gepasst). Zudem waren sie sehr sympathisch und auf dem Boden geblieben. Nachdem Konzert standen sie selbst an ihrem Merchstand und man konnte noch mit ihnen quatschen und sie haben sich für wirklich jeden so gut es ging Zeit genommmen (und das obwohl es verdammt voll und trubelig war). Einziger Nachteil: Habe mir irgendwie erhofft, dass sie in ihrer Setlist auch ein paar alte Superpunknummern einbauen, aber das war leider nicht der Fall.


Zur neuen Platte:

Finde die Liga nicht mehr ganz so stark, wie früher Superpunk, aber nach wie vor noch eine tolle und sehr sympathische Band. Auf gesamte Albumlänge können sie allerdings nicht mehr so überzeugen. Der Fokus scheint mehr auf die Singles ausgerichtet zu sein mit viel Füllstoff dazwischen. Für mich eine obligatorische 7/10.

Die Highlights: "Ein Leben in Rot mit purpurpenen Blitzen", "Wie ein Kronkorken auf dem weiten Meer", "Ich verlieb mich wieder in mich" und "Der kleine Matratzenmarkt".

Was?
2019-08-14 15:34:04 Uhr
Keine Leidenschaft? Spießig vielleicht ein bisschen...
Jim Panse
2019-08-14 11:04:36 Uhr
Die bisher veröffentlichten Songs lassen 9/10, wenn nicht gar 10/10 vermuten. Album ist vorbestellt.
o. spengler (offiziell)
2019-08-11 14:09:30 Uhr
eigentlich sind die kunden ja sympathisch. und ich liebe auch motown und all diesen alten klang bis zum getno. aber das ist so richtig doitsch im schlechten sinne. also autistisch beobachtet und dann perfekt nachgeäfft. jeden fitzel über den alten sound auswendig gelernt an der akademie, aber die leidenschaft bleibt auf der strecke.
lel
2019-08-11 14:01:17 Uhr
zu so ner spießigen scheissmucke brauchts keine meinung
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