Sleater-Kinney - The center won't hold

Sleater-Kinney- The center won't hold

Mom + Pop / Caroline / Universal
VÖ: 16.08.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Radio killed the riot grrrl star

Drei Frauengesichter verschmelzen auf dem Coverbild, die Tracklist wird geprägt von Bewegung, Rastlosigkeit und Zusammenbruch. Ganz klar: Bei Sleater-Kinney stehen 2019 Veränderung und neue Identität auf dem Programm. Dass unter dieser Belastung das "center" der Band tatsächlich nicht bestehen konnte, war vielleicht abzusehen. Noch vor Veröffentlichung dieses neunten Studioalbums gab Drummerin Janet Weiss ihren Ausstieg bekannt, begründete ihn sogar explizit mit der "neuen Richtung" ihrer Kolleginnen. Das ist jammerschade, aber durchaus nachvollziehbar – vom originalen Sound der Riot-Grrrl-Ikonen bleiben 20 Jahre später nur noch Ansätze übrig. Man muss nicht gleich die obligatorischen "Sellout!"-Marktschreie auspacken, dass sich die neue Annäherung ans Radio ein bisschen mit den alten Idealen beißt, lässt sich allerdings auch nur schwer von der Hand weisen. Aber wie genau klingt "The center won't hold" denn nun?

Für das nicht im Entstehungsprozess involvierte Ohr hält sich der Einfluss der neuen Produzentin St. Vincent jedenfalls in Grenzen. "Leider", muss man da anfügen, denn vom Dekonstruktionsdrang und Expressionismus ihrer makellos grandiosen Diskographie hätte Frau Clark gerne etwas mehr mitbringen dürfen. Die neuen Sleater-Kinney haben weder mit ihrer eigenen Vergangenheit, noch mit der von St. Vincent viel am Hut, sie hinterfragen den Pop nicht, sondern gehen voll in ihm auf. Trotz immer noch sehr präsenter Gitarren und dezent eingesetzter Synthies gehört neuerdings der Schleifstein zum instrumentalen Repertoire der drei Damen, welche die unbändige Wucht von "No cities to love" nur noch erahnen lassen. Auch das Songwriting sucht oft den schnellsten Weg zur Hook und dass Weiss' Königsklassen-Trommelkünste konstant unterfordert werden, könnte eine nicht unwesentliche Rolle bei ihrem Abgang gespielt haben.

Unterm Strich steht dennoch eine positive Bewertung, weil Carrie Brownstein, Corin Tucker und Weiss zwar ein enttäuschendes Sleater-Kinney-Album, aber eine gute moderne Indiepop-Platte gemacht haben. Die zwei ersten Singles veranschaulichen die neuen Qualitäten, beiden fehlt nicht viel zum großen Pop-Wurf: Das zackige "Hurry on home" hätte seine kratzigen Riffs noch etwas nachdrücklicher abschaben können, während beim wirklich schönen "The future is here" nur ein paar uninspirierte "Nanana"s den Gesamteindruck stören. Fehlerfrei macht es der Opener und Titeltrack, der aufzeigt, wie runderneuerte, aber immer noch wütende Sleater-Kinney hätten klingen können. Aus der unbehaglichen Industrial-Kälte erhebt sich eine wuchtige Krach-Attacke, Brownsteins Leiden geht in Tuckers Kampfschreie über und auch Weiss poltert sich am Ende einen Wolf. Aus der hier präsentierten Synergie des Trios lassen sich interne Unstimmigkeiten jedenfalls nicht heraushören.

In einem ähnlich kaputten Gewand erscheint sonst nur das Herzstück "Ruins". Wie eine Antithese zum Rest des Albums breitet es über fünf Minuten ein Fundament des Verfalls aus, gestützt von Fuzz-Dröhnen, jaulenden Gitarren und Cheerleader-Rufen aus der Hölle. Vorher nistet sich der turmhohe Refrain von "Reach out" im Kopf ein, den ein verzerrtes Solo noch gerade so auf dem dreckigen Boden hält. Auch das für Bandverhältnisse fast schon verstörend süßliche "Can I go on" ist ein kleiner Ohrwurm, der Ruhepol "A restless life" übt sich derweil in melancholischer Jangle-Americana – wäre der Song nicht von Brownstein geschrieben worden, hätte man ihm einen Einfluss von Filthy Friends, Tuckers Nebenprojekt mit R.E.M.-Gitarrist Peter Buck, zuschreiben können. Positiv hervorzuheben bleiben die Texte, die wenig an Schärfe eingebüßt haben, sowie die Stimmenfreundlichkeit der Pop-Umgebung, in der vor allem Tucker gesanglich ein bisschen mehr als sonst zeigen kann.

