Frank Turner - No man's land

Frank Turner- No man's land

Xtra Mile / Polydor / Universal
VÖ: 16.08.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Liebe Frau Gesangsverein

"Frank Turners politischstes Album. Frank Turners poppigstes Album. (...) Frank Turners wohl umstrittenstes Album." Diese Worte rezitierte Kollege Menne aus der Presse-Info zum Vorgänger "Be more kind". Mit jener Platte trat Pub-Punk-Darling Turner im Jahr 2018 an, um angesichts der zusehends verrohenden, hasserfüllten politischen Debatte für mehr Respekt in der Kommunikation, für Menschlichkeit und Miteinander zu werben. Das Ansinnen aller Ehren wert, waren viele Songs allerdings kompositorisch etwas zu dünn, um Haltung und Aussage nachhaltig zu transportieren. "Wenn schon Konzept, mein Junge, dann aber bitte so richtig", hörte der sympathische Songwriter wohl alsbald eine unbekannte Stimme mit Nachdruck flüstern.

Und der Brite zeigt mit dem Projekt "No man's land", einem Konzeptalbum samt Podcast, nun in jedem Fall konsequenten künstlerischen Mut. Würde man aufgefordert, sein neues Werk in so wenigen Worten wie möglich und dennoch umfassend zu beleuchten, könnte dies so ausgehen: Auf "No man's land" erzählt Turner, der Mann, einer von Männern dominierten Musikszene und der (ebenfalls) von Männern dominierten Weltgeschichte ergreifende, skurrile wie erstaunliche Geschichten über weniger bekannte, aber faszinierende Frauen. 13 Stücke, 13 Damen – und die entstammen höchst unterschiedlichen sozialen, geografischen und historischen Kontexten. Da wäre "Rescue Annie", ein Stück über eine einst ungeküsst ertrunkene Frau, deren Gesicht später weltweit als Modell für medizinische Reanimations-Übungspuppen genutzt wurde. "Du kannst nicht nicht einen Song über eine Frau schreiben, die gestorben ist, ohne je geküsst worden zu sein – und deren Gesicht dann quasi das meistgeküsste Gesicht der Geschichte wurde", meint Turner.

Ebenso klar ist, dass es in jedem Mannesleben zumindest eine unfassbar wichtige Frau gibt: Mama. Der seinigen widmet Turner das feinfühlige "Rosemary Jane", adelt ihren Umgang mit Rückschlägen und den nervenaufreibenden Disputen mit Klein-Frank. Der 37-Jährige besingt die einflussreiche Gitarristin "Sister Rosetta" Tharpe und die feministische Aktivistin Huda Sha'arawi aus Ägypten, der er "The lioness" widmet. Mit Nannie Doss bekommt gar eine Serienmörderin aus den tiefen Südstaaten der USA Aufmerksamkeit, die ihre Opfer einst über Kontaktanzeigen in der Zeitung suchte. Über Vaudeville-Star Dora Hand lernen wir, dass sie von einem rüpelhaften Kleinstadt-Banditen erschossen wurde. Und all dies führe "lebenslange Hauptinteressen" zusammen, so Turner, die bisher immer voneinander getrennt waren: Geschichte und Songwriting. Sowieso hat er zu jedem der Stücke, die er mit musikalisch oder historisch bewanderten "Paten" schuf, viel zu erzählen. Eintauchen können alle Fans im zugehörigen Podcast namens "Tales from 'No man's land'". Musikalisch verortet das Album sich wie der Opener "Jinny Bingham's ghost" oder "The death of Dora Hand" nah an Songwriter- und Folk-Traditionen. Turner stellt die Geschichten in den Mittelpunkt, schafft Atmosphäre mit Streichern, setzt bei "Rescue Annie" auf die Magie des Pianos und feine Bläser, wagt einen Ausflug zu Jazz und Swing mit "Nica".

Jedoch lässt "No man's land" ähnlich der Vorgänger hin und wieder die Raffinesse im Songwriting vermissen. Was nichts daran ändert, dass "Eye of the day", die Ballade über die niederländische Rotlicht-Tänzerin Mata Hari, die während des Ersten Weltkriegs in Paris als deutsche Spionin enttarnt und als prominentes Bauernopfer exekutiert wurde, ein ergreifender Song ist. Klar könnte man dem Engländer wegen des Konzepts mit der Zeitgeist-Keule kommen, aber es ist auch abseits feministischen Supports bemerkenswert, das Projekt durchzuziehen. Denn dieses dürfte weder jenen passen, die bei "linksgrünen" oder pro-feministischen Debatten die Augen rollen, noch ein leicht verdauliches Häppchen für eingefleischte Frank-Turner-Bros sein. Ebenso schwierig wird Turner es bei feministischen Hardlinerinnen haben, die seinen Blick auf die Frauen als dennoch sehr männlich abtun könnten und das Pfund in der Hand hätten, dass nicht eine einzige Frauenstimme zum Zuge kommt – sondern lediglich seine eigene. Man sieht: Die eingangs dieser Rezension rezitierte Einschätzung indes hatte visionären Charakter.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Eye of the day
  • Rescue Annie
  • Rosemary Jane

Tracklist

  1. Jinny Bingahm's ghost
  2. Sister Rosetta
  3. I believed you, William Blake
  4. Nica
  5. A perfect wife
  6. Silent key
  7. Eye of the day
  8. The death of Dora Hand
  9. The graveyard of the outcast death
  10. The lioness
  11. The hymn of Kassiani
  12. Rescue Annie
  13. Rosemary Jane

Gesamtspielzeit: 49:33 min.

