Die Orsons - Orsons Island

Die Orsons- Orsons Island

Vertigo / Universal
VÖ: 02.08.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Gerettete Nächte

2015 verfasste der Rezensent einen Text, den er heute gar nicht mehr so unterschreiben würde: Die Rezension zu "What's goes" von Die Orsons ist irgendwie komisch. Ständig kritisiert sie den Hang zum Peniswitz der Stuttgarter HipHopper. Dabei bilden doch ebensolche Juxe doch meist das Fundament der Reviews des Schreibers. Aber, und das ist erheblicher: Die Wertung war schon korrekt. Denn Die Orsons sind ganz offenbar keine Album-Band. Wenn auf der Tanzfläche langsam aber sicher die Beine müde werden, vermögen es Kracher wie "Schwung in die Kiste" oder "Ventilator" zwar, eine ganze Nacht zu retten, aber abgesehen davon kam die Platte eben mit viel Ausschuss daher. Nun haben Maeckes, Bartek, Kaas und Tua ein neues Album am Start und auch auf "Orsons Island" bewahrheitet sich die formulierte These von der Einzelsong-Crew: zwei bis drei richtig fiese Hits, einige ganz okaye Tracks, aber dann auch wieder ein paar, die zwischen öde und schlichtweg unhörbar schwanken.

Die Erstauskopplung "Grille" gehört zur ersten Kategorie: Herrlich gaga, herrlich dick inszeniert und sogar auch noch irgendwie lebensnah: "Rein in' Club / Zehn Minuten Party, raus aufs Klo / Mikro-Dosis Party, Mikro-Suff" – wer kennt solche Episoden nicht? Wenn am Ende der Beat bricht, eine wirre Bridge übernimmt und schließlich der vollends verrückt gewordene Kaas ganz und gar ausrastet und "einmal Grille, immer Grille" keift, ist dieses irrsinnige Meisterstück komplett. Auch die zweite Single "Dear Mozart" hat ihre Momente. Die Geschichte hinter dem Track: Die Orsons stellen Wolfgang Amadeus Mozart HipHop vor und fragen ihn nach seiner Meinung, während die Hook "Eine kleine Nachtmusik" des Klassik-Genies als geautotuntes "Da-dada-dadadadadadaa" samplet. Schmerzt echt im Ohr, ist aber halt auch ziemlich witzig. Tanzbar wie sau präsentiert sich "Hin & her", das vor allem in der Hook wirklich kickt, aber dafür einen ganz schlimmen Fremdscham-Augenblick bereithält: Die Affengeräusche in Kaas' Strophe.

In "Bessa bessa" geht es darum, wie das Zusammengehen verunsicherter Liebender das Leben verschönern könnte, während drumherum ein Reggae-geimpfter Beat schwoft und Maeckes ein paar melancholische Saiten und Zeilen einstreut. Das gefällt schon. Ein ähnliches Thema hat "Nimm's leicht", welches das Tinder-Zeitalter in ziemlich poppigem Gewand kritisch beleuchtet. "Einen Schatz finden, heißt seinen Platz finden", meinen die Stuttgarter da halbwegs ironisch. Die Gesellschaft hat auch "Sog" im Visier, das vom "Zauber des Vielleichts" spricht: Schreibt sie mir zurück oder nicht? Zwei blaue Haken, aber keine Antwort. Hintergründige spanische Gitarren untermalen die "Deepness" des Songs zunächst relativ plakativ, allerdings kollabiert er zur Hälfte und zerfällt in zappeliges Schlagzeug-Gewitter, bevor der abermals wahnsinnige Kaas erklärt, was noch Liebe und was schon Sucht ist – an dieser Stelle ist es ein toller Track. Auch die Tua-Ballade "Feuer & Öl" berührt. "Minus und minus sind Plus, oder wie war das? / Und ich lieb' Deinen Hass", singt der Rapper da – und wer schon mal eine dieser toxischen Beziehungen geführt hat, der weiß, was er meint.