Die hektischen "Love" und "Bad dance" kommen der Ästhetik der Produzentin noch am nächsten, wären aber auf jedem St.-Vincent-Album klar negativ aufgefallen. Was diesen flotten Skizzen an Abrundung fehlt, holt "The dog the body" mit den breitesten Pinseln im Malkasten doppelt und dreifach nach. Größer und damit irritierender war der Pop-Gestus Sleater-Kinneys noch nie, konsequenter hätte "The center won't hold" aber auch nicht kulminieren können. Ja, diese Platte kann wirklich viel Spaß machen, sie reißt aber auch klaffende Löcher in die immer unzerstörbar scheinende Einheit dreier Frauen und in das Faszinosum einer nie vollständig greifbaren Band. Als wollten sie's einem unter die Nase reiben, heißt der letzte Song, eine dramatische, vom Rest entrückte Piano-Ballade, auch noch "Broken". Die Prophezeiung des Albumtitels hat sich zu diesem Zeitpunkt allerdings schon längst erfüllt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • The center won't hold
  • Reach out
  • Ruins

Tracklist

  1. The center won't hold
  2. Hurry on home
  3. Reach out
  4. Can I go on
  5. A restless life
  6. Ruins
  7. Love
  8. Bad dance
  9. The future is here
  10. The dog the body
  11. Broken

Gesamtspielzeit: 36:21 min.

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User Beitrag

fuzzmyass

Postings: 890

Registriert seit 21.08.2019

2019-11-20 23:54:39 Uhr
Ja sehe ich auch so, hatte ich weiter oben ja bereits ausgeführt. Das Album ist solide gut, aber leider ist tatsächkich das aussergewöhnlich packende Element beider Parteien flöten gegangen. Die Einzelteile sind hier jeweils größer als die Summe leider.

MopedTobias

Postings: 13964

Registriert seit 10.09.2013

2019-11-20 20:15:49 Uhr
Wäre ja großartig gewesen, hätten sie den überhaupt nicht schrottigen Style von St. Vincent kopiert, aber leider merkt man davon bei dem Album fast gar nichts. Beide Parteien haben bei der Zusammenarbeit aus irgendeinem Grund ihre jeweiligen Stärken eingebüßt.

Zig-Zag-Zig

Postings: 33

Registriert seit 09.10.2019

2019-11-20 20:04:33 Uhr
Carrie: Hey, ich hab auf Hollywood-Koks-Partys jemanden kennengelernt. St. Vincent, ihr letztes Album war voll schrottig. Sie könnte mit ihrem schrottigen Sound doch unser neues Album produzieren?
OK.
Wie wärs wenn wir auf das charakteristische Drumming unserer talentierten Schlagzeugerin, das so wichtig für unseren Erfolg ist verzichten?
OK.
Und wie wärs wenn wir den schrottigen Style und die schrottige Live-Choreografie von St. Vincent kopieren?
OK.

Album wird schrottig. Drummerin verlässt Band. *Pikachu-Surprise-Meme*

Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2012

Registriert seit 14.05.2013

2019-11-20 19:19:32 Uhr
Janet Weiss Says She Left Sleater-Kinney Because She Was No Longer "A Creative Equal In The Band"

"The roles changed within the band. And they told me the roles changed…

I don’t want to go into super detail, but [Carrie Brownstein and Corin Tucker] told me the roles changed. I said, “Am I just a drummer now?” And they said, “Yes.” And I said, “Am I a creative equal? Can you tell me that I’m still a creative equal within the band? They said, “No.” So I left…"

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 4409

Registriert seit 26.02.2016

2019-10-05 22:37:30 Uhr
"Deutschlandtour".
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