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Armin

Postings: 15456

Registriert seit 08.01.2012

2019-08-11 13:58:57 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hoschi

Postings: 66

Registriert seit 16.01.2017

2019-07-29 11:03:31 Uhr
@Martin S.
Sehe ich exakt genauso !
Auf der Tape deck heart kann ich immer nur die A- Seite hören, was auf Vinyl immer ganz praktisch ist ;)
Wo sind Songs wie to an absent friend, long live the queen, Dan´s song oder the road ?
Alles plätschert und ist austauschbar.
PSFNP kriegt max ne 5/10 und be more kind ne glatte 4/10.
Die neuen Songs gliedern sich direkt dort ein.
Schade, mochte den Bub und seine Lala immer sehr gerne.

MartinS

Postings: 588

Registriert seit 31.10.2013

2019-07-06 15:18:11 Uhr
Sein letztes wirklich gutes Album war "England keep my bones".
Danach (genau genommen nach der ersten Hälfte von "Tape deck heart") wurde es zunehmend beliebiger, und zwar leider egal, wie er die Sache anging. "Be more kind" würde ich bis auf den Titeltrack sogar als komplett verzichtbar ansehen inzwischen.
"Sister Rosetta" macht leider genau da weiter.

Hoschi

Postings: 66

Registriert seit 16.01.2017

2019-07-06 09:30:26 Uhr
Die neue Platte wird hoffentlich besser als die letzten beiden Scheiben.
Selbst auf der Tape deck heart hat mir nur die A Seite gefallen, danach wurde es zu ruhig und belanglos.
PSFNP und No more kind hatten 1-2 gute Songs aber der rest war gerade Durchschnitt.
Sister Rosetta klingt, meiner meiner nach, auch nur "nett".
Schaun wa mal...

Armin

Postings: 15456

Registriert seit 08.01.2012

2019-07-04 19:17:12 Uhr - Newsbeitrag
Frank Turner kündigt neues Album "No Man's Land" für den 16. August an + 1. Single "Sister Rosetta" ++ 13-teiliger Podcast
Frank Turner, Frank Turner kündigt neues Album No Man's Land für den 16. August an + 1. Single Sister Rosetta ++ 13-teiliger Podcast

"No Man's Land" veröffentlicht Frank Turner am 16. August ein einzigartiges Projekt: Frank Turner hat ein Album über Frauen geschrieben. Jeder der 13 Songs erzählt von einer außergewöhnlichen Frau, aufgenommen hat er das Album ausschließlich mit Musikerinnen und produziert wurde es von Catherine Marks, ihrerseits preisgekrönte Produzentin 2018. Das Album kann ab sofort vorbestellt werden.

Die erste Single "Sister Rosetta" ist ab sofort erhältlich. Die erste Folge des 13-teiligen Podcasts ist jetzt ebenfalls online abrufbar: https://podcasts.apple.com/gb/podcast/frank-turners-tales-from-no-mans-land/id1470096231

Frank Turner erzählt auf ‘NO MAN’S LAND’ faszinierende Geschichten von Frauen, deren unglaubliche Biographien aufgrund ihres Geschlechts viel zu oft übersehen wurden. “Diese Geschichten hätten schon längst erzählt werden müssen”, sagt Turner über das Album und die zugehörige Podcast-Serie ‘Tales from No Man’s Land’. “Und ich vermute, wären sie Männer gewesen, wären sie heute besser bekannt.”

Die Frauen, die auf den 13 Tracks des Albums vorgestellt werden, kommen aus sehr verschiedenen geographischen und historischen Kontexten. Da gibt es die byzantinische Prinzessin Kassiani (The Hymn of Kassiani), die ägyptische feministische Aktivistin Huda Sha'arawi (The Lioness) oder die Resusci-Anne (Rescue Annie), eine ertrunkene Jungfrau, deren Gesicht als Modell für medizinische Reanimationsübungspuppen genutzt wurde, und das auf der ganzen Welt. (“Du kannst nicht nicht einen Song über eine Frau schreiben, die gestorben ist, ohne je geküsst worden zu sein – und deren Gesicht dann das meistgeküsste Gesicht der Geschichte wurde,” schlussfolgert Turner). Da ist die Serienmörderin aus den tiefen Südstaaten der USA, die ihre Opfer über Kontaktanzeigen in der Zeitung suchte (Nannie Doss), eine jazzbesessene Erbin (Nica Rothschild), die in der Free-French-Bewegung während des Zweiten Weltkriegs kämpfte, oder ein Vaudeville-Star (Dora Hand) aus dem Wilden Westen, die von einem Kleinstadt-Banditen erschossen wurde. Diese sind nur ein paar der vielen faszinierenden Figuren, die lange vom Mainstream ignoriert wurden und jetzt auf No Man’s Land zu Wort kommen.


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