Die ähnlich ruhigen "Das Geschenk" und "Sowas von egal" gehen hingegen arg unter im großen Wirrwarr. Andere Songs sind komplett für die Tonne, wie etwa die dritte Single "Schneeweiß", in welcher Kaas die Hauptrolle spielt. Ähnlich das in seiner Kitschigkeit kaum zu ertragende "Der ganze Weg", das mehr nach Backstreet Boys 1997 klingt als man es 2019 noch hören wollte. Fast ganz zum Schluss findet sich dafür noch ein ganz großer, wohl sogar der beste Track auf "Orsons Island": "Nummer warte mal" kommt nicht nur mit dem fettesten Beat angerollt, sondern hat auch die besten Lines im Gepäck, die die Stärken der einzelnden Crew-Mitglieder wunderbar aufstellt: Kaas haut feurig den Refrain raus, Tua rappt über sein Dasein als Doch-nicht-Rap-King, Maeckes ist hier am nächsten an dem Maeckes, den man liebt und Bartek macht seine schlimme Strophe von "Nimm's leicht" wieder gut. Am Ende lautet die von einer schwäbischen Omi intonierte Quintessenz: "Die Orsons machet gern Rap-Musik."

Wäre das einfach das Konzept der Truppe, dann könnte "Orsons Island" ein ganz großartiges Album sein. In Wirklichkeit aber gibt es ein anderes Gerüst, das vollkommen untergeht vor lauter Schmarrn und weil die Tracks musikalisch jeweils viel zu große Sprünge machen: In vier Skits – "Kapitel I" bis "Kapitel IV" – wird die Reise nach "Orsons Island" bestritten, die die Songs zumindest theoretisch thematisch gliedern sollte, von der Einbildung zur Einsicht zum Aufbruch zur Ankunft. Hat am Ende nur keiner mitgekriegt. Es ist schon ein komischer Spagat, den die Truppe da versucht, wenn sie meint ihren Gaga-HipHop mit Messages zum Menschsein verknüpfen zu wollen. Das muss man wohl Deichkind überlassen, welche wohl schlichtweg die homogeneren Ansichten dazu haben, wie ihr Output als Ganzes aussehen soll als Die Orsons, deren Einzelcharaktere, jeder für sich genommen, eigentlich das Format zum Superstar haben, beim gemeinsamen Kochen aber manchmal den Brei verderben. Was von "Orsons Island" schließlich übrig bleiben wird, sind zwei bis drei Songs, die eine Club-Nacht retten können. Kennt man ja nicht anders.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Grille
  • Bessa bessa
  • Nummer warte mal

Tracklist

  1. Kapitel I
  2. Grille
  3. Dear Mozart
  4. Hin & her
  5. Kapitel II
  6. Sog
  7. Feuer & Öl
  8. Schneeweiß
  9. Kapitel III
  10. Sowas von egal
  11. Nimm's leicht
  12. Bessa bessa
  13. Kapitel IV
  14. Das Geschenk
  15. Nummer warte mal
  16. Der ganze Weg
  17. Dir Dir Dir

Gesamtspielzeit: 48:11 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Eurodance Commando

Postings: 647

Registriert seit 26.07.2019

2019-10-15 01:34:27 Uhr
Pascal gefällt das.

Web2.0

Postings: 484

Registriert seit 09.10.2019

2019-10-14 22:48:14 Uhr
Coolnessfaktor: Mats Hummels.

Web2.0

Postings: 484

Registriert seit 09.10.2019

2019-10-14 22:46:37 Uhr
Peinlichste Band des Jahrtausends.

(Irgendwie lustig, dass die peinlichste Band des vorigen Jahrtausends ebenfalls eine deutsche Rap-Combo ist ^^)

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 7268

Registriert seit 23.07.2014

2019-10-14 21:30:51 Uhr - Newsbeitrag

Pascal

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 574

Registriert seit 13.02.2013

2019-08-25 03:03:32 Uhr
Freut mich, dass dir "Tilt" auch gefällt. Ist so eine dieser Platten, die mich in einer bestimmten Lebensphase erreichte und dabei voll den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.

Die "Jetzt"-EP kenn ich tatsächlich noch nicht, werd aber reinhören, wenn ich sie aufgetrieben bekomme, und dann was dazu sagen :)
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